Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
„Ich bin auch Ausländer“

Der Liebe wegen in Rintelncok „Ich bin auch Ausländer“

Statt wie früher in einem Café auf den berühmten „Ramblas“ seiner Heimatstadt Barcelona trinkt der Spanier José Navarrete (56) heute seinen Kaffee gemütlich unter den Linden vor der „Wohndiele“ am beschaulichen Rintelner Kirchplatz. Es war seine große Liebe, die deutsche Touristin Marion Heydenreich, um derentwillen er als junger Mann die spanische Weltstadt verließ, um sich auf ein Leben im Norden Deutschlands einzulassen. Und Barcelona? „Ach, das vermisse ich eigentlich gar nicht. Rinteln hat doch alles, was man braucht.“

Voriger Artikel
Zum Jubiläum kommt der Bischof
Nächster Artikel
Endspurt: Riesenandrang bei „Rio“

José Navarrete

Quelle: cok

Rinteln .(cok). Touristen, ja, die fänden Barcelona aufregend, die schwärmten vom Nachtleben in der abenteuerlichen Altstadt und von den phantastischen Jugendstilgebäuden des Architekten Antonio Gaudi. „Wenn man aber jeden Tag in der Hitze mit der proppevollen U-Bahn zur Arbeit fahren muss und es überall so hektisch zugeht, dann sieht das ganz anders aus.“ Navarretes Stimme klingt melodiös.

Mit seinen hellen Haaren und Augen wirkt nicht wie der typische Spanier, aber sein Sprachduktus könnte schon einen Hinweis auf sein Herkunftsland geben. „Na ja, das und vielleicht die Tatsache, dass ich nie so früh Abendbrot essen würde wie die meisten Deutschen. Vor neun Uhr abends habe ich keinen Appetit.“
Er findet nichts Besonderes daran, dass er 1980 seine Arbeit als Industriekaufmann aufgab und bereit war, die Entfernung von 1600 Kilometern zwischen sich und Freunde und Familie zu legen. Schließlich hatte seine Frau Ähnliches gewagt, als zunächst sie für zwei Jahre zu ihm nach Barcelona gezogen war, bereit, eventuell für immer dort zu bleiben. Wäre nicht der lange Militärdienst dazwischengekommen, vielleicht hätte es eine Deutsche mehr in Spanien gegeben, statt eines Spaniers mehr in Rinteln. So kehrte Marion Heydenreich de Navarrete zur Freude ihrer Familie nach Rinteln zurück, fand Arbeit als Krankenschwester im Kreiskrankenhaus und bereitete eine Wohnung für die Ankunft ihres Mannes vor.
Der fand dann einen Job als Lagerarbeiter in der Papierfabrik „Schroeder & Wagner“, wo außer ihm noch zwei weitere Spanier eingestellt waren, die ihm freundschaftlich zur Seite standen, wenn er an Kommunikationsgrenzen stieß. „Mir wurde schnell klar, dass ich hier nicht weiterkomme, wenn ich die Sprache nicht flüssig beherrsche“, sagt er und dreht sich dabei eine Zigarette. „Ich hatte nicht vor, für immer nur ungelernte Arbeit zu machen.“ Zum Glück verdiente seine Frau genug Geld, um die Kosten für einen Intensiv-Sprachkurs in Hameln übernehmen zu können.
Darauf ließ sich Navarrete mit so viel Energie ein, dass er sich erfolgreich auf die Stelle eines Pflegers im Bückeburger Pflegeheim Haus Kurt Partzsch bewerben konnte. „So was hatte ich vorher noch nie gemacht“, sagt er. „Aber ich wusste einigermaßen, was mich erwartet. Ich kannte durch meine Frau viele Leute mit Pflegeberufen.“ In dem Pflegeheim leben überwiegend Menschen, die durch Krankheit oder Unfall ihre Bewegungskraft verloren haben, Menschen, die bewältigen müssen, dass sie ihr Leben lang an Rollstuhl oder Bett gefesselt sein würden. Man kann sich gut vorstellen, dass der so ausgeglichen wirkende Spanier der richtige Mann war für diesen Pflegedienst. Es dauerte nicht lange, und man bot Navarrete die Ausbildung zum staatlich anerkannten Heil- und Erziehungspfleger an – und danach die Leitung einer der Stationen.
Hat er schlechte Erfahrungen als Ausländer in Rinteln gemacht? Dazu fällt ihm nur ein Erlebnis ein: Beim Arbeitsamt habe er einst von einem Mitarbeiter zu hören bekommen, er solle mal schön in seine Heimat zurückkehren, die Deutschen brauchten ihre Arbeitsplätze selbst. „Das allerdings war hart. Ich konnte mich gar nicht wehren, dazu war mein Deutsch noch zu schlecht.“

Ansonsten aber fühlte er sich schnell an- und aufgenommen, anders als andere Gastarbeiter. „Wenn Leute einen Unterschied machen wollten zwischen mir als Spanier mit deutscher Familie und anderen Migranten, sagte ich immer: ‚Ich bin auch Ausländer! Und wir sind alle Menschen!‘“
Er selbst hat sich dafür entschieden, die spanische Staatsbürgerschaft zu behalten. Seine Tochter Esther aber, die einen Kunsthandwerk-Laden an der Ostertorstraße führt, wählte die Möglichkeit der doppelten Staatsbürgerschaft. „Rinteln ist meine Heimat geworden. Doch es sieht so aus, als hätte ich unserer Tochter vermitteln können, dass auch Spanien ein wunderbares Land ist.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg