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Hilfe für verstrahlte Kinder in Not versiegt

Rinteln / Tschernobyl Hilfe für verstrahlte Kinder in Not versiegt

Die Hilfe aus Rinteln für Kinder in Not in Krasniza und krebskranke Kinder in der Bezirkshauptstadt Gomel droht langsam zu versiegen. Ein Blick zurück und einer nach vorn.

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Hiltraud Mumme (rechts) und Helmut Schütte zeigen eine Tafel vom 25-jährigen Bestehen der ÖAG Krasniza 2011. Der Hilfsappell ist zwar immer noch aktuell, aber das 30-jährige Bestehen der ÖAG wird schon nicht mehr gefeiert. Grund: Es gibt kaum Nachwuchs, der die Aufgabe weiter trägt.

Quelle: dil

Von Dietrich Lange

Rinteln/Exten/Strücken. Die Gefahr für Gesundheit und Leben der Menschen in der Region um Tschernobyl ist weiter da. Kinder werden mit Fehlbildungen geboren, ihre Eltern ziehen wegen der Arbeitsplätze auch aus der weißrussischen Dorf Krasniza fort. Die Patenkinder von engagierten Rintelner Helfern sind inzwischen erwachsen, haben zum Teil selbst schon Kinder. Und die Rintelner Helfer sind alt geworden, finden keinen Nachwuchs.

Bei der Katastrophe im Kerbkraftwerk Tschernobyl in der Nordukraine blickte 1986 fast die ganze Welt auf diesen ersten Super-GAU der friedlichen Kernkraftnutzung. Als 1990 der Eiserne Vorhang fiel, bildeten sich im Westen Helfergruppen, die vor allem den Kindern in den verstrahlten Gebieten helfen wollten. „Vier Wochen in gesunder Luft mit gesunder Ernährung bei uns, das war die Devise“, erinnert sich Hiltraud Mumme an die Anfänger der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Krasniza. 1993 legte sie los, Dieter Seydell (heute 78) als Sprecher und Mumme (heute 69) als eine von vielen unermüdlichen Helferinnen organisierten Jahr für Jahr ein Urlaubs- und Erholungsprogramm kurz vor den hiesigen Sommerferien, denn sonst hätte man wohl weniger Betreuer gehabt, sagt Mumme heute.

Eine Delegation hatte in Weißrussland geeignete Dörfer für die Patenschaften ausgesucht. Auf die ev.-luth Kirchengemeinde Exten fiel das damals 450 Einwohner zählende Krasniza. Helmut Schütte, früher Klempnermeister in Uchtdorf, und seit 2003 Nachfolger Seydells als Vorsitzen der, zieht Bilanz: „Wir hatten in 21 Jahren 70 Gasteltern für die insgesamt 334 Kinder, die jeweils für vier Wochen kamen. Anfangs waren es über 30, zuletzt im Jahr 2012 nur noch zwölf im Alter von acht bis 14 Jahren. Aber da hatten wir auch nur noch vier Gasteltern“ „Dass heute Mann und Frau berufstätig sind, lässt dieses Engagement ja nicht mehr zu“, begründet Mumme, die selbst als Hausfrau tätig war, den Rückgang.

Die Ferienbetreuung ist also Geschichte. Fahrten nach Krasniza unternimmt eigentlich nur noch Seydell, der dort mehrere Patenkinder hat. Von 1994 bis 2011 wurden auch elf Hilfstransporte mit Lebensmitteln und Bekleidung nach Krasniza geschickt. Die ÖAG hatte in besten Zeiten 23 Mitglieder, doch die wurden älter und älterm Hilfstransporte tun sie sich nicht mehr an. Auch wegen der Beschränkungen für die Einfuhr und der strengen Zollkontrollen. Schütte: „Früher waren es vier Stunden beim Zoll, zuletzt zwölf, und vieles erscheint uns dabei als Willkür und Schikane.“
Doch die Hilfsbereitschaft blieb. Ab 2005 wurden Hilfspakete zum Stützpunkt einer weißrussischen Spedition in Hildesheim gebracht, doch irgendwann waren es so wenig, dass die Spedition 2013 den Transport über 1600 Kilometer nicht mehr machen wollte.

Parallel dazu sank die Einwohnerzahl in Krasniza auf 350, junge Leute zogen weg. In der Bezirkshauptstadt Gomel, wo Krankenhäuser bei Hilfen für Menschen aus Krasniza unterstützt wurden, bildete sich ein regionaler öffentlicher und wohltätiger Verein „Hoffnung den Kindern in Not, Gomel“. An der Spitze steht Valentina Pochomova, die auch schon in Rinteln war. Sie koordiniert die Hilfe für krebskranke Kinder.

