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Flüchtlinge machen Theater Ein Geschenk

Vor der Aula der Prince Rupert School hat sich eine lange Menschenschlange gebildet. Es wird getuschelt. Die Stimmung ist erwartungsvoll. Und ein bisschen feierlich.

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Anspruchsvoll und sehr emotional: das abstrakte Theaterstück Albtraum. Die 15-jährige Salma Zbib (Mitte) ist das jüngste Mitglied der Theatergruppe aus der Prince Rupert School.

Quelle: Tobias Landmann

Rinteln. Seit Wochen fragen sich die Bewohner der Notunterkunft, die Sicherheitsdienstleute und die vielen Mitarbeiter, was Roshdi Alftlove (37) mit den anderen zwölf Tag für Tag in der Aula ausheckt.

Ein Theaterstück, so viel hat sich inzwischen rumgesprochen. An diesem Sonntagnachmittag ist die Premiere. Rund 200 Besucher sind der Einladung gefolgt, Bewohner der Notunterkunft, Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes und andere Helfer. Es wird dunkel in der Aula. Dann geht der Vorhang auf.

Es ist ein Albtraum. So heißt das abstrakte Theaterstück, dass Roshdi Alftlove inszeniert hat. Die fünf Schauspieler winden sich auf dem Boden, sie schreien, stöhnen und ächzen. Auf die Geburt folgt die Kindheit. Sie lachen, sind glücklich. Dann endet der erste Akt. Und mit ihm das Glück.

Was folgt, sind das Leid, das sie aus der Heimat treibt, die Flucht und die Widrigkeiten, denen sich die Flüchtenden dabei ausgesetzt sehen: die lebensgefährliche Bootsfahrt von der Türkei nach Griechenland, Angst, Hunger, Krankheit. Und der Tod. „Jeder Schauspieler spielt seine eigene Rolle, drückt aus, wie er sich auf der Flucht gefühlt hat“, sagte Alftlove bei den Proben im Gespräch mit unserer Zeitung.

 Das beklemmende Stück kommt fast vollständig ohne Worte aus, beschränkt sich auf Körpersprache. So soll es von allen verstanden werden. „Das Stück heißt Albtraum, weil die Flucht ein Albtraum war, eine Reise des Todes“, so Alftlove.

„Give us hope! Gebt uns Hoffnung!“, ruft Wilat Hias (17), einen Kinderwagen schiebend, von der Bühne ins Publikum. Denn auch davon handelt das Stück: von der Hoffnung auf ein besseres Leben, auf Sicherheit, von Geduld und schließlich von Dankbarkeit. Dankbarkeit, es geschafft zu haben. Und Dankbarkeit für die Hilfe, die sie in Deutschland erfahren.

Hier angekommen, erklingt die deutsche Nationalhymne, mit Text. Reglos steht die 13-köpfige Theatergruppe auf der Bühne. Es folgt ein arabisches Lied. Es wird geweint. Aus Erleichterung, endlich am Ziel zu sein, aber auch aus Heimweh, aus Trauer. Die Aufführung endet. Das Publikum bedankt sich mit stehenden Ovationen. „Germany! Germany!“, skandiert ein Zuschauer. Und die Theatergruppe ist glücklich, lässt sich feiern und feiert sich selbst.

Alftlove und die anderen wollen mit dem Theaterstück etwas zurückgeben, sagen sie, den Deutschen ein Geschenk machen. „Es ist denen gewidmet, die den Weg hierher nicht überlebt haben, und den Deutschen, die uns unterstützt haben“, sagte einer aus der Theatergruppe vor der Aufführung in einer Ansprache auf Arabisch, das von der Bückeburgerin Hala Bahrinipour ins Deutsche übersetzt wurde.

Roshde Alftlove ist aus dem Irak nach Deutschland geflohen, er ist von Beruf Regisseur. In der Prince Rupert School startete er mit anderen Flüchtlingen einen Theater-Workshop. 20 hätten sich am Casting beteiligt, aber nur fünf haben die Rollen bekommen: Shervan Abraheem, Salma Zbib, die Brüder Mosaab und Tareq Khlil und Hussein Kattie.

In „Albtraum“ verarbeiten sie ihre teils traumatischen Fluchterlebnisse. Sie flohen aus dem Irak, Syrien und Libanon. Alftlove ist mit 37 der älteste, andere sind noch Teeanger, die jüngste, Salma, ist erst 15.

Theater zu spielen ist für die meisten von ihnen eine neue Erfahrung. Jetzt hoffen sie, ihr Stück auch außerhalb der Prince Rupert School aufführen zu können. Ohne Gage. Es ist ein Geschenk. pk

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