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Sekundenschlaf bei Tempo 180

Prozess nach tödlichem Unfall auf der A2 Sekundenschlaf bei Tempo 180

Es ist eine Entscheidung gewesen, wie sie wohl viele in ihrem Leben treffen. Man will einfach nur noch nach Hause, obwohl man den ganzen Tag gearbeitet oder den Urlaub bis zur letzten Minute ausgekostet hat, obwohl es schon spät ist, obwohl man viele Hundert Kilometer vor sich hat.

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 Kurz einnicken? Bei Tempo 180 ist das tödlich.

Quelle: Fotolia

Rinteln. Also ab auf die Autobahn, nachts durchfahren. Oft geht es gut. Im Falle des 23-jährigen Kaufmanns und seines damals 27-jährigen Freundes und Kollegen aus Dinklage ging es schief.

 Die Entscheidung, um Mitternacht loszufahren, statt in einem Hotel zu übernachten, kostete den 27-Jährigen das Leben. Er starb auf dem Beifahrersitz, weil sein damals 22-jähriger Kollege ihren Mercedes E220 bei Tempo 180 unter den Anhänger eines Lastzuges steuerte. Ursache: Sekundenschlaf. Übermüdung gehört mit zu den häufigsten Unfallursachen auf der Autobahn.

 Wenn man am Steuer kaum mehr die Augen aufhalten kann, erfüllt das juristisch den Tatbestand der fahrlässigen Gefährdung des Straßenverkehrs aufgrund eines körperlichen Mangels. Stirbt dann jemand, kommt als weiterer Straftatbestand fahrlässige Tötung hinzu.

 Das Unglück ereignete sich am 29. November 2014 gegen 5 Uhr auf der A2 in Höhe der Autobahnauffahrt Bad Eilsen-Ost. Da hatten die beiden Kaufleute rund 400 Kilometer hinter sich und waren fünf Stunden unterwegs gewesen.

 Amtsrichter Christian Rost, Oberstaatsanwalt Klaus Jochen Schmidt, Verteidiger Michael Möhring und der Nebenkläger brauchten nur eine Stunde, um zu einem Urteil zu kommen. Denn der Sachverhalt war unstrittig.

 Ein Berufskraftfahrer aus Arnsberg, der den herumirrenden Unfallfahrer von der Fahrbahn geholt hatte, sagte aus, der junge Mann habe von „Sekundenschlaf“ gesprochen und gesagt: „Mein Freund ist tot.“

 Ein Polizeibeamter erklärte, er habe den jungen Mann noch an der Unfallstelle im Rettungswagen gefragt, ob er einen Sekundenschlaf hatte. Der habe geantwortet: „Könnte sein.“ Der junge Fahrer ließ über seinen Anwalt erklären, er habe an den Unfall keinerlei Erinnerung, die setze erst im Krankenhaus wieder ein.

 Auch die Rekonstruktion der Geschehnisse vor dem Unfall erwies sich als unproblematisch: Die Kaufleute besuchten Kunden in Gera, hatten eigentlich schon ein Hotel für eine Übernachtung, dann aß man gemeinsam in einem Lokal zu Abend. Bis 23.30 Uhr, wie die Restaurantrechnung ausweist. Doch es war Freitag, und so beschlossen wohl beide, doch noch nach Hause zu fahren – ins Wochenende. Weil der 27-Jährige auf dem Weihnachtsmarkt in Gera schon Glühwein getrunken hatte, setzte sich der damals 22-jährige ans Steuer des Mercedes. Sein Freund soll bald auf dem Beifahrersitz eingeschlafen sein. Nach fünf Stunden Autobahnfahrt nickte dann wahrscheinlich auch der 22-Jährige kurz weg. Tödlich bei Tempo 180, wenn man gerade einen Lastzug überholt und beim Einscheren zurück auf die rechte Fahrspur übersieht, dass sich dort der nächste Lastzug mit Anhänger befindet.

 Praktisch ungebremst raste der Mercedes unter den Anhänger. Ein Bauteil des geteilten Unterfahrschutzes des Anhängers wurde weggerissen, die Ladekante des Anhängers und die B-Säule des Mercedes töteten den Beifahrer, stellte der Gutachter vor Gericht fest.

 Der Unfallfahrer, ein schlanker junger Mann in Jeans und Pullover, und der Vater des Toten verfolgten schweigend die Gerichtsverhandlung und kämpften mit den Tränen. Oberstaatsanwalt Schmidt sprach von einem „tragischen Unfall“, der Angeklagte habe „seine Fähigkeiten überschätzt“, wie es junge Menschen manchmal tun.

 6000 Euro Geldstrafe, gleich 120 Tagessätze je 50 Euro – damit gilt der junge Mann als vorbestraft –, dazu die Kosten des Verfahrens, dazu ein weiteres Jahr Führerscheinentzug forderte Schmidt am Ende seines kurzen Plädoyers. Und so urteilte dann auch Richter Rost: „Es muss bei Unfällen nicht immer einen Verantwortlichen geben, aber in diesem Fall gibt es einen.“ Man sollte anhalten, eine Pause einlegen, „wenn man die Augen kaum mehr aufhalten kann“.

 Wohl ein angemessenes Urteil, denn Verteidiger wie Nebenkläger erklärten noch in der Verhandlung, sie verzichteten auf weitere Rechtsmittel. Das Urteil ist damit rechtskräftig.

wm

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