Da es Sachspenden kaum noch gibt, organisiert Mumme inzwischen Geldspenden. Doch mehrer Sorgen treiben sie dabei um: Kommt das Geld überhaupt an? Wie viel bleibt bei der hohen Inflation in Weißrussland effektiv für Hilfe übrig? „Gerade habe ich aber wieder einen Brief bekommen, dass die jüngste Spende von über 5000 Euro eingetroffen ist“, freut sich Mumme. Dem Brief liegt eine Liste bei, wer das Geld bekommen hat. Die Rintelner Spender machen dafür auf dieser Liste Vorschläge mit Summen, oft sind es Patenkinder oder schon deren Kinder. Hinter den Namen finden sich Vermerke für „erledigt“.

Aber wie lange diese bisher bar von zuletzt Kirchenvertretern überbrachten Spenden noch Sinn machen, ist offen. „Wenn es weniger als 50 Euro sind, lohnen die 80 Kilometer Anfahrt aus Krasniza gar nicht“, erzählt Mumme, „doch ich kann den über 50 Spendern doch hier nicht vorschreiben, wie viel sie mindestens spenden sollen.“
Bliebe ja noch der Weg der Überweisung, aber dann würde die Angelegenheit langsam anonym, könnte der Staat Zugriff bekommen. „Manche Spender wollen dann auch nicht mehr mitmachen“, weiß Mumme. „Ich selbst kann mich aber nur schwer von dieser Hilfe trennen. Vielleicht können wir neue Wege mit der noch aktiveren Helfergruppe in Bad Eilsen finden.“

Neue Patenschaften gibt es kaum noch, andere Katastrophen in der Welt haben Interessen und Spendenbereitschaft für die Tschernobylregion sinken lassen. Schütte ergänzt: „Vielen in Weißrussland geht es heute ja auch viel besser als damals.“ Geblieben sind noch einige Briefkontakte. Dolmetscher helfen, die deutschen und russischen Texte für die jeweils andere Seite zu übersetzen. Geschenkpakete lohnen auch nicht mehr. Mumme: „Die eingepackten Ostereier wurden nach Sicherstellung beim Zoll erst Weihnachten ausgeliefert.“

Nächstes Jahr wäre die Hilfsaktion für Krasniza 30 Jahre alt, aber gefeiert wird nicht. Auch an eine Benefizkonzert wie zum 25-jährigen Bestehen ist nicht gedacht. Aber ganz aufgeben mögen Mumme, Seydell und Schütte auch nicht, schon gar nicht, wenn ein Dankesbrief mit Worten ankommt wie: „Im Namen aller Eltern und aller kranken Kinder bedanken wir uns herzlich bei jedem Menschen, der mit der Tat oder mit dem Wort unsere Kinder unterstützt. Eure Hilfe gibt ihnen Hoffnung auf ein Leben ohne Tränen, ohne Schmerz und ohne Krankheit. Dank Eurer Freundschaft scheinen die schlimmsten Tage nicht mehr so grausam. Liebe Freunde, Ihr leistet nicht nur gute Hilfe, Ihr rettet die zarten Kinderseelen.“ Das war 2011.

Doch Valentina Pochomova teilte im selben Jahr auch mit: „In 20 Jahren, die der Verein in Gomel existiert, haben wir in der schwarzen Liste4 der gestorbenen Kinderv 150 Namen eingetragen: Jedes Jahr erfahren mehr als 200 weißrussische Familien, dass ihrem Kind die furchtbare Diagnose Krebs festgestellt ist. So fängt für sie ein anderes Leben an, der ständige Kampf um die Kinder, der Kampf gegen die Krankheit um jeden Preis.“ Der Verein „Hoffnung den Kindern in Not“ ermöglicht materielle, humanitäre und psychologische Hilfe, kauft auch Lebensmittel ein und mehr.

Unterstützt wird dieser verein noch von sieben Helfern aus Rinteln in einer Aktionsgemeinschaft. Diese und Mumme verschicken Briefe an Spender, wenn wieder mal eine Aktion geplant ist. Wer unabhängig davon medizinische Hilfe unterstützen will, kann auf das Konto des Kirchenkreises Grafschaft Schaumburg spenden. Nähere Auskünfte gibt Mumme unter (05751) 957121.

Übrigens gibt es auch positive Auswirkungen auf Rinteln: Ein ehemaliges Ferienkind war später noch mal als Aupair-Mädchen in Rinteln, heiratete dann einen Deutschrussen und gebar ihm in Rinteln zwei Kinder. Ein Beitrag gegen den demografischen Wandel.

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