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„Ich trage kein Kopftuch“

Rinteln „Ich trage kein Kopftuch“

„Warum nur starren mich alle so an? Nur weil meine Mutter anders aussieht als die deutschen Frauen? O, als kleines Kind habe ich mich oft für meine Mutter geschämt!“ Solche Sätze waren es im Vortrag, den Hatice Imsak (51) im „Haus der Weltreligionen“ am Sonnabend hielt, die die etwa 50 Zuhörer, darunter auch eine Reihe Mitglieder aus der Rintelner muslimischen Gemeinde, sehr bewegten.

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Im „Haus der Weltreligionen“ erzählt 51-jährige Hatice Imsak eindrucksvoll ihre Lebensgeschichte.

Quelle: cok

Rinteln. Es ging darum, wie Muslime mit ihrem Glauben und ihren kulturellen Traditionen in Deutschland leben. Hatice Imsak, Mitarbeiterin im Rintelner Jugendamt, warf dabei nicht mit Zahlen und Theorien um sich, sie erzählte einfach die Geschichte ihrer Familie.

 Ihr Vater hatte sich vor 44 Jahren aus Anatolien aufgemacht, um als einer der ersten Gastarbeiter in Deutschland, in Stadthagen zu arbeiten. Bald folgten ihm Frau und Kinder, und während sich die siebenjährige Hatice zunächst unbefangen neugierig auf das Leben im fremden Land einließ, stellte sich für die Eltern bald heraus, dass sie als echte Fremdlinge angesehen wurden und sich auch als Fremdlinge fühlten. „Damals habe ich das nicht so scharf wahrgenommen“, sagte sie. „Doch im Nachhinein ist mir klar, wie ganz allein auf sich gestellt meine Eltern sich durchschlagen mussten.“

 Sie kannten keine anderen Türken. Nirgends gab es eine Moschee, auch keinen türkischen Laden, es gab keine Sprachkurse und auch keine Unterstützung in der Schule. „Meine Mutter war Analphabetin, und sie war oft sehr traurig, weil sie sich so orientierungslos vorkam.“ Die Eltern lebten als gläubige Muslime. Selbstverständlich sollte die Tochter in der Schule ein Kopftuch tragen. „Ich fand das ja auch ganz normal“, erzählte Imsak. „Aber dann wurde ich von den anderen Kindern ausgelacht. Meine Mutter weinte, als ich sagte, ich will das Kopftuch nicht. Natürlich wollten meine Eltern, dass ihre Kinder zu den anderen dazugehören. Aber ebenso ging es ihnen darum, unsere Kultur und Tradition nicht aufzugeben.“

 In ihrer Jugend musste sie ständig Kompromisse machen und Wege finden, einerseits die geliebten Eltern nicht zu kränken und ja auch selbst an ihrem Glauben festzuhalten, andererseits aber nicht völlig zur Außenseiterin zu werden. „Ich habe lange immer das Kopftuch umgebunden, wenn ich das Haus verließ, und es dann auf dem Weg zur Schule in den Ranzen gesteckt“, sagte sie. Irgendwann dann gaben die Eltern nach: „Mädchen, du musst das Kopftuch nicht tragen, es ist schon in Ordnung so.“

 Schwieriger war es insgesamt mit dem Schulbesuch. Nach der Grundschule erschien es ganz selbstverständlich, dass sie einfach zu Hause blieb, im Haushalt half und sich um die jüngeren Geschwister kümmerte. Warum sollte ein Mädchen, das eh heiraten und Kinder bekommen würde, seine Zeit in der Schule verschwenden? „Verrückt ist: Damals bemerkte niemand, dass ich gar nicht mehr zur Schule ging.“ Erst, als sie mit 16 Jahren eine eigene Aufenthaltserlaubnis beantragen musste, fiel den Behörden auf, dass sie ja noch schulpflichtig war. Um nicht als Teenager unter Fünftklässlern zu sitzen, ging sie auf die Berufsschule. „Und da merkte ich, dass ich gerne lerne, wissbegierig bin, was erreichen will.“

 Niemals werde sie die freundliche deutsche Nachbarin vergessen, die während ihrer Grundschulzeit immer die Hausaufgaben mit ihr machte. „Meine Eltern konnten mir ja allein wegen der sprachlichen Probleme gar nicht helfen.“ Mit der Zeit holte Hatice Imsak alle Abschlüsse nach, absolvierte das Fachabitur, und da war es dann auch so weit, dass ihre Eltern verstanden, wie wichtig Bildung ist, um in Deutschland eine Zukunft zu haben. „Meine jüngeren Geschwister hatten es dann viel leichter. Ich war wirklich ihre Vorkämpferin.“

 Imsak engagiert sich in der Rintelner muslimischen Gemeinde. Ein Kopftuch trägt sie immer noch nicht. „Das ist auch kein Problem. Ich lebe in einer Art kulturellem Mischmasch – und das ist gut so.“ cok

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