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Humorist und Tierquäler

Rinteln / Ringelnatz-Abend Humorist und Tierquäler

Durch den draufgängerischen und tollpatschigen Seemann „Kuttel Daddeldu“ wurde Joachim Ringelnatz, geboren am 7. August 1883 in Wurzen, berühmt.

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Fast scheint es, als würde Ulrich Kodjo Wendt (rechts) den skurrilen Seemann Kuttel Daddeldu aus der Ferne auf einem Schiff näherkommen sehen. So plastisch ließ Ringelnatz-Preisträger Achim Amme die Kunstfigur aus den Versen von Joachim Ringelnatz aufleben.

Quelle: who

Von Werner Hoppe. Dieser ungehobelte Matrose, der in aller Regel unbekümmert Fünfe grade sein lässt – meist in alkoholisiertem Zustand und ohne Rücksicht auf mögliche Risiken sowie Nebenwirkungen – ist es, der in vielen Fällen Einsteiger zu seinem Dichtervater Ringelnatz hinführt. Dass dieser jenseits der Figur des tollpatschigen und wohl nur scheinbar so lustigen Sailors eine erhebliche dunkle und bedrückende Seite hat, dürfte die Fangemeinde im großen Vortragsraum hoch oben unter dem Dach des Prinzenhofes von der jüngsten „Kultur zur Teezeit“ mit nach Hause genommen haben.

 Für das Ringelnatz-Outing hatte der Kulturring Rinteln mit dem Ringelnatz-Preisträger Achim Amme einen Kenner der zwiespältigen Person des Hans Gustav Bötticher (Ringelnatz‘ Geburtsname) geladen. Unterstützt wurde dieser bei seiner wiederholt musikalischen Präsentation von dem Musiker Ulrich Kodjo Wendt. Manchmal ließen die beiden Künstler – ergänzt durch meist eigene Lieder und Textinterpretationen – Spuren von Reinhard Mey und anderen neuzeitlicheren Liedermachern durchklingen und holten den nach langer Krankheit am 17. November 1934 in Berlin verstorbenen Ringelnatz so in die Gegenwart. So brachten sie den Zuhörern die Facetten der Dichterseele und ihre weniger bekannten dunklen Abgründe umso näher.

 Diese vermutlich wie bei den meisten Dichtern empfindsame Seele war es, die Amme und Wendt immer wieder beleuchteten. Und die wohl seit Ringelnatz‘ früher Kindheit danach verlangt haben mag, ein anderer zu sein, als die kleine schmächtige Person mit den zu dünn geratenen krummen Beinen, die er (von ihm selbst literarisch belegt) als Erwachsener so lange wie möglich im Jahreslauf mit einem Winter-Gehrock zu kaschieren versuchte.

 Schmerzhafte Kindheitserlebnisse wie die von den Schlägen eines Lehrers mit dem Lineal auf die Finger haben manche der garstigen Verse inspiriert, so scheint’s. Zum Beispiel die Schilderungen im „Geheimen Kinderspruchbuch“ von 1924 über sadistische Insektenquälereien. Oder die Beschreibungen in den Raben-Bulletins, in denen Ringelnatz von seinem Dienst als „Vogelsitter“ berichtet, der im Gedicht drei Raben am Ende das Leben kostet, der aber auf einer real erlebten Geschichte fußt, die (vermutlich) gut ausgegangen ist.

 Zwischen den Textvorträgen griffen Amme und Wendt immer wieder zu den Instrumenten (der Ringelnatz-Preisträger zur Gitarre), um die dunkleren beziehungsweise unglücklichen Seiten des Lebens des Dichters zu beleuchten, das in Armut endete, dem aber seine große Liebe Leonharda Pieper bis zum Ende zur Seite stand. „Muschelkalk“ war sein seltsamer Kosename für sie und unter einer steinernen Platte aus Muschelkalk wollte er begraben sein, der Dichter, der häufig Verse fern jeder Logik verfasste.

 So wie die von dem Suaheli-Haar, das nachts um drei in der Nordsee treibt. Aber nicht zuletzt mit derlei skurrilen Gedichten wurde Ringelnatz bekannt, dozierte Achim Amme erklärend. Und hauptsächlich solche Gedichte waren es anscheinend, die auch dem Rintelner Publikum geläufig waren. – Das besonders mitging, bei den weitläufig verbreiteten Versen von den Hamburger Ameisen, die in die weite Welt verreisen wollen und es schlussendlich vorziehen, zu Hause zu bleiben. Dort zu Hause, wo auch die beiden Künstler zu Hause sind, die, wie sie am Ende ihres Auftrittes zu erkennen gaben, für weitere Einladungen des Kulturrings offen sind.

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