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Mit drei PS durch die Altstadt

Ökomarkt in Rinteln Mit drei PS durch die Altstadt

Felix, Flicka und Oskar sind die Stars beim Rintelner Öko- und Bauernmarkt. Eltern recken ihre Kinder den drei gutmütigen Kaltblütern entgegen, zücken Handys oder Kameras für ein Foto.

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„Wer fährt mit?“ Kutscher Harald Rubow erinnert in seiner Uniform ebenso wie seine Postkutsche an königlich preußische Zeiten. dil

Rinteln. „Steigen Sie doch ein, es ist noch Platz“, lädt der knurrige Kutscher Harald Rubow aus Badbergen auf und in die Postkutsche ein. Seine Uniform wie auch das Gefährt stammen aus dem späten 18. Jahrhundert, königlich preußisch sei das alles, sagt er.

 „Zufrieden sind wir nicht“, meint Rubow am Sonnabend mürrisch, denn an Fotos verdient er nichts, und der Kutscherjob sorge zu 80 Prozent für seinen Lebensunterhalt. Doch die drei bis vier Euro für eine Fahrt zücken nicht viele, schlendern weiter, auch wenn die Kinder quengeln. Lennox (6) und Louis (9) dürfen aber mit, nehmen auf der Bank hinter dem Kutscher Platz. Und los geht’s.

 Gemächlich zuckelt das Gespann vom Kirchplatz durch die Enge Straße, kommt gerade so zwischen geparkten Autos, Außentischen eines Lokals und Pollern durch. Ein Porsche Cayenne, der hundertmal mehr Pferdestärken unter Motorhaube hat, weicht vor der entgegenkommenden natürlichen Übermacht auf einen Innenhof aus. Auf der vorfahrtberechtigten Mühlenstraße stoppen Autofahrer aus Respekt vor der einbiegenden Nostalgie. Bis zum Schiffsanleger geht’s, dann Wende bei Auf der Kunterschaft – und zurück durch die Brennerstraße.

 Immer wenn ein Rettungswagen sein Signalhorn ertönen lässt, schaut Rubow besorgt zurück. „Kommen die hierher? Bleiben die Pferde ruhig? Wo kann ich ausweichen?“, fragt er sich. Aber hinter seiner Kutsche schalten die Retter ihr Signalhorn aus. „Und schaut mal, die fahren mitten durch die frischen Pferdeäpfel“, sagen die Kinder auf dem Kutschbock lachend.

 „Was kostet so ein Pferd?“, fragt Louis. „Rund 4000 Euro, aber ich nehme nur die, die kein anderer will“, erzählt Rubow. Fünf Kaltblüter hat er. Kutsche und Rösser bringt er per Lastwagen zu den Veranstaltungen, die er im Internet auswählt, von April bis Dezember, danach ist Urlaub angesagt. „Nachts brauche ich überall nur ein Stück Weide für die Pferde“, sagt er. Ein Rintelner Galloway-Rinderzüchter habe ihm dies angeboten.

 Die Pferdehufe klacken auf dem wechselnden Straßenbelag, mal grober Stein, mal glatt verlegt, und zwischendurch Asphalt. Was ist am besten? „Bei den heutigen modernen Hufen rutschen die Pferde auch bei dünnem Eis kaum“, verrät Rubow. „Aber Teer ist am besten, da verkannten die Hufe nicht. Bei Pflaster sagt man nicht umsonst: vom Gehen pflastermüde werden.“

 Alles TÜV-geprüft, versichert Rubow zu seinem Fahrzeug, und er selbst habe natürlich den „Kutschen-Fahrschein“ sowie 25 Jahre Erfahrung. So etwas wie mit den durchgegangenen, unbeaufsichtigten Kutschpferden bei einer Hochzeit im Sommer 2014 in Rinteln sei ihm noch nicht passiert. „Dafür gibt es ja die Kutschbremse, und ich gehe nie weit weg“, sagt Rubow. „Nur mal ein Kaffee am Stand neben der Kutsche, dann ist seine Assistentin bei den Pferden und füttert schon mal Mohrrüben.

 Die Fahrt ist zwar langsam, aber die Zeit vergeht wie im Flug. Fast fühlt sich Lennox in der Mühlenstraße auch so: „Poah, man kann von hier oben sogar über die Stadtmauer zur Weser gucken.“ Stadtrundfahrt mit drei PS in fast drei Meter Höhe, kein Wunder.

 Der Öko- und Bauernmarkt bot aber auch mehr PS aus dem 20. und 21. Jahrhundert: Traktoren der Rintelner Ackerbürger zeugten davon, wer das Pferd vom Feld verdrängt hat, und bei den Stadtwerken gab es erstmals sogar ein Elektroauto zu sehen, das ja Benzinfahrzeuge verdrängen soll. Nostalgie, Modernes, viele frische Spezialitäten und Tiere vom Schaf über Schweine, Kaninchen bis zu schottischen Highland-Rindern lockten ebenfalls Jung und Alt zu einem erlebnisreichen Bummel. Und der Regen hatte zwei Tage Einsicht, prasselte immer erst nach der Veranstaltung hernieder. Der Besuch wurde schon am Sonnabend als überdurchschnittlich gelobt, am Sonntag mit dem verkaufsoffenen Einzelhandel war die Altstadt wieder gut gefüllt. dil

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