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„Es war ihm egal, ob ein Zug kommt“

Rinteln / Prozess „Es war ihm egal, ob ein Zug kommt“

Noch heute erinnert sich das Opfer genau an seine Qual, hat Schmerzen, psychische Probleme. Den Abend des 26. Februar wird der 34-jährige Bahnmitarbeiter nie vergessen: Der Springer wurde auf dem Bahnhof in Völksen von einem stark alkoholisierten Gewalttäter aus Rinteln misshandelt, zusammengeschlagen und aufs Gleisbett gezogen, verfolgt, zu Boden gerissen und erneut brutal getreten. Jetzt wurde der Fall am Springer Amtsgericht verhandelt.

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Von Markus Richter

Völksen/Rinteln. Angeklagt war ein 24-jähriger Mann mit polnischer Staatsbürgerschaft, dessen Leben kurz zuvor aus dem Ruder gelaufen war. Kurz vor Weihnachten verlor er seinen Job, konnte dann seine Wohnung nicht mehr bezahlen. Er nahm einen Kredit auf, die damalige Freundin sei mit dem Geld durchgebrannt. „Eine schlimme Nachricht nach der anderen“, sagt er. Der Rintelner traf sich mit Freunden zum „Frusttrinken“ – und er zechte erhebliche Mengen: allein an einem Tag zwei Flaschen Wodka. In Hameln setzte ihn ein Gastwirt dann in die S-Bahn nach Hannover. Und dort traf der Mann auf sein späteres Opfer.

 Zusammen mit einer Kollegin kontrollierte der Springer die Zugtickets der Fahrgäste. Der Angeklagte hatte einen gültigen Schein, wurde aber laut, weil dieser ihm nicht noch einmal abgestempelt wurde. „Er war aggressiv, hat geschrien – aber so etwas haben wir ja öfter bei uns“, erinnert sich der 34-Jährige. In Völksen stieg der Bahnmitarbeiter aus, eine Tür hinter ihm verließ zufällig auch der Angeklagte den Zug. Es kam zu einer kontroversen Diskussion – und plötzlich rastete der 24-Jährige aus, verpasste dem Opfer einen Kopfstoß. Der Mann stieß den Angreifer weg, der an der Bahnsteigkante taumelte. Im Gerangel riss er schließlich den Älteren mit sich in das Gleisbett.

 Dort drückte er das Opfer bäuchlings auf den Boden, drosch auf es ein. „Es war ihm egal, ob ein Zug kommt.“ Die Hilferufe hörte niemand. Endlich konnte sich der Springer befreien, lief weg. Doch sein Verfolger ließ nicht locker. Auf der Straße trat er den Mann in den Rücken, sodass dieser hinfiel. Der Springer überließ ihm schließlich seinen Rucksack und konnte per Handy die Polizei informieren. Der Angeklagte beteuerte gestern, sich praktisch an nichts mehr erinnern zu können.

 Die Streifenwagenbesatzung fand zunächst den Verletzten, der mit einem Krankenwagen abtransportiert wurde. Der 34-Jährige erlitt multiple Prellungen und zahlreiche Hämatome, später wurden zwei gebrochene Rippen diagnostiziert – sechs Wochen Arbeitsunfähigkeit und seelische Spätfolgen.

 Den Gewalttäter trafen die Beamten kurz darauf kauernd in einem Graben an und nahmen ihn fest. „Er war mal wahnsinnig aggressiv, dann wieder weinerlich“, erinnert sich ein Kommissar. Zwei Stunden später ergab eine Blutprobe, dass der Mann 2,63 Promille Alkohol im Blut hat, zum Tatzeitpunkt also rund drei Promille. Der Tatvorwurf des Diebstahls wurde eingestellt – die verstreuten Gegenstände wurden wieder aufgefunden.

 Der Staatsanwalt forderte in seinem Plädoyer eine zehnmonatige Bewährungsstrafe und 120 Stunden gemeinnützige Arbeit wegen Körperverletzung. „Er wusste, was er tat – das war keine Lappalie.“ Bereits zweimal hatte der Rintelner wegen ähnlicher Delikte Geldstrafen bezahlt. Die Richterin jedoch erkannte eine „erheblich verminderte Schuldfähigkeit“ an, was juristisch eine Strafmilderung nach sich zieht. Sie verurteilte den Mann dazu, 900 Euro an die Staatskasse zu zahlen. „Das war eine Ausnahmesituation in seinem Leben.“

 Das Urteil nahm der Geschädigte kopfschüttelnd zur Kenntnis. „Daraus lernt der gar nichts.“ Die Entschuldigung des Täters kommentierte er nicht.

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