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Spurensuche bis nach Cincinnati

Rinteln/Heessen / Familiengeschichte Spurensuche bis nach Cincinnati

Die Vertreibung von Juden aus Deutschland durch die Nationalsozialisten hat auch in Rinteln Spuren hinterlassen. Lange waren sie nur wenigen bekannt wie dem langjährigen Stadtarchivar Kurt Klaus und der Bückeburger Geschichtswerkstatt um den Lehrer Klaus Maiwald, die darüber Aufzeichnungen sammelten und veröffentlichten.

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Matthias (links) und Karl-Heinz Eckel mit einem Bild des Eckhauses, in dem erst die jüdische Familie Leeser, dann Familie Eckel einen Laden hatte.

Quelle: pr.

Von Dietrich Lange

Rinteln/Heessen. In den betroffenen Familien wurden die Schrecken jener Zeit lange verschwiegen, tabuisiert – sowohl in den jüdischen als auch den deutschen Familien. Im November nun sollen in Rinteln mit dem Verlegen von 15 Stolpersteinen aber Zeichen der Erinnerung gesetzt werden. Und schon im Vorfeld führte die Spurensuche zu neuen Kontakten – bis nach Cincinnati in den USA.

Matthias Eckel aus Heeßen befasste sich mit einem christlichen Freundeskreis letztes Jahr mit dem Schicksal jüdischer Familien in Schaumburg während der NS-Zeit. Sie lasen in den bisherigen Veröffentlichungen und befassten sich mit den bereits in Bückeburg und Stadthagen verlegten Stolpersteinen. Warum gab es keine in Rinteln, der Stadt seiner Ahnen? Eckel fragte seinen Vater Karl-Heinz (73), den langjährigen Grundschulleiter in Hattendorf, heute wohnhaft in Niedernwöhren. Und auch dieser hatte als gebürtiger Rintelner großes Interesse, mehr über die Verstrickungen der eigenen Familie in die NS-Zeit zu erfahren. Ausgangspunkt: Seine Eltern hatten 1937 das Textilgeschäft der jüdischen Familie Leeser an der Ecke Marktplatz/Klosterstraße übernommen und bis in die fünfziger Jahre als Textil- und Stoffhandel August Eckel betrieben. Heute befindet sich dort die Neue Apotheke.

„Ich bin 1940 im Haus der Familie Leeser geboren, die ihr Geschäft schon 1937 an meinen Vater übergeben hatten, um in die USA zu fliehen. Wir wohnten in der oberen Etage“, erzählt Eckel senior. „1975/1976 wurde meine Mutter im Rahmen einer Befragung älterer Rintelner zur NS-Zeit von Schülern angehört. Die Ergebnismappe hat sie mir aber erst Anfang der achtziger Jahe übergeben. Diese ruhte dann weitere 30 Jahre ungelesen bei mir im Schrank. Erst als mein Sohn mich jetzt nach dieser Zeit fragte, erinnerte ich mich an das Heft und befasste mich damit. Darin stieß ich zum ersten Mal auf den Namen Leeser. Dann habe ich Kurt Klaus angerufen, der die Mappe damals mitinitiiert hatte und der später ein Buch über Rintelns Juden herausgebracht hat.“

Nun kam die bange Frage auf, ob sich seine Großeltern am Eigentum der bedrängten Juden bereichert hätten? „Offenbar nein, wir wohnten nur zur Miete, auch den Laden hatten wir nur von den neuen Besitzern gemietet“, stellte Eckel senior fest. „Und dann lasen wir den SZ-Artikel über das Stolperstein-Projekt, für das Rintelner Gymnasiasten um Lehrer Thomas Weißbarth recherchierten. Ich wandte mich an Weißbarth, und die Schüler fanden im Internet heraus, dass die Familie Leeser mit zwei Söhnen nach Cincinnati in den USA ausgewandert waren, aber alle inzwischen verstorben sind“, ergänzt Eckel junior. „Meine Frau hatte aber bekannte in den USA, deren Freund als Hobby Ahnenforschung betreibt. Dieser fand heraus, dass es einen Greg Lewis Küthe-Leeser gibt, Enkel von Ludwig Leeser. Greg betreibt auch Ahnenforschung und war ebenfalls auf den Zeitungsartikel aus Rinteln gestoßen.“

Schon bald entstand ein reger E-Mail-Kontakt zwischen den Eckels und dem Leeser-Enkel. Dessen Mutter (89 Jahre alt) lebt noch, sie spricht sogar noch Deutsch, obwohl sie in den USA geboren ist. Auch diese zeigt großes Interesse, und beide hegen keinen Groll gegen die Deutschen, das sei doch heute eine ganz andere Generation. Aber eine Entschädigung für den Verlust ihres Geschäfts hätten sie nie erhalten, die Flucht hätten reiche Juden aus den USA finanziert. So überlebte das Ehepaar Leeser mit seinen bei der Flucht 15 und 17 Jahre alten Söhnen.

„Gregs Vater und Onkel sind der US-Armee beigetreten, der Onkel war sgegen Ende des Kriegs sogar kurz in Rinteln“, erzählt Eckel senior. „Greg selbst war als Zwölfjähriger mal hier. Er hat bei Facebook ein Bild veröffentlicht mit dem Laden seines Großvaters und seinem Vater Werner als Kind darauf sowie der früheren Straßenbahn daneben.“

Greg Lewis Küthe-Leeser hat bei Facebook seinen schönen neuen Kontakt in die Heimat seiner Ahnen gelobt. Das habe sein Bild von den Deutschen stark verändert, und er finde es toll, dass mit Stolpersteinen auch an seine Familie erinnert werden soll. Zwei wird es vor der Neuen Apotheke geben, zwei am Gymnasium, wo die Söhne der Leesers zuletzt zur Schule gingen. Matthias Eckel: „Greg kann im November zwar nicht kommen, aber vielleicht schickt er ein Grußwort, das ich verlesen könnte.“ Die Eckels bezahlen übrigens die beiden Stolpersteine auf dem Marktplatz für Ludwig und Henriette Leeser, das Gymnasium die beiden anderen. In Frille soll es übrigens einen Grabstein des Urgroßvaters von Greg geben, teilt Eckel junior mit.
„Eine Frage bewegt Greg bei aller Versöhnlichkeit aber bis heute am stärksten: Wie konnte ein Volk wie die Deutschen auf Adolf Hitler hereinfallen?“

Und jetzt hat auch Gregs Mutter Audrey die Eckels angerufen - auf Deutsch: Es sei für sie eine große Ehre, dass mit einem Stolperstein an ihren verstorbenen Mann erinnert werden soll. Das habe ihr Herz sehr berührt. Ihr und den Eckels kamen die Tränen. Audrey Küthe-Leeser will sogar versuchen, am 27. November nach Rinteln zu kommen, aber genau kann sie es noch nicht sagen. Matthias Eckel zieht ein Fazit der bewegenden Ahnenforschung: „Was in den letzten Monaten alles geschehen ist, ist für uns alle ein Geschenk Gottes.“

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