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Mutter Natur isst mit

SoLaWi Mutter Natur isst mit

Zu Beginn des Jahres: Schlagzeilen in allen Medien. Die Deutschen essen Stulle, Kantine, Fast Food und lassen sich von niemand vorschreiben, was auf den Teller kommt. Wir haben in diesem Jahr tatsächlich mal einen guten Vorsatz umgesetzt: Gemüse aus der Region, direkt vom Erzeuger.

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So sieht Gemüse im Idealfall aus: sauber und schön angerichtet. Unser Redakteur Hans Weimann ist für ein Jahr Mitglied im neuen Modell der „Solidarischen Landwirtschaft“. An dem, was man bekommt, hängt gefühlt ein halber Zentner Gartenerde.

Quelle: cm

Rinteln/Vlotho. Wir sind jetzt SoLaWis. Nein, das ist kein Sportverein und auch keine Partei. Das ist – ja was ist das? Carsharing für Gemüse, mutmaßte ein Kollege. Nein, das ist es auch nicht.  SoLaWisten sind Verbraucher, die sich für ein Jahr verpflichten, einem Landwirt oder Gärtner jeden Monat Geld im Voraus dafür zu geben, dass der ihnen eine Kiste mit Gemüse und Obst liefert, von dem sie weder wissen, was das ist, noch, wie viel es ist. Klingt verrückt?

Aber diese Idee macht gerade im ganzen Land, sogar in der Welt, Schule und nennt sich Solidarische Landwirtschaft: „SoLaWi“. Der Rest der Welt nennt sie: „Community Supported Agriculture“. Kann man Leute dazu überreden, Geld im Voraus zu bezahlen – lange bevor sie dafür etwas zu essen bekommen? Und: Macht es nicht einen Landwirt aus, dass er das, was er erntet, auch verkauft? Er ist doch ein freier Unternehmer, dem Markt verpflichtet. SoLaWis ticken da anders.

Fein schneiden und salzen

Sagen wir so: Ein SoLaWist muss Idealist sein. Wer sonst würde sich eine Kiste mit Gewächsen hinstellen, deren Verwendung er erst googeln muss? Oder würden Sie auf Anhieb wissen, wie man Schwarzrettich genießbar macht? Wir wussten’s nicht. Wir haben ihn fein geschnitten und gesalzen, wie das der Chefkoch einer Internetpattform empfiehlt. Immerhin fand es ein Freund lecker.

An den Möhren hängt gefühlt ein halber Zentner Gartenerde. Wurzelgemüse mit Auswüchsen, zweibeinig, dreibeinig, als wäre es in Mittelerde, sie wissen schon, „Herr der Ringe“, ausgebuddelt worden. Hat man alles geputzt, ist der Bioabfalleimer voll. Ich lasse mich belehren: Unter der Dreckkruste bleiben Möhren länger frisch. Und ja: Nach der Endbehandlung sind die echt lecker und schmecken anders als die Massenware vom Discounter.

Alles Natur

Dafür wissen wir: An unseren Möhren durfte allerlei Getier knabbern, man sieht es noch. Genauso wie Vögel im Salat picken, Würmer den Rosenkohl vorkosten. Alles Natur. Und die soll mit dem SoLaWi-Projekt ja mit gepflegt werden. Natur mit viel Hecken. Für die Vögel. Für die Artenvielfalt. Gut für das grüne Gewissen. Als Mehrwert gewissermaßen. Ein Biotop inmitten der Agrarwüste.

75 Euro pro Monat wird uns jetzt ein Jahr lang das Essen für ein gutes Gewissen kosten. Für Gemüse und Obst, für das man in dieser Menge im Supermarkt grade mal die Hälfte zahlen würde. Also: kein Modell für kinderreiche Familien.

„Das Lager ist gut gefüllt“

Oder doch? Wir sponsern auch SoLaWis, die zwar öko sind, aber nicht so gut bei Kasse. Wie das funktioniert? Sorry, haben wir nicht verstanden. Es nennt sich Bieterrunde. Findet einmal im Jahr statt. SoLaWi gleich Solidarität, mit wem auch immer. Egal. Wir fragen uns nur, warum man dann im Bioladen keinen Preisnachlass bekommt, wenn man zu den Grünen gehört oder die Internationale singen kann. Dafür bekommt man bei den SoLaWis immer eine persönliche Ansprache. „Das Lager ist gut gefüllt. Wintergemüse wie Weißkohl, Wirsing, Rotkohl, Möhren, Kohlrabi, Rote Bete und Steckrüben bilden einen sehr schönen Vorrat, von dem wir noch eine ganze Weile zehren können. Auf dem Feld gibt es noch Wintersalatsorten. Und mit Falk haben wir einen Mitarbeiter, der diese Früchte liebevoll behandelt, aussucht und genau zur rechten Zeit unter das Solawi-Volk bringt“.

Ach ja, bevor wir es vergessen: Wer öko isst, soll dafür auch arbeiten. Sieht zumindest die Satzung vor. Auf dem Acker mit Hacke und Spaten. Wie gesagt, SoLaWis gibt es inzwischen überall im Land. In Hohenrode soll gerade eine gegründet werden. Wir sind auf dem Acker auf dem Winterberg in Vlotho dabei. Ein Naturschutzgebiet mit Streuobstwiesen. Die Äpfel gibt es jetzt übrigens in der Kiste.

Heute hat die SoLaWi Vlotho so um die 40 Mitglieder, darunter auch viele Rintelner. Zu wenig, sagt SoLaWi-Boss Lothar Warner. Mit seinen Anbauflächen könnte er 100 Familien mit Gemüse versorgen.

Gesucht werden also noch mindestens 60 Idealisten, die damit klar kommen, dass es jetzt im Winter eine Rote-Bete-Knollen-Hausse gibt, einen Sellerie-Stau. Haben Sie schon mal fünf Mal hintereinander Bortsch gegessen (Hauptzutat Rote Bete) oder Rote-Bete-Salat? Roh wie gekocht. Uns gehen so langsam die Ideen aus.

Keine Verschwörung

Immerhin: SoLaWis sind keine Verschwörung von Vegetariern oder Veganern. SoLaWi-Chef Lothar Warner lässt auch Lämmer schlachten. Die waren den Sommer über auf der Weide. Was die von „Convenience Food“ Verwöhnten sofort vor eine neue Herausforderung stellt: Wie bereitet man Lammfleisch zu? Die Lösung: ab damit in die Buttermilch.

SoLaWisten sind Überzeugungstäter, die sich als Teil einer neuen gesellschaftlichen Bewegung verstehen. Aber ist das auch eine Wirtschaftsform der Zukunft? Zugegeben: Die Maisplantagen, die Güllewiesen sind es auch nicht. Heute beansprucht die Landwirtschaft 80 Prozent der fruchtbaren Fläche und 70 Prozent des Trinkwassers. Um im Jahr 2050 schätzungsweise 9,5 Milliarden Menschen zu ernähren, brauchte die Erde zusätzliches Ackerland von der Größe Brasiliens.

Vielleicht ist eine Landwirtschaft in die Vertikale die Lösung. Mehrstöckige Farmen reduzieren den Flächenbedarf. Wenn Lebensmittel produziert werden, wo die meisten Konsumenten leben, – in der Stadt – entfallen die Transporte. „Vertical Farming“ heißt dieses Konzept, an dem Wissenschaftler zurzeit forschen. wm

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