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Nur die Kreisreform sorgt für große Verluste

Rinteln Nur die Kreisreform sorgt für große Verluste

Dort, wo einst die Bösewichte der Stadt gefangen gehalten wurden, im jetzigen Bürgerhaus am Marktplatz, da befindet sich seit 1961 das Stadtarchiv, dessen Türen Museumsleiter Stefan Meyer am vergangenen Sonntag, dem „Tag des Archivs“, für etwa 25 interessierte Bürger öffnete.

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Stadtarchivar und Museumsleiter Stefan Meyer (links) stellt Interessenten bei einer Führung das Stadtarchiv im Bürgerhaus am Markt vor.

Quelle: cok

Rinteln. In vier Räumen lagert dort das Tagebuch der Stadt, begonnen mit der Stadtgründung im Jahr 1239 und bis heute treulich weitergeführt.

 Wer allerdings meinte, man könne das Archiv ähnlich unkompliziert nutzen wie ein Buch, das man nur aufschlagen muss, wurde schon beim ersten Umsehen eines Besseren belehrt: Zwar gibt es natürlich ein Ordnungssystem, und Sammlungen wie zum Beispiel die Ausgaben der Schaumburger Zeitung ab 1870 oder die Ratsprotokolle, die seit etwa 1550 in dicken Pergamentbänden aufbewahrt sind, lassen sich leicht auffinden.

 Doch neben offiziellen Dokumenten aller Art, Karten, Urkunden, Gesetzestexten, Gerichtsurteilen, Katastermaterial und alten Fotos landet im Stadtarchiv auch allerlei Ungewöhnliches, schwer Einzuordnendes an.

 „Man muss sich klarmachen, was man eigentlich wissen will, sonst erreicht man hier nichts“, erklärte Stefan Meyer, der neben seiner Museumsarbeit auch als Stadtarchivar tätig ist und vor vielen Jahren mit einer ABM-Stelle zur Sichtung des Archivmaterials betraut worden war. „Davon zehre ich noch heute“, sagt er. Die zwei Wochenstunden seiner Arbeitszeit, die dem Archiv gewidmet sind, die seien ein „Nichts“, gemessen an der Menge des vorhandenen Materials. „Nicht umsonst spricht man von der Zeit bis 1890, als das Telefon erfunden wurde, vom ,papierenen Zeitalter‘“, so der Museumsleiter. „Es waren doch über Jahrhunderte nie viel mehr als 2000 Einwohner, die Rinteln besaß, und trotzdem begann im 17. Jahrhundert eine Art ,Explosion des Niedergeschriebenen‘.“

 Dazu kommt, dass das Rintelner Stadtarchiv so bemerkenswert gut erhalten ist. Die einzige Katastrophe, von der es ereilt wurde, war kein Brand, kein Hochwasser, kein Kriegsgeschehen, sondern die Kreisreform von 1977, als die Rintelner aus Trotz und Zorn über die Auflösung des Landkreises und die Wahl von Stadthagen als neuer Kreisstadt unzählige für nutzlos erklärte Dokumente aus dem 19. Jahrhundert einfach durch den Schredder schickten. Meyer: „Ein unvergessener Verlust.“

 Ansonsten aber wurde jedes kleinste Papierstück, das irgendwie mit den Angelegenheiten der Stadt zu tun hatte, sorgfältig aufgehoben. „Ich frage mich oft, was von unserer Gegenwart wohl übrig bleiben wird“, meinte Meyer. In den alten Papieren könne man hervorragend nachvollziehen, wie Entscheidungen zustande kamen, welche Veränderungen sich langsam durchsetzten, alles sei dokumentiert, teils in Korrekturen bestehender Dokumente, teils in schriftlichen Anhängen. „Bei den heutigen städtischen Verwaltungshandlungen, die über den Computer laufen und digital korrigiert werden, ist diese Art des Nachvollziehens kaum noch möglich.“

 Montags von 10 bis 12 Uhr steht das Archiv offen für jeden Bürger der Stadt. Zu den mit Abstand am häufigsten nachgefragten Papieren gehören die Prozessakten aus der Zeit der Hexenverfolgung. Neun von insgesamt 40 Hexenprozessen lassen sich bis zur letzten Nachfrage an die Zeugen nacherleben, bis hin zum tödlichen Urteil.

Wer Fragen zur Stadtgeschichte hat, der wird ins Staatsarchiv von Bückeburg verwiesen, in dessen Bibliothek die Auswertung aller irgendwie öffentlich interessanten Dokumente nachzulesen ist. „Das Archiv kann die Literatur nicht ersetzen“, so Stefan Meyer. „Es ist eben keine Literatur, es ist Material.“

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