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Drei Syrer und der Film „My Escape“

Über ihre Flucht und Deutschland Drei Syrer und der Film „My Escape“

Wo vergangenes Jahr Hunderte von Menschen gelebt haben, übernachten diesmal nur drei junge Männer aus Syrien. Sie waren mit dem Fahrrad unterwegs und hatten einen Film im Gepäck, den sie in der Prince Rupert School, dem ehemaligen Übergangsheim für Flüchtlinge, zeigten.

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Sie sind per Fahrrad unterwegs quer durch Deutschland und berichten von ihrer Flucht: Abdullah Ghunaim (von links), Mohammed Ghunaim und Abdulrahman Dughir.

Quelle: cok

Rinteln. In diesem Film spielten sie selbst mit, nicht als Schauspieler, sondern als Zeitzeugen: „My Escape“ – „Meine Flucht“ – heißt diese Dokumentation.

Wie so oft, wenn man konkret mit Fluchtgeschichten konfrontiert wird, erstarrt man fast als Zuschauer im Bemühen, das, was man sieht und hört, nicht zu nah an sich herankommen zu lassen. „My Escape“ entstand aus Handy-Videos, die Flüchtlinge unterwegs aufnahmen, ob sie sich nun aus Syrien, aus Afghanistan oder Eritrea auf den Weg machten, von dem sie wussten, dass er beschwerlich werden würde, und der doch noch viel härter war als erahnt.

Europa, Deutschland, das ist das Licht, welches von ferne leuchtet, während man endlose Tage durch das Gebirge wandert, in abgeschlossenen Lastern hockt oder in der Wüste von Menschenhändlern überfallen wird.

Einer der Menschen auf der Flucht ist der gerade 26 Jahre alt gewordene Syrer Mohammed Ghunaim, der sich nun zusammen mit seinem Bruder und einem Freund auf eine Radtour machte, die sie von Preußisch Oldendorf aus über Rinteln nach Berlin führt, um unterwegs Filmvorführungen anzubieten.

„Unsere Mission ist es, auf die Deutschen zuzugehen und mit ihnen zu reden, uns zu zeigen“, sagte er in bewundernswürdig gutem Deutsch. „Diese Worte, ‚Wir schaffen das‘, beziehen sich auf uns alle gemeinsam, nicht nur auf die Deutschen.“

Eine Passage aus der Dokumentation unterstreicht das, und da können die Zuschauer erstmals lachen: Als eine Flüchtlingsgruppe hinter der Grenze mitten auf der Straße geht, ruft einer laut: „Leute – benehmt euch wie die Deutschen!“

Mohammed Ghunaim und sein Bruder Abdullah nahmen sich von Beginn an vor, ihre Flucht zu dokumentieren. Mohammed, im Film blass und müde (ganz anders als jetzt,) hat einen Schal umgebunden, den Schal seiner Mutter.

Dramatische Flucht

Die erste Filmszene zeigt Bomben, die auf Damaskus fallen, so schrecklich nah, dass man unwillkürlich zusammenzuckt. Bomben anderer Art fallen auf das Leben eines afghanischen Journalisten, der wegen seiner Arbeit in Lebensgefahr ist und sich mit seinem kleinen Neffen auf den Weg macht. Manchmal muss er ihn tragen, weil der tapfere Kleine nicht mehr laufen kann, dann wieder leuchtet das Handy-Licht das Innere eines geschlossenen Lkw aus, in dem die Menschen nach Luft ringen.

Ein Filmer aus Eritrea erzählt von der längsten und gefährlichsten Flucht, die vor allem in der Wüste Sahara immer wieder von bewaffneten Banditen unterbrochen wird, wo den Flüchtenden das Letzte, was sie haben, geraubt wird. Der Mann aus Eritrea kann sein Handy in der Kapuze verstecken, doch vielen wird das Geld genommen, das eigentlich für die Überfahrt über das Mittelmeer gedacht war. Dann verkauft die Familie alles was sie noch hat, um das Leben ihres Angehörigen auszulösen. Die Filmaufnahmen aller Beteiligten zeigen Schlepperbanden, wie sie über Flüchtlinge verhandeln, als seien sie keine Menschen, sondern einfach nur eine Ware.

Das alles kommt einem durch den Zusammenschnitt von Regisseurin Elke Sasse und ihrem Team ungeheuer nah. Abdullah Ghunaim spricht vor der Fahrt im absurd wackeligen Schlauchboot seine Mutter an. Er will nicht, dass das Letzte, was sie von ihm sieht, seine Leiche am Strand ist.

Der Junge aus Afghanistan zeichnet in Deutschland die Stationen seiner Flucht, das Auto, von dem er beinahe runtergefallen wäre, die winzigen Räume, in die sie von den Schleppern weggeschlossen wurden, die dunklen Lkw: „Hier saß ich, und da saß mein Onkel.“

In Deutschland angekommen

Am Ende des Filmes atmet man auf: Alle Beteiligten sind einigermaßen heil in Deutschland angekommen. Auch eine gewisse Beschämung kann durchaus entstehen. Wie leicht es ist, zu sagen: „Schließt die Grenzen.“ Doch begegnet man den Menschen, die sich aus großer Not auf den Weg machten, und begleitet sie gewissermaßen auf ihrer langen Reise, dann scheint ein „Willkommen“ die einzig angemessene Reaktion zu sein. Wie fassungslos und glücklich filmen die Flüchtlinge ihre Ankunft in Deutschland und dieses „Willkommen“.

Die Dokumentation „My Escape“ findet sich in der Mediathek des WDR und auch als YouTube-Video. cok

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