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Sperrung der Altstadt am Ostertor?

Rinteln/ Verkehr Sperrung der Altstadt am Ostertor?

„Autofahrer haben eine geografische Karte im Kopf, an der sie sich orientieren und suchen immer den kürzesten Weg, selbst wenn es auf einer Umgehung schneller ginge“, sagt Verkehrsexperte Rainer Dargel.

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Verkehrsingenieur Rainer Dargel hält eine Sperrung des Exter Weges für die einfachste Lösung, um den Verkehr in der östlichen Altstadt zu reduzieren. Es gebe außer dem „Gewohnheitsrecht“ kein sachliches Argument, warum der Exter Weg eine Durchfahrtsstraße sein muss.

Quelle: Montage: jak

Von hans Weimann Rinteln. Dieser „spezifische Gewohnheitsverkehr“ sei ein „Machtfaktor“, den man auch planerisch kaum aushebeln könne. Autofahrer, sagt Dargel, lassen sich durch Fahrbahnverengen und Einbauten nicht wirklich beeindrucken. Auch der Zeitfaktor spiele da keine große Rolle: „Überlegen Sie doch einfach, wie Sie sich selbst als Autofahrer verhalten. Appelle nützen da wenig – und von heute auf morgen kriegt man den Schalter nicht umgelegt.“

 Rainer Dargel ist Diplom-Ingenieur für Verkehrswesen und mit Edzard Hildebrandt Geschäftsführer der Planungsgemeinschaft Verkehr in Hannover. Dargel hat unter vielen anderen Städten auch für Rinteln ein Verkehrsgutachten für die Lenkung des Verkehrs nach Einrichtung der Fußgängerzone erstellt. Auch deshalb verfolgt er aufmerksam die nach Öffnung der Schranke an der Dauestraße erneut aufgeflammte öffentliche Diskussion um die Verkehrsführung in der Drift und der östlichen Altstadt.

 Für Dargel ist die Drift – obwohl reine Wohnstraße – nach Öffnung der Schranke so etwas wie eine „Sammelstraße“ geworden. Deshalb kann er den Unmut der Anwohner durchaus nachvollziehen. Aber wie lösen? Von Einbauten hält er in diesem speziellen Fall nicht viel und von Schildern auch nicht. Die Busse müssten raus, bis auf eine Stadtbuslinie, die die Wohnstraßen dort bedient.

 Grundsätzlich bliebe als Problem, dass Buslinienverkehr im ländlichen Raum kaum akzeptiert werde. Anders ein Stadtbus, wenn die Linien gut getaktet sind wie beispielsweise in Nienburg. Das Modell der Zukunft im ländlichen Raum seien flexible Anrufsysteme, Bürgerbusse, das würden die Menschen auch annehmen. Noch hielten Verkehrsbetriebe an alten Modellen fest, einfach weil die großen Busse – auch bedingt durch den Schülerverkehr – eben da sind.

 Eine Sperrung in der Mitte der Drift, wie manche Anwohner fordern, hält Dargel für unklug, da sie Anwohner trennt, die sich eigentlich zusammengehörig fühlen und zu unterschiedlich großen Umwegen zwinge. Das wecke nur weiteren Unmut. Die Schranke stehe schon jetzt genau an der richtigen Stelle.

 Für das östliche Altstadtquartier steht Dargel nach wie vor zu den Vorschlägen, die er schon im Gutachten gemacht hat, weil sich im Grunde an der Situation nichts geändert hat.

 Für Dargel ist die am einfachsten umzusetzende Option, den Exter Weg zu sperren, um den Durchgangsverkehr der östlichen Altstadt zu reduzieren. Niemand brauche zwingend den Exter Weg als Durchfahrtsstraße, dafür gebe es keine sachlich begründete Notwendigkeit. Dagegen sprächen nur das fest zementierte „Gewohnheitsrecht“ und politische Befindlichkeiten. Von „Querschnittslähmung“ zu sprechen, wie das manche Politiker tun, „das hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun“.

 Dargel empfiehlt in der Höhe des Friedhofes eine Wendeschleife, damit man noch in die Ostcontrescarpe fahren kann. Eine Wendeschleife würde vor allem für die erste Zeit gebraucht, bis sich die neue Verkehrsführung eingespielt habe. Eine Einbahnstraßenregelung hält er nur für einen Kompromiss, weil Einbahnstraßen grundsätzlich zu mehr Verkehr führen und die Geschwindigkeit erhöhen, da Autofahrer nicht mehr mit Gegenverkehr rechnen müssen.

 Den Wunsch der Burghofklinik nach Pollern kann Dargel nachvollziehen, doch diese seien nur nachts eine Option. Er empfehle allerdings, erst den Exter Weg zu sperren, dann die Poller einzubauen, damit der Verkehr eine Chance habe, sich neu zu sortieren.

 Das grundlegende Problem, dem sich Rintelns Politiker jetzt stellen müssten, ist Drift und die östliche Altstadt gleich zu behandeln, „sonst gehe die Diskussion ewig weiter“.

 Grundsätzlich ist Dargel überzeugt, langfristig wird sich der Verkehr in den Städten weiter wandeln. Zurzeit untersuche man in seinem Institut die Auswirkungen der E-Bikes. In Detmold habe man praxisnah festgestellt, ein normales Rad nutzen Menschen im Alltag in einem Radius bis maximal fünf Kilometern. Mit E-Bikes erhöht sich die Reichweite auf zehn Kilometer und mehr. Dabei helfe, dass diese Räder neben Komfort auch Fahrspaß bieten. Damit werde das E-Bike auf diesen Entfernungen zu einer echten Konkurrenz zum Auto.

 Wenn man über den Tellerrand schaut und im Internet surft, stellt man schnell fest, zu viel Verkehr oder Verkehr in den falschen Straßen ist Normalität in diesem Land, keineswegs die Ausnahme, wie die aktuelle Diskussion in Rinteln vermuten lassen könnte. Wobei man den Eindruck gewinnt, es gibt nicht richtig oder falsch, nur unterschiedliche Interessen. Bürger argumentieren jeweils aus ihrer Situation, also als Geschäftsleute, Anwohner, Autofahrer oder Kunden. Und dazwischen hängen Kommunalpolitiker, die wiederum ganz eigene Interessen verfolgen – oft parteipolitisch gefärbt.

 Nur ein paar Schlagzeilen: Augsburg: „Ringverkehr gescheitert“; Verden: „Bürgerbegehren gegen Verkehrsführung“; Duisburg: „Shared Space (das ist ein Verkehrsraum ohne Schilder) gescheitert“; Obernburg: „Bürger gegen Verkehrslenkung in der Römerstraße“; Regensburg: „Sperrung der Thundorferstraße gescheitert“; Rosswein bei Leibzig: „Stadtkerntangente zu den Akten gelegt“; Stadtlohn im Kreis Borken: „Schleifenlösung Innenstadt – Geschäftsleute fürchten um ihre Existenz“; Reydten bei Mönchengladbach: „Einbahnstraßenregelung funktioniert nicht“; Aachen: „Autofahrer ignorieren Absperrung und Schilder“.

 Mit solchen Beispielen ließe sich mühelos eine Seite füllen. Jörg Schröder, Erster Stadtrat im Rathaus, hat es einmal so auf den Punkt gebracht: „Egal, was man tut, der Verkehr wird nicht weniger.“ Was bedeutet: Irgendjemand hat ihn immer vor der Haustür. Es sei denn, man zwingt ihn auf eine Umgehungsstraße.

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