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Hoffnung inmitten aller Schuld

Rinteln / Pogrom-Gedenken Hoffnung inmitten aller Schuld

„Das Echo des Grauens ist da. Vergessen mit der Zeit würde dem größten Verbrechen, das je geschah, Amnestie gewähren.“ Superintendent Andreas Kühne-Glaser hat zu Beginn des ökumenischen Gottesdienstes in St. Nikolai zum Gedenken an die Novemberpogrome vor 75 Jahren darauf eingestimmt, dass die Mitschuld vieler festgehalten werden müsse. Schüler des Gymnasiums Ernestinum machten mit Worten und Musik eindrucksvoll spür- und hörbar, worum es am 8. November 1938, davor und danach ging.

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Gedenken in St. Nikolai.

Quelle: dil

Von Dietrich Lange Rinteln. „Mit den Novemberpogromen begann die systematische Stigmatisierung und Vernichtung jüdischen Lebens und das anderer, von den Nazis nicht für lebenswürdig erachteter, Minderheiten. Und die Kirchen haben weitgehend dazu geschwiegen. Auch in Rinteln wurde dabei mitgemacht.“ Wie – das zeigten Schüler der Theater-AG des Gymnasiums in Worten und Spielszenen. Die Einführung eines schulfreien Samstags und dessen Umwandlung in einen Staatsschutztag mit Wehrertüchtigung durch scheinbar harmlosen Sport und Gemeinschaftserlebnisse gehörten ebenso dazu wie das Denunzieren eines 14-jährigen jüdischen Jungen bei der Gestapo in Hannover, der nur einen Pass für eine Reise nach Holland beantragt hatte. Ausgrenzung, Pogrom und Versuch der Flucht lauteten die Themen der Schüleraktionen.

Jessica Gniesmer (Geige) und Karoline von Blomberg (E-Piano) sprachen mit getragenen Tönen die Sinne an, Kreiskantorin Daniela Brinkmann mit Orgel und Gesang besonders gut ausgewählter Lieder – darunter ein jüdisches – Gemüt und Verstand. „Wir stehn vor Dir (Gott), beladen mit unserer Väter Schuld. Gib uns, die Last zu tragen (haben), Kraft und Geduld“, sangen die vielen Gottesdienstbesucher mit.

Immer wieder unter die Haut gehen die Worte Martin Niemöllers zum Thema „Wegschauen“, vorgetragen diesmal von einer Schülerin. Hier verkürzt der Inhalt: „Als die Nazis ihre Opfer holten, habe ich geschwiegen, denn ich gehörte ja nicht dazu. Als sie mich holten, war niemand mehr da, der dagegen seine Stimme erheben konnte.“ Beim nachfolgenden Musikstück rührte die Geige mit ihren Tönen des Leidens fast zu Tränen, die Orgelklänge danach wirkten wie verzweifelte Hilferufe von gequälten Opfern der Gewalt.

Und nun setzten Kühne-Glaser und Pastor Heiko Buitkamp mit einer Predigt im Dialog noch einen intellektuell scharfen Akzent obendrauf. Kühne-Glaser: „Wo war Gott in Auschwitz, Treblinka oder in Rinteln in jener Nacht?“ Buitkamp: „Müssen wir nicht auch fragen, wo waren die Menschen?“ Kühne-Glaser: „Niemand war da, weder Gott noch der (gute) Mensch.“ Buitkamp: „Doch es gab auch hier Menschen, die zu ihren jüdischen Mitbürgern gestanden haben.“ Kühne-Glaser: „Und was hat es genützt?“ Buitkamp: „Es waren nicht genug. Sie hatten Angst.“

Angst zu verbreiten, sei bis heute ein Mittel von Diktaturen, verdeutlichte Kühne-Glaser: „Aber hätte man nicht selbst zur schweigenden Mehrheit gezählt, weil man ja nicht zur verfolgten Minderheit gehört?

Auswüchse gegen Minderheiten gibt es bis heute. Es gibt keinen Grund, nicht wach zu sein und sich einzusetzen. Freiheit ist kein Dauerzustand und keine Selbstverständlichkeit. Die Kräfte, die zum Holocaust führten, sind noch da – vielleicht in jedem von uns. Deshalb ist es besonders toll, dass die Schüler des Ernestinums hier sind und uns erinnern. Erinnern ist sowieso gut.“

Und mittendrin die Rauminstallation „Tische der Zeit“ von Gisela Gührs mit ihren Tischen voller Knochen und den Feuertöpfen voller Federn im Altarraum. Kühne-Glaser: „Die Federn sind vielleicht Engelsfedern. Dieser Raum ist doch ein Zeichen der Anwesenheit Gottes. Er ist also auch im größten Grauen da. “

In Liedern und Gebeten hofften die Versammelten auf Stärke bei Ohnmacht, Wärme bei Angst und verlorenem Vertrauen, auf den Wandel der Sehnsucht nach Geborgenheit in ein Gefühl von Heimat. Es ging um Kraft, Neues zu schaffen, und um ein Überwinden von Ausgrenzung.

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