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Killefit statt Kielholen

Rinteln Killefit statt Kielholen

„Die Socke habe ich wieder, das Handy liegt noch in der Weser“, ruft ein Mädchen mit breitem Grinsen ihrer am Ufer wartenden Familie zu.

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Die „Weserpiraten“, nachdem sie aufgrund eines missglückten Landungsversuchs – der auf keinen Fall auf falsche Kommandos von Heiko Buitkamp zurückging – abgetrieben sind. jak

von Jakob Gokl Rinteln. Von Jakob Gokl

Die zehntägige Bootsfahrt, von der sie gerade zurückkehrt, scheint ihr über den Verlust jedoch gut hinweggeholfen zu haben. Sofort macht sie sich mit den anderen an das Ausladen der zwei mächtigen Schlauchboote aus Bundeswehrbeständen, die für zehn Tage die Heimat der dreißig Jugendlichen gewesen sind, die sich gemeinsam mit Pastor Heiko Buitkamp die Weser entlang treiben ließen.

 Bei ihrer Ankunft in Rinteln werden die „Weserpiraten“ bereits von Eltern und Geschwistern am Ufer erwartet. Sobald die Boote in Sichtweite kommen, beginnt das Rätseln: „Ist sie das im blauen Pullover?“ – „Nein, die sind alle älter, sie ist im anderen Boot.“ – „Mit den Hüten erkennt man sie doch gar nicht.“ Langsam kommen die beiden Boote näher, mit den Paddeln manövrieren die Ruderer ihr Gefährt quer in die Weser. „Jetzt fahren sie synchron“, ruft eine Frau anerkennend.

 Doch plötzlich geht etwas schief. Eines der Boote beginnt abzutreiben, die Ruderer mühen sich ab, um wieder zurück Richtung Ufer zu gelangen. Starke Strömung und plötzlich aufkommender Wind waren laut Heiko Buitkamp der Grund für das missglückte Manöver. Auf keinen Fall hat der Kapitän bei seinen Kommandos Steuer- und Backbord verwechselt. Das wäre ein unverzeihlicher Fehler gewesen, immerhin ist Buitkamp bei seiner elften Bootsfahrt schon ein alter Hase.

 Einer kann über elf Fahrten auf der Weser nur lachen: Michael Wethmüller ist seit 1965 ohne Unterbrechung mit von der Partie. Aber nur unter einer Bedingung: Er darf kochen. Denn, so erzählt Buitkamp, bei seiner ersten Reise war Wethmüller von den vorgesetzten Speisen so abgestoßen, dass er von da an nicht nur das Ruder, sondern auch den Kochlöffel in die Hand nahm.

 Heute zeichnet sich Wethmüller also für das täglich frisch zubereitete Essen verantwortlich. Das Simpelste dieser Gerichte ist wohl das traditionelle „Killefit“, ein riesiger Topf voll Haferschleim. Anfangs stoße der immer auf Ablehnung, doch nach den zehn Tagen wüssten die Piraten ihr Frühstück zu schätzen. Beim letzten gemeinsamen Essen wurde auch noch der letzte Rest im Topf ausgelöffelt, wie das Bild links unten zeigt.

 Los ging die Fahrt in Hannoversch Münden. Die Boote fuhren mit dem Auto, während die Piraten mit dem Zug reisten. Die Rückfahrt erfolgte dann auf der Weser. Etwa 20 Kilometer legten die Weserpiraten auf ihrer Reise jeden Tag zurück. Mit drei bis fünf Stundenkilometer ließen sie sich den Fluss hinabtreiben. In der gleichen Geschwindigkeit könne man auch die Weser entlangwandern, erzählt Buitkamp, was er dieses Jahr zwischenzeitlich auch gemacht hat.

 Wirklich abenteuerlich wurde die ganze Reise durch den Streik der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung. Erst am Morgen erfuhr Buitkamp aus dem Radio, dass die Schleuse in Hameln sich nicht mehr öffnen würde (wir berichteten). Doch statt lange Gesichter zu ziehen, wurden die „Weserpiraten“ aktiv.

 Durch einen erfahrenen Ruderer an Bord wussten sie, dass es eine kleine Rutsche für Ruderboote gibt. Zwar waren die massigen Schlauchboote für diese Abfahrt zu groß, aber sie konnten über das etwa 50 Meter breite Ufer auf die andere Seite getragen werden. Bei dem Gewicht der Boote von fast einer halben Tonne, keine leichte Aufgabe, aber für echte Piraten kein Problem.

 Von abenteuerlichen Unterbrechungen wie dieser abgesehen, begann für die Mannschaft nach der absolvierten Tagesetappe das Lagerleben. Sechs große Zelte mussten jeden Tag aufgebaut und das Abendessen für die gesamte Mannschaft zubereitet werden. Wer sich verspätete, wurde zum Strafküchendienst eingeteilt. Die wirklich harten Strafen des Seemannslebens, wie zum Beispiel das Kielholen, ließen die „Piraten“ jedoch aus. Dabei wurde bis zum 19. Jahrhundert ein Seemann an einem Seil unter dem Rumpf des Schiffes hindurchgezogen. Kopf voran in die Weser ging es trotzdem für zwei Piraten. Diese Wassertaufe wird allerdings von den „Weserpiraten“ als große Ehre und nicht als Strafe empfunden.

 Seit 62 Jahren sticht die evangelisch-reformierte Gemeinde Rinteln in See. Ursprünglich wurden die „Weserpiraten“ ins Leben gerufen, um den Jugendlichen nach dem Zweiten Weltkrieg etwas zu bieten. Doch mittlerweile schätzen viele die Fahrt, gerade weil sie sich dem Trend der Zeit widersetzt. Im Schritttempo die Weser hinunter treiben, Wind und Wetter ausgesetzt sein, selber kochen, in Zelten schlafen und im Zweifelsfall gemeinsam ein 500 Kilogramm schweres Boot tragen – modern ist anders, aber gerade deswegen ist es wohl auch so schön.

 Als besondere Ehre gilt es unter den Piraten, bei der ersten Fahrt getauft zu werden. Doch jedes Jahr wird nur zwei – einem Jungen und einem Mädchen – diese Ehre zuteil.pr

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