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Schnee hebt Stimmung – „heißer Hirsch“ wärmt

Rinteln / Glühwein-Pyramide Schnee hebt Stimmung – „heißer Hirsch“ wärmt

Samstag 10 Uhr: Astrid Fechner füllt in der „Pyramide“ auf dem Weihnachtsmarkt die Spekulatiuskörbchen am Tresen auf, macht Glühwein und Kakao heiß. Kurz vor elf stellen die ersten Gäste ihre Einkaufstüten ab, reiben sich die Hände warm und bestellen: Bei Minus 6 Grad geht Glühwein schon am Morgen – auch mit einem Schuss Amaretto.

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Alle Hände voll zu tun: Astrid Fechner (v.) und Jacqueline Klaasen in der Glühwein-Pyramide beim Rintelner Adventszauber.

Quelle: wm

Rinteln (wm) . „Unseren Glühwein lassen wir selbst herstellen“, versichert Schaustellerchef Marlon Klaasen, „der kommt nicht vom Discounter.“ Im Spätsommer probiert die Familie den Rotwein, aus dem Glühwein werden soll. Aromatisch muss er sein, nach Lebkuchen, Zimtstangen und Orangen soll er schmecken. Was sonst noch reinkommt? Klaasen lacht und schüttelt den Kopf: „Betriebsgeheimnis!“ Nur soviel: Alles, was er auf dem Weihnachtsmarkt verkauft, hat Gastronomiequalität, alle Produkte, bis zur Sahne. „Dafür lieben uns die Kunden“, sagt Klaasen. „Qualität spricht sich herum. Die Leute sollen hierherkommen und sich wohlfühlen.“

Seit praktisch jede Stadt einen Weihnachtsmarkt hat, gibt es einen regelrechten Weihnachtsmarkttourismus und da muss man sich etwas einfallen lassen. In diesem Jahr ist es bei Klaasen die Treuekarte im Scheckkartenformat: Neunmal trinken, dann gibt es ein Getränk umsonst.
Klaasen gehört zu einer Schaustellerdynastie, die seit 250 Jahren im Geschäft ist. Die Familie Bode, die kennt jeder alteingesessene Rintelner. Es war die Liebe, die den Großvater Bode in die Weserstadt gezogen hat. Klaasen ist in Rinteln geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Viele die ihn heute freudig am Stand mit „Hallo, wie geht’s“ begrüßen, sind ehemalige Klassenkameraden.

Auch Astrid, die am Samstagmorgen hinterm Tresen steht, ist seit 33 Jahren dabei und kennt halb Rinteln, denn die Pyramide ist so etwas wie ein Treffpunkt auf dem Weihnachtsmarkt geworden.
Wie das Geschäft läuft, entscheidet maßgeblich das Wetter. Klaasen schaut morgens noch vor dem Kaffee aus dem Fenster, ob eingetroffen ist, was die Meteorologen angekündigt haben. Kein Schnee ist nicht die Lösung, Schnee macht Stimmung. Fällt jedoch zu viel von der weißen Pracht bleiben die auswärtigen Kunden zu Hause. Petrus hat es also nicht gerade leicht, es Marktbeschickern recht zu machen.

Astrid Fechner und ihre Kollegen stehen in der Pyramide auf einem isolierten Holzfußboden, und aufwärmen kann man sich zwischendurch an einem Gasheizer. Doch Winterstiefel und eine dicke Jacke sind ratsam, vor allem abends wird es frisch.
Kurz nach 11 Uhr: Die benutzten Tonkrüge stapeln sich in zwei Kisten. Der Chef bringt jetzt den Geschirrspüler in Gang. Den nennen alle nur „Astrid“, denn Astrid Fechner hat den Job früher per Hand erledigt. Mit den Tonkrügen, sagt ihr Chef, brauchten wir einen Geschirrspüler – schon wegen der Hygiene. Die Tonkrüge sind übrigens extra für die Pyramide angefertigt worden, ebenso die Fässer für den Glühwein – außen Holz und Messing für die Atmosphäre, innen moderne Technik.

