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„Junge Leute finden eigene Kennzeichen cool“

Rinteln / Interview „Junge Leute finden eigene Kennzeichen cool“

Die mögliche Wiedereinführung der Kfz-Kennzeichen von vor der Gebietsreform in den siebziger Jahren beschäftigt nicht bloß die Verkehrsminister, sondern auch die Wissenschaft. Professor Dr. Ralf Bochert (Bild) von der Hochschule Heilbronn untersucht seit Anfang vergangenen Jahres mit den Marketingchancen einer Wiedereinführung alter Kennzeichen. Bocherts Ergebnissen liegen inzwischen über 20.000 persönliche Interviews in knapp 100 Städten zugrunde. Redakteur Philipp Killmann hat mit Professor Bochert gesprochen.

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Herr Bochert, Sie setzen sich dafür ein, dass auch kleinere Städte wieder eigene Kfz-Kennzeichen bekommen können. Ist das in Zeiten von Globalisierung nicht etwas kleinlich gedacht?
Zunächst muss man unterscheiden: Wir setzen uns nicht dafür ein, sondern empfehlen, es dort zu tun, wo die Menschen es wollen. Zudem ergibt es Sinn für die betroffenen Städte, da es sich um Werbung handelt, die nichts kostet. Und Kleinräumigkeit halte ich auch in Zeiten der Globalisierung für wichtig. Dabei darf die Verwaltungseinheit, wie etwa der Landkreis Schaumburg, ruhig groß sein. Bei der Idee, mehrere Kfz-Kennzeichen pro Landkreis einzuführen, wird diese große Verwaltungseinheit quasi von den Kennzeichen entkoppelt. Zudem belegt das Ergebnis unserer Studie, dass die Identifikation der Menschen mit ihren Städten tief verankert ist.

Entstehen durch neue Kennzeichen nicht zusätzliche Kosten für den Steuerzahler?
Nein, die EDV-Systeme in den Zulassungsstellen können das bewältigen. Zumal ja Rintelner Fahrzeuge mit dem Kennzeichen „RI“ nach wie vor verwaltet werden. Erforderlich wäre eine minimale Umstellung, die nicht mit weiteren Kosten verbunden wäre. Die Verkehrsminister streben im Übrigen die Option an, es einerseits bei Standardkennzeichen, in Schaumburg wäre das wohl weiterhin „SHG“, zu belassen, aber zusätzlich Wunschkennzeichen, in Schaumburg etwa „RI“ und „STH“, einzuführen. Somit hätte jeder Bürger im Landkreis freie Wahl, welches Kennzeichen er möchte.

Hubert Meyer, der Geschäftsführer des niedersächsischen Landkreistags, tut das Vorhaben als „Sandkastenspiele von gestern“ ab.
Ich glaube, dass der Landkreistag da etwas falsch versteht: Es geht den Städten ja nicht darum, die Landkreise und deren Zuschnitte infrage zu stellen. Unsere Umfragen zeigen, dass den Bürgern ein städtisches Kennzeichen viel bedeutet, und dass es für die Städte, die ein eigenes Kennzeichen wünschen, ein super Marketing ist.

Den Schaumburgern sagt man nach, sie würden sich stark über ihre Schaumburger Identität definieren. Der Landkreis sagt, man habe sich 1977 für das Kennzeichen „SHG“ entschieden, weil es für die Schaumburger zusätzlich identitätsstiftend sei. Ist es da nicht kontraproduktiv, das wieder aufzulösen?
Wir haben in Schaumburg keine Befragung durchgeführt. Es kann natürlich sein, dass die Schaumburger das gar nicht wollen, klar. Aber aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht gesprochen, wäre es auch in Schaumburg gutes Marketing für die Städte. Es gibt eben verschiedene „Produkte“ in Schaumburg: einmal den Landkreis Schaumburg, und da hat man das ja schon geschickt gemacht mit dem in der Fläche vermutlich identitätsstiftenden Kennzeichen „SHG“. Dann gibt es aber eben noch die Städte, die als etwas Urbanes herausgehoben werden könnten. Dagegen ist die Vermarktung des Landkreises ländlicher. Vermarktet würden am Ende beide Produkte.

Kleinstädtische Kennzeichen stellen Ihrer Meinung nach eine effektive Werbung für die Städte dar. Welchen Effekt würden die neuen Kennzeichen konkret nach sich ziehen?
Ganz ökonomisch aus Sicht der Stadt betrachtet: Die Kosten belaufen sich auf null. Der Nutzen ist zwar sehr schwer zu bemessen, aber ein eigenes Kennzeichen hat ganz sicher eine Wirkung – nach außen und nach innen. Unserer Annahme zufolge hat jedes Fahrzeug im Schnitt 50 Wahrnehmungen am Tag. Angenommen 10.000 Rintelner Fahrzeuge haben das Kennzeichen „RI“, dann würde das eine halbe Million Wahrnehmungen des Rintelner Symbols „RI“ pro Tag bedeuten. Zwar wird dadurch sicher kein Tourist, dem in München das Kennzeichen auffällt, nach Rinteln gelockt. Aber es bringt etwas im Schaumburger Umfeld, nämlich eine gewisse Größenwahrnehmung. Dadurch wird etwa der Einkaufstourismus gefördert.

Wie erklären Sie sich, dass sich Ihrer Umfrage zufolge vor allem junge Leute für die neuen Kennzeichen aussprechen?
Junge Leute verfügen über mehr Veränderungsbereitschaft, sind offener für Neues. Ausschlaggebender ist, glaube ich, dass es für cool, kultig oder einfach nett erachtet wird. Für die Jungen wären „RI“ oder „STH“ ja auch keine „Altkennzeichen“, sondern etwas ganz Neues.

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