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„Ludmilla, hol dir einen Deutschen!“

Rinteln / "Tag der Russlanddeutschen" „Ludmilla, hol dir einen Deutschen!“

Wenn der Rintelner Radiojournalist Anton Posnak (25) seine Eltern fragt, was es mit der besonderen Geschichte seiner Familie auf sich hat, dann ist die Gegenfrage oft: „Warum nur bist du immer so neugierig?“ Dabei hat er eine sehr große Familie, die auch regelmäßig zusammenkommt und eng miteinander verbunden ist.

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Der Russlanddeutsche Anton Posnak ist besonders beeindruckt davon, wie es seinen Vorfahren gelang, ihre deutsche Identität in der Fremde über Jahrhunderte zu wahren.

Quelle: pk

Rinteln. Dass es einige tote Punkte in der gemeinsamen Erinnerung gibt, schreckliche Geschehnisse, die alle am liebsten verdrängen würden, liegt daran, dass Posnaks Familie zu den Russlanddeutschen gehört und dass es für alle Russlanddeutschen ein traumatisches Datum gibt: den 28. August 1941.

 Bis dahin lebten seine Vorfahren und die allermeisten Vorfahren der anderen Russlanddeutschen, die in den neunziger Jahren aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen, an der Wolga, vor etwa 250 Jahren von Zarin Katharina II mit allerlei Verlockungen an die Wolga gerufen, um dort möglichst blühende Landschaften zu erschaffen.

 Die wackeren Auswanderer hielten schon damals zusammen, lebten oft in Dörfern, wo noch nach Generationen Deutsch gesprochen wurde, und hatten dann in der zuvor eher einsamen Gegend so wenig mit Russen zu tun, dass sie sich immer weiter als Deutsche fühlten. Genau deshalb verfügte Stalin während des Zweiten Weltkrieges, dass sie alle, etwa eine Million Menschen, als mögliche Kollaborateure an die äußersten Ränder des Sowjetreiches verbannt wurden.

 So kam es, dass Posnaks Eltern in Kasachstan aufwuchsen und er selbst dort geboren wurde. Die Mitglieder seiner Familie mussten den Schrecken der Deportation durchmachen, also von heute auf morgen Haus und Hof ohne Besitztümer verlassen, um in Güterwaggons – Männer und Frauen getrennt – in unwirtliche asiatische Gegenden verbracht zu werden, wo sie Zwangslager erwarteten oder jedenfalls die Aussetzung in Sondersiedlungen, wo es oft nicht mal einen Spaten gab, um sich zum Schutz gegen die Kälte ein Erdloch zu graben. Als Feinde verloren die Russlanddeutschen ihre Bürgerrechte, ihre kulturellen Einrichtungen und das Recht darauf, die deutsche Sprache zu sprechen. Jede einzelne Familie hatte ungezählte Tote und für immer Vermisste zu beklagen.

 Der heutige „Tag der Russlanddeutschen“ soll bundesweit und auch in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion die Erinnerung wahren an die brutale Verbannung und damit zugleich auf den Überlebenswillen der Verbannten hinweisen, denen es nach und nach gelang, wieder halbwegs Boden unter die Füße zu bekommen. Aber: „Bei uns kennt allerdings niemand diesen Tag“, meint Posnak. „Ich glaube, alle hatten immer viel zu viel mit ihrem eigenen harten Leben zu tun. Da hat man gar keine Kraft, sich an eine noch schwerere Vergangenheit zu erinnern.“

 Er selbst kam als Kleinkind nach Deutschland, zusammen mit seiner weitverzweigten Familie, im Rahmen des Spätaussiedler-Programms, das fast alle Deutschen in Russland nutzten, um in die – das empfinden viele – eigentliche Heimat zurückzukehren. Er ist behütet aufgewachsen und hat keinerlei Angst vor einem Gedenken an die Vergangenheit. „Es macht mich vielmehr stolz zu hören, wie hart meine Urgroßeltern gearbeitet und was meine eigenen Eltern alles auf sich genommen haben, damit es mir und meinen Geschwistern gut ging“, sagt Posnak.

 Sein Vater, in Kasachstan Lastwagenfahrer, nahm jede Arbeit an, seine Mutter, ehemals Lehrerin für Deutsch und Tanz, arbeitete als Reinigungskraft und Imbissverkäuferin, bis sie erst Alten- und dann Krankenpflegerin wurde.

 Was ihn, wenn er seine Eltern ausfragt, besonders interessiert, ist die Tatsache, dass sich, allen Zerreißproben zum Trotz, eine deutsche Identität die ganze Zeit hatte halten können. Von seiner Großmutter wird erzählt, sie habe ihrer Tochter, wenn ihr ein Junge gefiel, immer wieder, in einem wohl hessischen Dialekt, geraten: „Ludmilla, das ist ein Russ! Hol dir einen Deutschen!“

 Es sei für ihn ein bewegender Gedanke, dass gerade dieses Bestreben, auch im anderen Land am Deutschsein festzuhalten, für die Tragik, die die Geschichte der Russlanddeutschen enthält, verantwortlich sei. Für die erste Spätaussiedlergeneration stellte sich nach ihrer Ankunft in Deutschland heraus, dass sie in den Augen ihrer Umgebung keineswegs umstandslos als „Deutsche“ eingeordnet wurden. „Die meisten Leute nannten uns ,Deutsch-Russen‘, und das war nicht so harmlos, wie es vielleicht klingt“, sagt Posnak. „Meine Eltern jedenfalls und alle, die ich kenne, empfanden diese Bezeichnung als Kränkung und Zurückweisung.“ Ganz abgesehen davon, dass der Ausdruck auch in der Sache schlichtweg falsch sei, weil vor allem in den ersten Jahren so gut wie alle Aussiedler eben deutsch- und nicht russischstämmig waren, habe man sehr wohl verstanden, dass „Deutsch-Russe“ bedeute: Ihr gehört nicht dazu.

 „Wer und was ich bin – hmm…“, sagt er und lacht dann: „Ich hoffe irgendwie, dass wir Russlanddeutschen das Beste von beiden Seiten, dem Russischen und dem Deutschen, vereinen: die deutschen Tugenden wie Fleiß und Ordnung und so und die viel beschworene gemütvolle russische Seele.“ cok

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