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„Gedruckte Zeitung – das finde ich prima“

Rinteln / 250 Jahre "Schaumburger Zeitung" „Gedruckte Zeitung – das finde ich prima“

Ein Ministerpräsident hat es meist eilig, Termine, Termine, Termine. Eben noch in Hameln, in einer Stunde schon wieder in Hannover, aber David McAllister kennt einen Trick: „Wenn ich ein paar Minuten früher am Ort bin, kaufe ich am Kiosk die lokale Zeitung.

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Chefredakteur und Geschäftsführer Stefan Reineking (kleines Bild) blickt optimistisch in die Zukunft: „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo (von links), Verleger Günther Niemeyer, Ministerpräsident David McAllister, dahinter Karikaturist Horst Haitzinger und dessen Ehefrau sowie Verleger Hans Niemeyer lauschen interessiert.

Quelle: tol

Rinteln (dil). Sie können nichts Besseres bekommen, um mit einem Ort Witterung aufzunehmen, um zu erfahren, was die Leute dort wirklich bewegt.“ Gestern funktionierte der Trick, sein Grußwort zum 250-jährigen Bestehen der Schaumburger Zeitung verströmte Nähe, fand viel Beifall. Und dann war er auch schon fast wieder weg.

 Mehr als 100 Gäste begrüßte Chefredakteur und Geschäftsführer Stefan Reineking zum Jubiläum der SZ in der Jakobikirche, dort, wo einst alles begann. Denn das war die Kirche der früheren Universität, und hier durften die Festredner gestern auf die Kanzel – aus einem würdigen Anlass an einem würdigen Ort.

 McAllister fand kleine Zeitungen für Niedersachsen prägend und unverzichtbar: „Eine lebendige Zeitungslandschaft ist ein wichtiges Element einer funktionierenden Demokratie. Ich glaube, es gibt einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Zeitungsabonnenten und der Beteiligung an einer Kommunalwahl. Deshalb liegt es im ureigenen Interesse aller, dass wir mündige und informierte Bürger haben, und dazu kann eine Lokalzeitung beitragen. Für mich gehört sie jedenfalls morgens zum Frühstück –und hoffentlich gedruckt, das ist mir lieber, als durchs Internet zu navigieren. Gedruckte Zeitung – das finde ich prima.“

 Die Zukunft der Schaumburger Zeitung sah er positiv, denn die Menschen hätten zunehmend ein Bedürfnis nach Heimat. „Regionale Identitäten werden den Menschen in den nächsten Jahren mehr Sinn und Orientierung geben. 1400 RI-Kennzeichen beim Landkreis reserviert, das zeigt doch, wie groß der Wunsch ist, einer bestimmten Regionalität auch durch ein Autokennzeichen Ausdruck zu geben. Das ist hier wohl ein echtes Bringerthema. Wir brauchen Lokal- und Qualitätsjournalismus in Deutschland. Dazu möge die Schaumburger Zeitung weiter einen Beitrag leisten“, erklärte McAllister.

 Lutz Göhmann und Michael Schmidt ließen wie nach jedem Redebeitrag Trompetenklänge von der Empore hören. Reineking erinnerte dann an die Anfänge der Zeitung in Rinteln, damals einer für Professoren und Studenten recht langweiligen Stadt mit 2500 Einwohnern. Erst als engagierte Verleger das Heft in die Hand genommen hätten, sei es mit dem Blatt wirtschaftlich aufwärts gegangen. Seit sechs Jahrzehnten liege diese Rolle bei der Verlegerfamilie Niemeyer in Hameln. Und die Herausforderungen der Zukunft würden angenommen – im Internet wie beim Gewinnen der Leser von übermorgen. So starte nächstes Jahr gemeinsam mit Partnern die kreisweite Aktion „Zeitung in der Grundschule“ für Kinder der 3. und 4. Klassen. Diese dürfen dann lesen, recherchieren und selbst Berichte für die Zeitung schreiben. „Bei uns geht lokal vor global“, nannte Reineking ein Erfolgsrezept. Lesernähe und Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit und bei Bedarf Kritik kämen hinzu. „Bei uns hat es noch keinen Anruf von Landrat oder Bürgermeister gegeben, um Einfluss auf Berichte zu nehmen. Man kennt uns zu gut und weiß, dass das keinen Zweck hat.“

 Unter den Gästen waren viele ehemalige Redakteure und Volontäre der Schaumburger Zeitung, einer durfte ans Mikrofon: Georg Mascolo, der es bis auf den Chefredakteurssessel des Magazins „Der Spiegel“ gebracht hat. „Ich werde immer ein Kind dieser Zeitung sein“, bekannte Mascolo. „Hier habe ich mein Handwerk gelernt, meine ersten Fehler gemacht und meine ersten Erfolge gefeiert. Heute Morgen bin ich bei Ihnen zu Hause, in meiner Heimat – und dazu gehört meine Heimatzeitung. Sie verbindet das Große in der Welt mit dem, was vor der Haustür passiert. Sie liefert dies publikums- und volksnah – seit 250 Jahren.“

 Mascolo betonte, dass es von 1933 bis 1945 eine unrühmliche Phase gab: „Zwölf Jahre NS-Zeit zeigen, dass auch Verleger und Journalisten aufpassen müssen, keiner falschen Sache zu dienen.“

 Zum Zeitungssterben stellte Mascolo fest, es sei wie bei der Grippe, die Schwachen treffe es zuerst. Deshalb komme es darauf an, rechtzeitig die richtigen Entscheidungen zu treffen, auch zum Thema Internet: „Wichtig ist, dass die Menschen uns lesen, nicht wo. Der Leser will den Dialog und vertrauen können. Einfacher wird es im Journalismus nicht werden, aber was einem wirklich fehlt, spürt man meist erst, wenn man es schon verloren hat.“ Doch er sah auch Hoffnung und verwies auf Finanzmogul Warren Buffet: „Der investiert in Lokalzeitungen. Die Zukunft liegt für ihn eben vor der Haustür.“

 Reineking begrüßte unter den Gästen auch den Hauskarikaturisten Horst Haitzinger mit Ehefrau. Eine Ausstellung mit 120 seiner Karikaturen aus 30 Jahren bewunderten die Gäste anschließend bei kulinarischen Genüssen aus der „Waldkater“-Küche im Museum Eulenburg – auf drei Etagen.

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