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Mit Ostmark im Holzbein zum Boxen in die DDR

Rinteln / Oldies Mit Ostmark im Holzbein zum Boxen in die DDR

Die Alben mit alten Schwarz-Weiß-Fotos und Zeitungsausschnitten aus den goldenen Jahren des Rintelner Boxsports waren dabei, als sich elf Oldies am Wochenende im Hotel Stadt Kassel versammelten.

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Während Albert Jung (links) und Bodo Kuhn noch einmal die alten Boxhandschuhe überziehen, schwelgen Peter Wehrhahn (von links), Manfred Fuhrmann, Klaus Kothe, und Karlheinz Manke mithilfe alter Fotos und Berichte in Erinnerungen.

Quelle: who

Rinteln. Die einstigen Kämpfer des Box-Sport-Vereins Rinteln (BSV) von 1948 hatten bis in die 60er Jahre hinein sogar starke Gegner auf den Ringboden gestreckt, zum Beispiel beim internationalen Treffen in Stadthagen, als Rintelner Boxer in einer Niedersachsen-Auswahl gegen eine Auswahl aus Mittel-England antraten. Nach fast 50 Jahren fanden die „Alt-Rockys“ jetzt wieder zusammen.

 Initiator des Revival-Treffens war der Rintelner Manfred Fuhrmann, der einst unter anderem Vize-Niedersachsen-Meister im Junioren-Mittelgewicht-Gewicht wurde. Gut 20 junge Amateurboxer gehörten damals zum Kader und zehn bis 15 waren dienstags und freitags beim Training in der Turnhalle der Grundschule Süd dabei. „Hans Wintjes war unser Haupt-Trainer“, erinnert sich Fuhrmann. Der Kriegsversehrte „hat uns zuerst immer eine Runde zum Aufwärmen über die Wälle laufen lassen“ und seine Sparringpartner durch den Ring getrieben, als habe er überhaupt keine körperliche Beeinträchtigung gehabt.

 Die Rintelner boxten damals im sogenannten „Bezirk Weser“, erklärt Bodo Kuhn aus Rolfshagen. Teilweise mussten sich Boxer bei anderen Vereinen ausleihen, um eine Staffel aufstellen zu können und die zehn oder elf Kämpfe einer Veranstaltung zu sichern. „Ich habe deshalb damals auch für Hameln und Bad Münder geboxt“. Fuhrmann erinnert sich dabei, dass es auch passieren konnte, dass man als bekanntes Gesicht vom Veranstalter spontan in den Ring gerufen wurde, wenn es an Kämpfern fehlte. Bei einer Gelegenheit habe er einfach nur mit seiner Freundin den Abend genießen und nicht „mit einer roten Nase“ nach Hause gehen wollen. Aber auch sein Einwand, dass er keine Sport-Ausrüstung mit hat, habe nichts genützt. „Macht nichts, du kriegst alles von uns“, hatte der Veranstalter geantwortet und schon stand er im Ring.

 Heute sind die Boxer von damals alle über 70 Jahre alt, die beiden Ältesten sogar schon 80 und 81 Jahre. Aber ihr Interesse am Boxsport ist ungebrochen, auch wenn sie längst nicht mehr in den Ring steigen. Die Erinnerung an Siege und Niederlagen ist sofort wieder da, wenn die „Alt-Rockys“ ihre Alben aufschlagen oder das rote Leuchtfarbenplakat anschauen, das ein Highlight aus der Glanzzeit des Boxens im Bezirk Weser ankündigte. Die Großveranstaltung am Abend des 2. September 1966 zog 3500 Zuschauer in die Coca-Cola-Halle in Stadthagen. Dabei trat eine Auswahl aus Mittel-England gegen eine Niedersachsen-Auswahl an. Manfred Fuhrmann: „Fünf Nationalstaffelboxer und elf Landesmeister gingen dabei in den Ring“. Darunter für den BSV Rinteln: Hans Arnecke (Mittelgewichts-Nationalstaffelboxer und Niedersachsenmeister), Albert Jung (Bantam und Federgewicht), Bodo Kuhn (Halbschwergewicht) und Helmuth Schmiedhäuser (Niedersachsenmeister im Bantamgewicht).

 Gute Leute haben damals für den BSV geboxt, erzählt Fuhrmann und denkt unter anderem an die Legende Bobby Flick. Der Schwergewichts-Hüne aus Rinteln habe zwar insgesamt nur zehn Kämpfe gemacht, aber „eigentlich alle gewonnen“.

 „Ich hatte 70 Kämpfe“, erzählt Bodo Kuhn. Von seiner Erfahrung habe damals auch ein Zimmermanns-Kollege profitieren wollen, berichtet der gelernte Maurer. „Wenn Du mir boxen beibringst, mache ich Dir Dein Dach umsonst“, sei ein verlockendes Angebot gewesen. Aus dem Deal sei aber leider nichts geworden – mangels Talent des Zimmermanns.

 Hans Kothe aus Rinteln hingegen hatte Box-Talent und dazu noch einen ordentlichen Wumms in den Handschuhen, die damals noch Sofakissen-Format hatten. Ein Zeitungsausschnitt von 1952 attestiert dem ehemaligen Ostwestfalen-Meister im Halbschwergewicht: „Kothe schlug van Kolken aus dem Ring.“ Den Titel holte er sich damals mit einem K.-o.-Sieg in der zweiten Runde gegen den damaligen Niedersachsen-Meister Hans Dopke im Herforder Schützenhaus. Andere große Talente des BSV waren die Brüder Ernie, Fritz und Harald Gregor von der Mindener Straße, schwärmt Fuhrmann.

 Die Rintelner Boxer sind sogar zu Kämpfen in die DDR gefahren, greift Bodo Kuhn zum Abschluss in die Anekdotenkiste. In Delitzsch bei Leipzig sowie einmal in Kirchmoser in Brandenburg seien sie noch kurz vor dem Mauerbau am 13. August 1961 gewesen. „Die haben uns immer dicke Brocken vorgesetzt. Ich musste deshalb gegen den DDR-Vizemeister und den Juniorenmeister boxen.“ Lediglich eine eiskalte Mini-Kabine hätten die Ost-Funktionäre den Gästen aus dem Westen zur Verfügung gestellt. Und erst nach Protest und der Drohung, nicht antreten zu wollen, hätten die Veranstalter eingelenkt. „Wir durften uns schließlich mit bei denen umziehen – in einem geräumigen beheizten Saal hinter einer spanischen Wand.“

 Der Ausgleich für die unterkühlte Behandlung war, dass die Rintelner wie die Könige leben konnten mithilfe eingeschmuggelter DDR-Mark, die in der Bundesrepublik für einen Kurs von 1:3 oder noch günstiger zu haben war. Versteckt waren die Geldscheine in der Bein-Prothese des Trainers. „Damals hat doch ein Bier drüben nur 25 Pfennig Ost gekostet“, erklärt Bodo Kuhn.

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