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Missbrauch: Betroffener äußert sich

Kirche wusste von Verurteilung Missbrauch: Betroffener äußert sich

Am 20. Mai ist der Kirchenkreis Grafschaft Schaumburg mit einem 50 Jahre zurückliegenden Missbrauchsfall an die Öffentlichkeit gegangen. Nun äußert sich der damals Betroffene Jürgen Kothy und erklärt warum er die Übergriffe des damaligen Rintelner Superintendenten Kurt Eckels öffentlich machte.

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Im Pfarrhaus soll sich die Tat abgespielt haben.

Quelle: Archiv

Rinteln. 1965 soll der damalige Rintelner Superintendent Kurt Eckels einen 14-Jährigen im Pfarrhaus von St. Nikolai sexuell missbraucht haben. Die Kirche bat nach Bekanntwerden des Falles ehemalige Konfirmanden, sich zu melden, falls sie ebenfalls von einem sexuellen Missbrauch durch Eckels betroffen gewesen sein sollten.

 Bisher hat es keine Rückmeldungen von weiteren Opfern gegeben. Allerdings gab es einen intensiven Austausch zwischen Familienangehörigen von Eckels und dem damaligen Betroffenen, einem gebürtigen Rintelner. Nun gingen sie gemeinsam mit dem Kirchenkreis und der Landeskirche abermals an die Öffentlichkeit und erklärten unter anderem, wieso nie Zweifel an der Tat bestanden hätten.

1945 wegen sexueller Übergriffe verurteilt

Eckels ist bereits im August 1945 von einem Gericht wegen mehrfacher sexueller Übergriffe gegenüber Schutzbefohlenen verurteilt worden. Er hat in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges als Kompanieführer der Wehrmacht im besetzten Dänemark mit mehreren – nach damaligem Recht minderjährigen – Soldaten geschlafen. Das damalige Urteil eines Militärgerichts spricht von „fortgesetzter Unzucht zwischen Männern in erschwerten Fällen“. 1948 wurde das Urteil aufgehoben, nachdem ein ärztliches Gutachten Eckels eine Schuldunfähigkeit aufgrund seiner Kriegsverletzungen zur Zeit der Taten attestiert hatte.

 Heute gilt null Toleranz gegenüber Taten

 Problematisch bei der Einordnung der Taten ist, dass 1945 homosexuelle Handlungen noch an sich unter Strafe standen – es galt der Paragraf 175. Eine Vergewaltigung der jungen Soldaten ist Eckels damals nicht vorgeworfen worden. Sehr wohl hat er aber auch nach heutigem Verständnis ein Machtverhäußert ältnis gegenüber den Soldaten ausgenutzt.

 Nach dem Freispruch ist Eckels erneut in den kirchlichen Dienst übernommen worden und ohne Einschränkungen als Pastor eingesetzt worden, bevor er 1964 Superintendent in Rinteln wurde. „Die Landeskirche erkennt an, dass sie durch diese Entscheidung eine Mitverantwortung für die Übergriffe durch Superintendent Eckels trägt“, so die gemeinsame Erklärung. „Die Sorge um den Täter und seine Lebensperspektive waren seinerzeit offenbar von größerer Bedeutung als der Schutz möglicher künftiger Opfer. „Heute gilt für die Landeskirche: Null Toleranz gegenüber den Taten und Transparenz bei der Aufarbeitung.“  jak

Betroffener äußert sich

In einer persönlichen Erklärung, die unserer Zeitung schriftlich vorliegt, erklärt der damals Betroffene Jürgen Kothy seine Beweggründe, sich mit dem Fall an die Kirche und die Öffentlichkeit zu wenden. Er wünscht dabei auch explizit eine Nennung seines Namens, was unsere Zeitung normalerweise nicht machen würde.

Kothy schreibt: „Seit den Medienberichten vom Mai dieses Jahres bin ich mir einer gewissen Verantwortung für die öffentliche Bloßstellung von Kurt Eckels als Folge meiner Aufdeckung des von ihm 1965 an mir begangenen sexuellen Missbrauchs bewusst.“ Daher habe er zunächst gegenüber Eckels Familienangehörigen seine Identität gelüftet, nachdem diese den Kontakt gesucht hatten, um ihr tief empfundenes Bedauern auszusprechen. „Für diesen Mut bin ich sehr dankbar.“

Ein Gefühl der Mitschuld nachdem der Ekel vorbei war

Zu seinen Gründen, sich im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit zu wenden, erklärt er: „Schon Jahrzehnte vorher hatte ich mir den Vorwurf gemacht, damals nicht den Mut zur öffentlichen Anklage gegen Kurt Eckels gehabt zu haben, auch um anderen Vergleichbares zu ersparen. So blieb ein Gefühl von Mitschuld für das wahrscheinliche Leiden anderer, nachdem der Ekel über das Erlebte bei mir selbst nicht mehr spürbar war. Diese subjektive Schuld abzutragen, war mein Motiv für den Weg an die Öffentlichkeit.“ Er mache sich jetzt namentlich kenntlich, „weil die mehr denn je zu erwartende und berechtigte öffentliche Verurteilung von Kurt Eckels nicht aus der Anonymität heraus verantwortet werden soll“.

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