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„Ein Ort des Abscheus“

Rinteln / Geschichte „Ein Ort des Abscheus“

Beim bloßen Spazierengehen würde heute keiner mehr zufällig den Standort des einstigen Rintelner Galgenplatzes entdecken. Er befindet sich nämlich direkt unter der B238, zwischen Konrad-Adenauer-Straße und Engernweg, ganz in der Nähe der Straße Galgenfeld.

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Auf einer Karte aus dem Jahr 1712 hat Andreas Schmeiche (kleines Bild) den winzig klein eingezeichneten Galgen ausgemacht. pr.

Rinteln. Das hat der Hobbyhistoriker Andreas Schmeiche aus Friedrichshöhe jetzt herausgefunden.

 „Entdeckt habe ich den winzig klein eingezeichneten Galgen auf einer Karte aus dem Jahr 1712 in der Chronik von Steinbergen“, erzählt Schmeiche. „Daraufhin habe ich mir die Karte vom Staatsarchiv Bückeburg zukommen lassen, um weitere Untersuchungen vornehmen zu können.“ Schmeiche ist nämlich nicht nur an der lokalen Geschichte interessiert, sondern von Beruf auch Technischer Zeichner. Die damit einhergehenden Kenntnisse erleichtern ihm die Arbeit bei der Relokalisierung von Standorten auf jahrhundertealten Karten. So lokalisierte er bereits in Friedrichswald auch den „Lustgarten“ von Graf Otto IV. zu Holstein-Schaumburg aus dem 16. Jahrhundert (wir berichteten).

 Jetzt legte Schmeiche einen sogenannten Layer, also eine Folie, auf die Karte von 1712, übertrug die markanten Punkte auf den Layer und legte ihn dann auf weitere, jüngere Karten, errechnete die Maßstäbe. So konnte er den genauen Standort des Galgenplatzes rekonstruieren.

 Die erste urkundliche Erwähnung des „Galgenkamps“ geht Schmeiche zufolge auf das Jahr 1550 zurück. Und er befand sich, wie damals üblich, in unmittelbarer Nähe zur Grenze des Gerichtsbezirks. „Das hatte Signalwirkung. So wusste jeder, der den Galgen oder die Gehängten sah, dass sie sich in Rinteln besser nichts zuschulden kommen lassen“, erklärt Schmeiche. Die Leichen wurden in der Nähe des Galgens verschachert. „Leider ist beim damaligen Bau der Umgehungsstraße die Erde nicht archäologisch untersucht worden“, bedauert der Hobbyhistoriker, schließt aber nicht aus, dass jenseits der Straße noch etwas zu finden sei.

 „Richtstätten sind immer auch Grabstätten der jeweils Hingerichteten, da ihnen kein Begräbnis auf dem Friedhof zustand“, bestätigt Stefan Meyer, Historiker sowie Leiter des Rintelner Museums und Stadtarchivs. „Die Richtstätte war zugleich der Schindanger der Stadt. Hier vergrub der Abdecker, der im Nebenberuf auch das Scharfrichteramt ausübte, die unbrauchbaren Reste verendeter Tiere. Es war damit ein Ort des Abscheus in doppelter Hinsicht.“

 Eine Karte von 1733 zeigt sogar einen sogenannten dreischläfrigen Galgen, an dem bis zu neun Menschen gleichzeitig aufgehängt werden konnten. Auf einer Karte von 1752 ist zu dem dreischläfrigen Galgen vermerkt: „Hinter dem Gericht“ und „Rintelsche Justiz“. Schmeiche schließt nicht aus, dass dieser extravagante Galgen möglicherweise auch eine Art Statussymbol der Stadt war. „Inwieweit die juristische Fakultät der Universität Ernestina dabei eine Rolle spielte, bleibt vorerst unbeantwortet. Die letzte Karte mit Galgen stamme aus dem Jahr 1799, so Schmeiche.

 „Ich habe dann angefangen zu forschen, habe Bücher und Urkundenbücher gewälzt“, erzählt Schmeiche. Dabei stellte er etwas fest, dass bei den nächsten bekannten Hinrichtungen (1831 von Wilhelm Mühlhaus und 1837 von Johann Heinrich Seidenfaden) die Verurteilten nicht mehr im Galgenfeld gehängt, sondern im Heinekamp geköpft wurden.

 Bislang unbekannt ist, wie viele Menschen im Galgenfeld den Tod fanden. „Von der Hinrichtungsstätte am Galgenfeld sind keine Einzelheiten bekannt“, sagt Meyer. „Intensive Recherchen im Stadtarchiv oder Staatsarchiv könnten aber noch manches zutage bringen.“

 Zudem seien das Galgenfeld und der Heinekamp möglicherweise nicht die beiden einzigen Richtstätten im Rintelner Stadtgebiet gewesen. „Um 1910“, weiß Meyer zu berichten, „wurde beim Kiesabbau am Doktorsee der von einem großen Eisennagel durchbohrte Schädel einer Frau gefunden.“ Im Nackenbereich sei noch die Hieb-Spur des Richtschwertes erkennbar. „Es handelt sich offenbar um den Kopf einer hingerichteten Person, der wie bis in das 18. Jahrhundert üblich, anschließend zur Abschreckung auf einen Pfahl oder Balken genagelt worden war“, so Meyer. Der Kopf befindet sich im Museumsbestand.

 Erst vor wenigen Tagen wurde in Stadthagen eine Hinweistafel aufgestellt, die an den einstigen Stadthäger Galgen erinnert (wir berichteten). Schmeiche ist ein bisschen neidisch. Denn: „Was uns leider noch fehlt, sind die Gehängten und ihre Geschichten.“pk

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