12 Uhr: Klaasens Ehefrau Jacqueline kommt mit Sammy, dem jüngsten Familienmitglied vorbei, gerade sechs Monate alt. Sichtlich vergnügt nuckelt der am Schnuller und schaut sich den Rummel an. Es ist Mittag, das Geschäft brummt. Wer vom Wochenmarkt kommt, man sieht es an den vollgepackten Einkaufskörben, nimmt schnell noch einen Glühwein auf dem Nachhauseweg mit. Und viele Geschäftsleute schauen vorbei. Wer den neuesten Stadtklatsch erfahren will – hier ist er richtig. Wenn Marktmeister Daniel Jakschik wissen wollte, wie sein Bühnenprogramm ankommt, er müsste nur an der Pyramide nachfragen.

Ein Ehepaar nebenan plaudert mit Bekannten über den letzten Skiurlaub und wo es in diesem Jahr hingehen soll: „Nein, nicht nach Sölden, zu voll, Ischgl vielleicht oder Kronplatz.“ Es liegt nahe, sich an der Pyramide über den Winterurlaub zu unterhalten – sie hat den Charme einer Skihütte, und das Getränkeangebot unter einem Áprès-Ski-Schirm an der Talstation ist auch nicht viel anders.

So gegen zwei Uhr nachmittags wird es wieder ruhiger, sagt Klaasen, richtig los geht es, wenn das Programm auf der Bühne anläuft.

Glühwein und all die anderen Getränke einzuschenken, die zurzeit gerade Mode sind, wie Eierpunsch, Lumumba oder „heißen Hirsch“, das In-Getränk bei den Finanzschülern, das kann doch eigentlich nicht so schwer sein, denkt man und bestimmt ein gutes Geschäft – bei den Preisen.
Einfach? Schön wäre es, sagt Klaasen, das ist jedes Jahr aufs Neue ein Rechenexempel, und er listet auf: Die Pyramide ist in Handarbeit von Zimmerleuten und Tischlern gebaut worden, mit eigener Statik, einem eigenen Baugutachten. Für diesen Stand kriegen Sie schon ein nettes Eigenheim. Diese Investition muss also erst einmal wieder reinkommen.

Die Pyramide muss aufgebaut und am Ende des Weihnachtsmarktes wieder zerlegt werden. Das geht nur mit einem großen Kran. Den gibt es auch nicht umsonst, genauso wenig wie die Lagerfläche für das Weihnachtsmarkthaus. „In diesem Jahr haben wir drei neue Kerzen gebraucht für die oberste Etage, eine Figur ersetzt, da sind 1000 Euro, schnell weg, dann 275 Schrauben ausgewechselt – spezielle, die bekommen sie nicht im Baumarkt.

18 Uhr, es ist dunkel geworden, dafür gehen jetzt die Lichter am Weihnachtsbaum an, die Figuren auf der Pyramide strahlen – die Engel und der Mohr neben der Krippe. „Wind of Change“ schallt von der Bühne herüber, ein guter Song gegen den Dezemberblues. Hinter der Theke haben jetzt vier Servicekräfte alle Hände voll zu tun, alle haben sich rote Nikolauszipfelmützen aufgesetzt. Gedränge an den Stehtischen unter den Wärmelampen, Becher werden herumgereicht. Ackerbürger bringen ihr letztes am Morgen gebackenes Brot unters Volk. Auch Jacqueline ist mit Sohn Sammy wieder da. Der lässt sich von dem Lärm um ihn herum nicht stören und schläft.

Schaustellerchef Klaasen ist mit seinen Gedanken schon weiter. Als Unternehmer, sagt er, muss er das: Sind die Weihnachtsmärkte zu Ende, geht es im Februar gleich weiter, nach Bottrop zur Karnevalkirmes.

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