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Sind grüne Wiesen noch Natur?

Tüxen-Preisträger Sind grüne Wiesen noch Natur?

Der Göttinger Professor Dr. Hartmut Dierschke ist der neue Tüxen-Preisträger des Jahres 2015. Seine These: Der direkte Eingriff des Menschen verändert bei uns die Landschaft schneller als der Klimawandel.

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Grasland wie dieses in der Region ist meist nur halbnatürlich. „Fast alle Wiesen, Weiden und Magerrasen sind vom Menschen geschaffen“, sagt Dr. Tüxen-Preisträger Hartmut Dierschke.

Quelle: mk

Rinteln. Nachschauen, wann der Löwenzahn blüht, ist eine Sache. Zu beobachten, wie sich eine Landschaft verändert, eine ganz andere Herausforderung. Wer Pflanzengesellschaften erforscht braucht Geduld, denn gravierende Veränderungen erkennt man erst nach Jahrzehnten. Es sind Wissenschaftler wie Dierschke, die erforschen, was mit der Vegetation passiert, wenn der Mensch eingreift, wenn sich das Klima verändert. Dierschke wird beim elften Symposium vom 8. bis 10. Mai 2015 der „Reinhold-Tüxen-Preis“ der Stadt Rinteln verliehen.
Fragt man den Preisträger, der den Todenmanner Professor Reinhold Tüxen noch persönlich gekannt und bei ihm gearbeitet hat, nach aktuellen Themen die Schlagzeilen machen, wie Klimaerwärmung und Artensterben, bekommt man keine plakativen Antworten. Wissenschaftler differenzieren.
Obwohl sich immer deutlichere Veränderungen unseres Klimas abzeichnen, mache sich dies in der Vegetation bei uns noch kaum bemerkbar, sagt Dierschke. In Norddeutschland finde man noch keine Veränderung der Pflanzenwelt, die man eindeutig dem Klimawandel zuordnen könne.
Der Professor geht sogar davon aus, dass wir in Mitteleuropa von den vorhergesagten Veränderungen durch den Klimawandel zunächst relativ wenig betroffen sein werden. „Zu befürchten“, sagt Dierschke, „haben wir zunehmende Unwetter und andere extreme Wetterereignisse.“
Dass die Erwärmung unsere Vegetation bisher kaum verändert hat, sei aber keineswegs ein Grund zur Entwarnung. Denn selbstverständlich wandelt sich auch bei uns die Vegetation und zwar ganz erheblich, sagt der Göttinger Professor. Doch Ursache ist hier nicht das Wetter, sondern der direkte Eingriff des Menschen.
„Die roten Listen heute bedrohter Pflanzenarten sind voll von Arten des Acker- und Grünlandes.“ Und hier ist ein wichtiger Verursacher klar auszumachen: die Landwirtschaft. Dazu kämen weitere negative Einflüsse bis zur völligen Zerstörung der Vegetation durch den Siedlungs- und Straßenbau.
Dierschke warnt: „Das Ergebnis dieser Entwicklung wird uns nicht gefallen. Wenn Veränderungen eintreten, werden diese viel rascher als in früheren Zeiten vor sich gehen, was Anpassungen erschwert und zu noch nicht überschaubaren Folgen führen kann“.
Grundsätzlich sind Pflanzengesellschaften als Indikatoren für klimatische Veränderungen ideal, man muss nur genau hinschauen. Dierschke erläutert das so: „Pflanzen reagieren zunächst weniger durch Ausbreitung oder Rückgang, sondern durch eine Veränderung in ihrem phänologischen Verhalten.“ Das bedeutet, Pflanzen treiben früher aus und blühen vom Frühling bis in den Frühsommer früher. Dierschke kann da auf eigene Untersuchungen zurückgreifen, die er Anfang der 1970er Jahre begonnen hat. So dokumentierte er, dass Buchenwälder seit Anfang der 1990er Jahre zunehmend früher austreiben, dass Märzenbecher, Buschwindröschen oder Primeln um zwei bis drei Wochen früher blühen. Die Tendenz sei unübersehbar.
Für Dierschke auch ein Alarmsignal: „In einem mehrjährigen Forschungsprojekt unseres Institutes wurden in Agrargebieten Nord- und Mitteldeutschlands Vegetationserfassungen der 1950er bis 1960er Jahre aktuell wiederholt und der Bestand von Acker- und Graslandgesellschaften sowie von Fließgewässern verglichen. Überall zeigten sich starke Biodiversitätsverluste. Besonders stark war der Artenverlust auf den Äckern mit 71 Prozent.“
Ein Spezialgebiet des Professors ist Grasland. Dierschke sagt, nach der Wiederbewaldung seit der letzten Eiszeit vor gut zehntausend Jahren gebe es in Mitteleuropa außer an der Küste und im Hochgebirge kein natürliches Grasland mehr.
Der Laie ist irritiert, sieht man in Niedersachsen doch überall grüne Wiesen. Für Dierschke kein Widerspruch: „Fast alle Wiesen, Weiden und Magerrasen sind vom Menschen geschaffen. Allerdings unterscheiden sie sich in ihrer Artenzusammensetzung stark und zwar je nach der Intensität der Bewirtschaftung, was Auswirkungen auf die Artenvielfalt hat.
Vorbild für den Naturschutz, schildert Dierschke, sei bis heute daher die breite Palette artenreicher Wiesen und Magerrasen, wie sie bei uns noch bis in die 1960er Jahre weithin existiert haben. Solche Flächen seien wichtige Lebens- und Regenerationszentren von Insekten, die wiederum als Bestäuber für die Landwirtschaft Bedeutung haben.

Von Hans Weimann

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