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Pilze nagen, Wurzeln kümmern, Äste brechen

Rinteln / Bauausschuss Pilze nagen, Wurzeln kümmern, Äste brechen

Ein dicker Ast, der einen Spaziergänger im Blumenwall erschlägt, ein Baum, der in der Waldkaterallee bei einem Sturm auf ein Auto stürzt, das ist ein Horrorszenario für die Stadt Rinteln.

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Die Extremsituation: Als der Orkan „Kyrill“ durch Rinteln tobte, kippte dieser Baum am Kollegienplatz auf ein dort geparktes Auto. Der Fahrer hatte es keine zehn Minuten zuvor verlassen.

Quelle: Archiv

Rinteln (wm). Denn sie ist für die Verkehrssicherheit auf öffentlichen Wegen und Plätzen zuständig.

 Ein Szenario, das so weit gar nicht hergeholt ist und wozu es keines Orkans von der Stärke „Kyrills“ bedarf. Das machte die Diplom-Ingenieurin und Baumsachverständige Antje Wiskow den Mitgliedern im Bauausschuss unmissverständlich deutlich.

 Sie hat im Auftrag der Stadt ein Baumkataster in der Kernstadt erstellt. Ihre Ergebnisse nannte Ursula Helmhold (Grüne) nach der Anhörung schlicht „schockierend“, denn es gibt in Rinteln mehr Risikogebiete als erwartet. Ursache sind die Sünden der Vergangenheit. Wiskow listet unter anderem auf: An der Waldkaterallee sind bei der Verlegung von Leitungen störende Wurzeln von Bäumen einfach gekappt, Flächen verdichtet und versiegelt worden.

 Die Folge: Die Statik der Bäume stimmt nicht mehr, Wurzelwerk und Baumkrone sind nicht mehr ausbalanciert. Das gleiche Phänomen könne man nach Grabenräumungen mit einem Bagger beobachten.

 Beim Bau des Parkhauses am Pferdemarkt habe man Platanen stehen lassen, die hätten gefällt werden müssen, weil sie viel zu dicht an der Bebauung stehen und damit keine Entwicklungsmöglichkeit haben. Auch diese Bäume sind inzwischen krank. Überall im Stadtgebiet sind Kronen von Bäumen einfach gekappt, Äste abgesägt worden, wenn man der Meinung war, die Bäume würden zu hoch, die Äste zu ausladend. Die Natur reagierte mit Fehlwuchs wie V-Vergabelungen und Unglücksbalken. Ein Fachbegriff, der schon aussagt, was mit einem solchen Wildwuchs bei Sturm passieren könnte.

 Auch ein eher seltenes Phänomen hat die Baumsachverständige in Rinteln entdeckt: Balkenbohrer, ein Nachtschmetterling, dessen Raupen Holz zerstören.

 Bäume in kleine Pflanzbeete zwischen parkenden Autos einzuzwängen, wie beispielsweise auf dem Rathausparkplatz geschehen, sei nach heutigem Stand der Wissenschaft keine gute Idee mehr.

 Selbst im Blumenwall, der grünen Lunge der Stadt, ticken Zeitbomben. Hier hat die Diplom-Ingenieurin Bäume mit gefährlicher Schräglage, Astabsenkungen, Pilzbefall und beschädigtem Wurzelwerk entdeckt. Bäume, die bei Eisregen oder hoher Windlast brechen können.

 Wiskow unterstellt den bisherigen Baumpflegern und Bauarbeitern nicht schlicht Ignoranz, sondern das Problem sei auch, dass man erst in den vergangenen Jahren neue Erkenntnisse gewonnen habe. Als Beispiel für die Irrtümer von gestern nannte sie den sogenannten „Baumdoktor“ oder „Baumchirurgen“, der großflächige Löcher in Bäumen einfach mit Beton geschlossen habe. Aus heutiger Sicht gilt das als Todsünde.

 Klaus-Ulrich Hartmann, Leiter des Baubetriebshofes, machte in der Diskussion auf weitere Faktoren aufmerksam, die die Situation verschärft haben: vermehrt sommerliche Trockenheit, sintflutartige Regenfälle, steigende Temperaturen.

 Dieter Horn (SPD) sah noch einen anderen Aspekt: Bürger klagen, wenn sie auf einem Gehweg über eine Wurzel stolpern. Also wird sie entfernt: „Vielleicht müssen wir umdenken und die Bürger darauf aufmerksam machen, dass sie überall da, wo Bäume am Wegesrand stehen auch mit Wurzelwerk rechnen müssen.“

 Was tun? Der Ausschuss einigte sich darauf, eine Prioritätenliste erstellen zu lassen, in der festgelegt wird, welche Maßnahmen dringend durchgeführt werden müssen, weil hier bei den kommenden Herbst- und Winterstürmen eine reale Gefahr besteht.

 Außerdem regte Wiskow an, künftig sollte man bei Baumpflanzungen den Standort optimal gestalten, um dem Baum auch eine Chance zu geben.

 Ursula Helmhold empfahl, bei Ausschreibungen für Baumaßnahmen verpflichtend festzulegen, dass Bauarbeiter nicht nach eigenem Gusto an Bäumen herumsägen, wie es ihnen passt, sondern ein Fachmann, eine Fachkraft zugezogen wird.

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