Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Sprühregen

Navigation:
Kühle Mailuft im September

Rinteln / Lesung Kühle Mailuft im September

Im Zuge seiner frühherbstlichen Lesereise machte der erfolgreiche Verfasser von Historien- und Kriminalromanen, Eric Berg, eingeladen von der Buchhandlung „Bücherparadies“, in Rintelns Stadtbücherei Station.

Voriger Artikel
Wer mit 16 zur Jungen Union geht
Nächster Artikel
Und sie sahen: Nichts

Erfolgsautor Eric Berg. kx

Mit seinem ersten Krimi „Das Nebelhaus“ schaffte er es 2013 sofort auf die „Spiegel“-Bestsellerliste, aus seinem zweiten („Das Küstengrab“) – jüngst erschienen – las er nun vor vielköpfigem, aufmerksam lauschendem Publikum einige Passagen vor.

 Die Handlung spielt hauptsächlich auf der überschaubar kleinen, festlandnahen mecklenburgischen Ostseeinsel Poel (O-Ton Berg: „So flach, dass grasende Kühe wirken, als stünden sie im Meer“). Die Protagonistin und Ich-Erzählerin Lea erlebte dort als einheimischer Teenager in ihrer Clique den euphorisch gefeierten Tag des Mauerfalls und anno 1990 die Wiedervereinigung. 23 Jahre später kehrt sie zurück, um ihre Schwester Sabina zu besuchen, die noch immer im kleinen Inseldorf mit sechs Häusern lebt. Die beiden verunglücken; die Schwester kommt dabei ums Leben, Lea selbst wird schwer verletzt und erleidet eine Amnesie. Die Umstände des Unfalls bleiben unklar. Entgegen ärztlichem Rat reist Lea erneut nach Poel, um Gewissheit über das tragische Geschehen zu erlangen. Sie selbst weiß weder etwas vom Unfallhergang noch davon, welcher konkrete Beweggrund sie auf die Insel geführt hat.

 Lea befragt ihre alten Freunde und Nachbarn, die sich aber zu Leas Verwunderung in Widersprüche verwickeln und mehr Rätsel aufgeben, als welche zu lösen. Die todkranke Mutter ihrer alten Bekannten Margarethe rät ihr sogar flüsternd, wegen drohender Gefahr so schnell wie möglich die Insel zu verlassen. Offensichtlich verbergen alle ein Geheimnis vor Lea. Dieses Geheimnis reicht weit in die gemeinsame Vergangenheit zurück. Der Zusammenhalt der einst verschworenen Gemeinschaft offenbart sich zunehmend als trügerisch. Lea, als Fotografin mit scharfem Blick vertraut, versucht nun, die vergangenen 23 Jahre („23 dünne Schleier“) zu erhellen – eine Reise in menschliche Abgründe beginnt.

 Berg eröffnete den vergnüglichen und kurzweiligen Abend mit der spitzbübischen Bemerkung, üblicherweise bekomme bei der in die Lesung eingebundenen Publikumsfragerunde erst mal keiner den Mund auf. Da hatte er sich aber gewaltig verrechnet. Die Rintelner Kulturbeflissenen bewiesen einmal mehr ihre Keckheit und überraschten den Gast mit ihrer ungehemmten Neugier und Fragen zum Roman im Besonderen wie auch zum Beruf des Schriftstellers im Allgemeinen. Berg stand souverän lächelnd Rede und Antwort, verlieh seiner Freude am Interesse an seinem Schaffen sichtbaren Ausdruck durch breites Lächeln und Engelsgeduld. Ein ganz und gar unprätentiöser Künstler zeigte sich da, nie um eine Anekdote oder einen Witz verlegen. Einer, der seinen Traumberuf aus früher Jugend zwar spät (mit Mitte 30) wagte, aber wohl doch zum richtigen Zeitpunkt, als sich in seinem Kopf längst Romanstrukturen verdichtet hatten.

 Berg erlaubte einen Blick in die Entstehungsgeschichte seines ersten Krimis („Das Nebelhaus“). Er besuchte die Insel Hiddensee, begann Gefallen an der typischen Abgeschiedenheit an der Ostsee zu finden, und bei einem Marsch kam ihm der jähe Gedanke: „Hier könnte ein Mord passieren.“ Verschmitzt erläuterte er seinen Schaffensprozess: „Zuerst habe ich nur einen Satz –und nicht mehr. Dann erst entwerfe ich die Figuren, rede mit ihnen, bis ich sie genau kenne; dann werfe ich die Figuren in die Arena, die ich abschließe. Der Ort der Handlung kommt erst zum Schluss dazu.“

 Er benötige für so einen 400-Seiten-Roman fünf bis sechs Monate, so Berg. Er schreibe täglich zwischen einer und sieben Stunden. Während er am Feinschliff des einen Werks arbeite, liege bereits das nächste in groben Zügen vor. Motive für Figuren finde man überall im Alltagsleben. Irgendwann wolle er eine Episode aus einem gerade erfolgten Besuch eines Chinarestaurants in Hannover in einen Roman einbauen. Eine Kellnerin habe ihn mit ihren Blicken verfolgt, als vermute sie ein Geheimnis.

 Ein dickes Lob erhielten die so oft geschmähten Lektoren, dennoch bekannte Berg zum Abschluss des vergnüglichen Abends freimütig einen übersehenen dicken, aber wenigstens erheiternden Lapsus im Roman: „Kühle Mailuft strömte im September ...“

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg