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Flüchtlinge beziehen Quartier in Rinteln

Ankunft in der Prince Rupert School Flüchtlinge beziehen Quartier in Rinteln

Die Prince Rupert School ist noch nicht komplett eingerichtet, trotzdem haben bereits die ersten Flüchtlinge aus der Jägerkaserne in Bückeburg ihre neue Unterkunft in Rinteln bezogen.

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Rinteln. Verschränkte Arme, vorgereckte Schultern, das rote Cappy tief ins Gesicht gedrückt, die Lippen zusammengepresst – zufrieden sieht der Senegalese nicht aus. Gerade ist er mit einer 25-köpfigen Gruppe Afrikaner von der Jägerkaserne Bückeburg in die Prince Rupert School nach Rinteln verlegt worden. Die meisten lauschen noch aufgeschlossen den Worten der Sozialarbeiterin, die auf Englisch und Französisch die neue Lage erklärt. Eine kleine Gruppe aber bleibt stehen, während der Rest beginnt, die eng aneinandergereihten Betten zu beziehen. „Auf diese Ecke müsst ihr achtgeben, da versammeln sich die Unzufriedenen“, sagt die Sozialarbeiterin auf Deutsch zu den beiden stämmigen Sicherheitsmännern, die in der Türe warten.

Die Araber, so geht das Gerücht um, hätten in Wohnungen bleiben dürfen. Nur die Afrikaner müssten jetzt plötzlich umziehen. Es sind Falschinformationen, die die Gerüchteküche zum Brodeln und manchmal die Stimmung zum Kochen bringen können. Selbstverständlich ziehen alle um, erklären die Sozialarbeiter immer wieder aufs Neue.

Die Mitarbeiter wissen, auf welche Flüchtlinge sie sich absolut verlassen können. „90 Prozent sind kooperativ“, sagt eine erfahrene Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte.

Schon während des Gespräches mit der Sozialarbeiterin beginnen die Flüchtlinge, in ihren Muttersprachen miteinander zu diskutieren. Auch hier verrät die Körpersprache innerhalb kürzester Zeit, wer beruhigt und erklärt und wer gerade auf 180 ist.

Vieles läuft nicht optimal beim Übersiedeln von der Kaserne in die Schule. Ein oder zwei Tage mehr Vorbereitungszeit hätten dem Vorgang gut getan. Doch diese Zeit gab es nicht. Beinahe täglich treffen neue Menschen in Bückeburg ein. Auch das DRK kann mit der Situation nur umgehen, wie sie ihm präsentiert wird. Das wird auch den Flüchtlingen immer wieder erklärt.

Feuerwehrleute haben die Betten in den Zimmern aufgestellt. Wie viele Betten in jedem Zimmer stehen, sei eine Vorgabe „von oben“, gewesen, war zu hören. Die Zimmertüren können nicht komplett geschlossen werden, damit die Sicherheitsleute bei ihren Rundgängen kontrollieren können, ob alles in Ordnung ist.

Zumindest das Problem, dass die Flüchtlinge nicht genug Steckdosen zum Aufladen ihrer Handys haben, stellt sich hier nicht. Es gibt genügend in den Zimmern, weitere Steckdosenleisten in einen Computerraum. „Ein Stress weniger“, sagt eine DRK-Mitarbeiterin. Und noch eine Verbesserung: Jeder Flüchtling erhält seinen eigenen nummerierten Spind, den er abschließen kann. Im Erdgeschoss sollen noch die Scheiben mit Folie beklebt werden, damit man von außen nicht in die Zimmer schauen kann.
Noch ist auf dem Gelände nicht alles fertig. Für die Tore fehlten gestern Schlösser. An der Haupteinfahrt zur Schule soll noch ein Nebengebäude für die Sicherheitsleute hergerichtet und ein Container direkt an der Einfahrt aufgestellt werden. Hier werden, so ist geplant, die Hausausweise der Flüchtlinge gescannt, damit man weiß, wer im Gebäude ist und wer nicht. In einem weiteren Nebengebäude wird eine Kleiderkammer eingerichtet. Es gibt einen Raum für Waschmaschinen und Trockner – hier fehlen noch die Geräte.

Durch einen Zaun getrennt ist der zweite große Komplex auf dem Gelände: das Internat. Kaum jemand, der bei der Umgestaltung der Klassen- in Schlafräume mitgeholfen hat, glaubt deshalb, dass es bei 600 Flüchtlingen bleibt. Das glaubt vermutlich nicht einmal Alexander Götz (SPD) vom Innenministerium, der sich in der Informationsveranstaltung in der Steuerakademie zu der Frage eher ausweichend geäußert hatte. Denn in Schule und Internat ist zusammen genommen Platz für mindestens 1000. Nur will das bislang niemand offiziell bestätigen.

In der Prince Rupert School, wie zuvor auch in der Jägerkaserne, warten alle auf die Registrierung. Die Landesregierung betont zwar, ihr Möglichstes zu tun, doch betragen die Wartezeiten Wochen, teils Monate. Vorher gibt es kein Taschengeld, keine Chance auf eine Wohnung, auf einen Neuanfang. „Viele haben seit Wochen keinen Cent in der Tasche“, erklärt eine Sozialarbeiterin.

