Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° wolkig

Navigation:
Ein 15-Minuten-Gespräch mit zwei Präsidenten

Rinteln / Deutsch-polnische Beziehungen Ein 15-Minuten-Gespräch mit zwei Präsidenten

Um Punkt 12 Uhr betritt Flavia Röhrs aus Engern die Bühne in der noch fast menschenleeren Berliner Kalkscheune: Generalprobe für das Gespräch mit dem polnischen Staatspräsidenten und dem Bundespräsidenten. Anschließend untersucht das Bundeskriminalamt routinemäßig das Gebäude.

Voriger Artikel
Barrierefreies Wohnen? Für Familien schwierig
Nächster Artikel
Verurteilt: Ehemann schlägt seine Frau

Flavia Röhrs (Dritte von links) im Gespräch mit Staatspräsident Bronislaw Komorowski (Zweiter von rechts) und Bundespräsident Christian Wulff (rechts). © pr.

Rinteln (pk). In der Zwischenzeit ist Flavia Röhrs wieder in einem vornehmen Berliner Hotel, zieht sich noch einmal um. Dann geht es wieder zurück in die inzwischen von 350 Gästen gefüllte Kalkscheune. Noch vor einem Jahr wusste die Rintelnerin noch so gut wie nichts über Polen. Jetzt befindet sich die Studentin im Gespräch mit dem polnischen Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski und Bundespräsident Christian Wulff. Anlass ist die Feier des Deutsch-Polnischen Jugendwerks, das vor 20 Jahren gegründet wurde.

Nach den Reden der beiden Präsidenten betritt Flavia Röhrs mit drei deutschen und polnischen Kommilitonen die Bühne, 15 Minuten lang tauschen sie sich mit den Staatsmännern aus. „Unsere vier Fragen mussten wir allerdings vorher einschicken. Die wurden dann noch etwas umformuliert, aber dann durften wir sie stellen“, berichtet Flavia Röhrs im persönlichen Gespräch mit unserer Zeitung.

Auf derselben Bühne nimmt die 23-jährige Flavia Röhrs als zweite Vorsitzende der Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS) gemeinsam mit den anderen Vorstandsmitgliedern zudem den Preis „Guter Nachbar/Dobry Sasiad“ entgegen, der an diesem Tag vergeben wird.

„Dass wir den Preis bekommen haben, ist aber wahrscheinlich auch darauf zurückzuführen, dass die Vertreter der anderen Teilnehmer lauter ältere Männer waren: Dabei war es doch ein Preis des Deutsch-Polnischen-Jugendwerks“, unkt Flavia Röhrs zwinkernden Auges.

Die offizielle Begründung für die Auszeichnung sei jedoch gewesen, dass sich die GFPS seit 1984 dafür einsetze, deutschen Studenten das Studium in Polen sowie polnischen Studenten das Studium in Deutschland zu ermöglichen. Seit 1994 bestehe zudem der polnische Partnerverein GFPS Polska. Diese Partnerschaft wurde nun gewürdigt.

Jedes Semester werden von der GFPS zehn Stipendien vergeben. Eines ging 2010 an Flavia Röhrs. Seit knapp drei Jahren studiert die Rintelnerin in Chemnitz „Europa-Studien“. Ihr Fokus, sagt sie, liege auf Osteuropa. Und da sie über Polen noch nicht viel wusste, entschied sie sich für ein Auslandsjahr in dem für sie unbekannten Nachbarland.

An das Stipendium zu kommen, sei nicht schwierig gewesen. „Pro Semester bewerben sich bloß 30 Studenten, man hat also eine Chance von 1:3“, sagt Flavia Röhrs bescheiden.

Und war bereits der Schritt vom beschaulichen Rinteln ins großstädtische Chemnitz kein kleiner, so war die Begegnung mit dem polnischen Lodz, wo die Studentin ihre zwei Auslandssemester verbringt, ein ungleich einschneidenderes Erlebnis. „Das ist ein sehr krasser Kontrast, vor allem zu Rinteln. Lodz war mal eine Industriestadt, aber die Industrie liegt größtenteils brach. Noch nie habe ich so viele Obdachlose, Betrunkene oder Kranke auf der Straße gesehen. Dabei ist es eigentlich eine interessante Stadt“, sagt Flavia Röhrs im Hinblick auf die von verschiedenen Nationen geprägte Entwicklung der Stadt bis zum Zweiten Weltkrieg.

„Danach wird die Geschichte der Stadt vor allem traurig, in Lodz gab es eines der größten von den Nazis gebildeten jüdischen Ghettos.“

Zunächst habe sie in einer Wohngemeinschaft mit polnischen Studenten gewohnt. „Die waren aber so froh, an mir ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen, dass ich nach einem halben Jahr ins Studentheim umzog: Schließlich wollte ich polnisch lernen“, schildert Flavia Röhrs.

Neben im Vergleich zu Deutschland überproportional vielen Schnapsläden seien ihr vor allem die mindestens genauso zahlreich vertretenen Sprachschulen in Lodz aufgefallen. „Die Sprache wird dort auf gewisse Weise als Tor zur Welt begriffen, über die sich leicht Jobs finden lassen“, erzählt die Studentin.

Aber die GFPS diene freilich nicht bloß zum Studienaustausch, sondern gleichzeitig auch dem Abbau von Vorurteilen. Die bestünden nämlich nach wie vor beiderseits. „Das reicht von recht harmlosen Vorurteilen, nach denen alle deutschen Frauen hässlich oder die Deutschen gegen alles versichert seien“, erzählt die Rintelnerin lachend, „bis zu tiefer gehenden Vorbehalten, etwa, dass die Deutschen keine Polen mögen würden.“

Vereinzelt seien auch die Wunden, die durch den Überfall der Nazis auf Polen entstanden, noch nicht ganz verheilt. Überhaupt habe Geschichte in Polen schon in der Schule einen viel größeren Stellenwert als in Deutschland, meint die „Europa“-Studentin.

Bis September ist sie noch in Polen. Sie absolviert in Warschau ein Praktikum bei der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer, dann geht es wieder zurück nach Chemnitz, um ihren Bachelor-Abschluss zu machen. Und zwischendurch kommt Flavia Röhrs natürlich immer mal wieder zu Besuch nach Rinteln.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Die „Schlossklause“, die ehemalige Gaststätte an der Arensburg, fiel vermutlich Brandstiftung zum Opfer... mehr