Gerüchte gehen unter den Geflüchteten um, anderswo würde es schneller gehen. Anderswo bekäme man Geld, Wohnungen und Wlan. Es hält die Menschen niemand auf, ihr Glück anderswo zu versuchen, betonen Mitarbeiter des DRK. Was viele auch tun. Die Fluktuation sei derzeit wahnsinnig hoch. Vor allem in Bielefeld und Dortmund versprechen sich die Flüchtlinge bessere Zustände. Auch in Rinteln sei schon mehrmals zu hören: „Der Bahnhof ist 500 Meter entfernt. Wenn es dir nicht passt ...“

Aber die am ersten Tag noch etwas chaotischen Zustände in der Prince Rupert School sollen sich in den nächsten Tagen normalisieren, heißt es. Die Voraussetzungen sind gut: Die Schule hat große Sportareale, eine eingerichtete Turnhalle und mehrere Aufenthaltsräume. Für drei schwangere Bewohnerinnen stehen eigene kleine Räume zur Verfügung. Auch eine Mutter mit einem Zweijährigen sowie einem drei Monate alten Kind wird einen der privaten Räume erhalten. „Das ist alles schon eingetütet.“

 Ein Kindergarten, Schulunterricht, therapeutische Theaterstunden für Kriegstraumatisierte, Sportangebote und, und, und. Die Liste der Pläne, wie das riesige Gelände der Prince Rupert School sinnvoll genutzt werden kann, um einen Lagerkoller zu vermeiden, ist lang.

Wann die nächsten Flüchtlinge kommen, kann vor Ort niemand sagen. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass bereits heute weitere Busse ankommen.
Im Wilhelm-Busch-Weg ist vor der Ankunft der Flüchtlinge von Angst oder Panik kaum etwas zu spüren gewesen. Dass sie kommen sollten, wusste bereits jeder. „Einfach mal abwarten“ – das ist die vorherrschende Haltung bei den Anwohnern. Worin fast alle übereinstimmen: Die Lampen in der Nordstadt sollten jetzt wirklich wieder eingeschaltet werden.

„Ich finde es nicht schön“, sagte Timo Mühlenmeier, der in der Nähe der Unterkunft wohnt. „Das wird jetzt einfach ein bisschen viel. Es gibt größere Städte, die das besser auffangen können. Jeder hat natürlich das Recht zu leben, aber ich mache mir schon Sorgen.“

Einen anderen Standpunkt vertrat der Finanzschüler Patrick Milch: „Ich freue mich, so kann man das Haus gut nutzen. Wir sind ja keine alten, gebrechlichen Leute, wenn etwas passieren sollte, was ich nicht glaube, können wir uns wehren.“ Die 19-jährige Alicia Koslowski stimmt ihm zu: „Ich kenne das ja von uns aus dem Dorf in Eschede, da laufen auch viele rum, und es gab keine Probleme.“

Eine Seniorin im Wilhelm-Busch-Weg, die ihren Namen nicht nennen wollte, kündigte an, künftig ihre Türe gut zu verschließen. „Aber die Flüchtlinge sind ja nicht die Schlimmen. Eher die anderen, die nicht dort dazugehören, mit den Anschlägen und so.“ Gemeint hat sie damit Rechtsextremisten. Ingrid Klättke meint: „Ich hab ja noch nichts von denen gesehen. Es sind ja schon einige nicht einverstanden. Aber wenn die mich in Ruhe lassen, dann lass ich die auch in Ruhe. Und wenn die grüßen, grüß ich freundlich zurück.“ Ihr Sohn ergänzt: „Wir sind da ja tolerant."

wm, jak

Geht gar nicht

Von Stefan Reineking

Das geht in der Tat gar nicht: Hunderttausende Flüchtlinge halten sich derzeit ohne Registrierung in Aufnahmelagern in Deutschland auf. Da sie sich ohne Registrierung faktisch illegal im Land befinden, sind sie quasi nicht existent, können gehen, wohin sie wollen und sich damit einer Registrierung mit anschließender Asylantragstellung und Abwicklung eines ordnungsgemäßen Verfahrens entziehen. Mit anderen Worten: Sie können, wenn sie keine Aussicht auf Asyl oder Duldung haben, schlicht und ergreifend untertauchen. Die drohende Konsequenz: Heerscharen illegaler Einwanderer, die durch Städte und Dörfer vagabundieren, staatlich nicht registriert sind, keine Geld- oder Sachleistungen erhalten und sich irgendwie über Wasser halten müssen und werden. Mit Bettelei? Mit Diebstahl? Mit Drogenverkauf?
Die jetzige Praxis ist die Bankrotterklärung des Staates. Und das in einem Land, das sich stets seiner Ordnungsliebe, seiner funktionierenden Bürokratie und seiner hohen Sicherheitsstandards rühmt. Es muss doch wohl verdammt noch mal möglich sein, die paar hunderttausend Flüchtlinge bei Eintritt ins Staatsgebiet zu registrieren, ihnen Unterkünfte zuzuweisen und zu verhindern, dass sie in die Illegalität abgleiten oder in der Anonymität verschwinden. Dazu bedarf es keiner juristisch geschulten und spezialisierten Beamten. Das sollte eigentlich jeder können.

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