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„Tag des Friedhofs“: Verkaufsschau rund um den Tod

Mit der Kuscheldecke ins Grab „Tag des Friedhofs“: Verkaufsschau rund um den Tod

Viermal habe sie den Leichnam einer verstorbenen Frau für den Sarg umgezogen, bis die Angehörigen einverstanden gewesen seien. „Am Ende war es eine geblümte Bluse, die die Tote so geliebt hatte“, erzählt Nadine Frank. Seit zehn Jahren arbeitet sie als Bestatterin in Rinteln.

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Bei der Bestatterin Nadine Frank können Angehörigen den Sarg selbst bemalen – was bei Kindersärgen oft gewünscht wird.

Quelle: wm

Rinteln. Es komme immer wieder vor, dass eine Einäscherung im Krematorium in Minden oder Hameln aufgeschoben wird, weil der Amtsarzt, der eine Leiche untersucht, bevor diese ins Feuer kommt, etwas entdeckt, was ihn misstrauisch macht. Meist Verletzungen, ungewöhnliche Druckstellen, berichten Friedrich Bartram vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen und sein Kollege Bernd Denker von „Giese Bestattungen“. Ganz normaler Alltag der Rintelner Bestatter.

 Diese schilderten am Sonnabend auf dem Seetorfriedhof beim „Tag des Friedhofes“ auch, wie sich die Begräbniskultur gewandelt hat. Die Erdbestattung, früher selbstverständlich, werde immer mehr von der Urnenbestattung verdrängt. Für Denker hat das einen ganz praktischen Hintergrund: Asche kann man auf See verstreuen, in den Bergen, in einer kompostierbaren Urne unter einem Baum bestatten. Und das sei es, was sich immer mehr Hinterbliebene für einen Verstorbenen wünschen.

 Doch auch beim Tod sind Kompromisse nötig. Ein Trucker wollte, dass man seine Asche von einer Autobahnbrücke aus verstreuen solle. Das sei leider nicht zu realisieren gewesen, schildert Frank. Noch gelte in Deutschland die Beisetzungspflicht.

 Die traditionelle Beerdigungskultur ist in Auflösung begriffen. Rockmusik bei der Trauerfeier, statt des Pastors ein professioneller Trauerredner oder ein Familienangehöriger, der die Trauerrede hält, das sei längst keine Ausnahme mehr, sagen alle Bestatter.

 Frank geht sogar noch einen Schritt weiter bei der Individualisierung der Trauerkultur. Bei ihr kann den Sarg selbst bemalen, wer will. Mit Motiven, die etwas über den Verstorbenen aussagen. Kann in den Sarg legen, was der oder die Verstorbene geschätzt hat: „Eine Frau wollte in ihrer Kuscheldecke begraben werden.“

 Auf die veränderten Wünsche der Bürger haben auch die Friedhofsgärtner der Stadt reagiert. Klaus-Ulrich Hartmann und Uwe Wenthe zeigen den Besuchern an diesem den neu angelegten Platz für Urnenwahlgräber mit einer Bank und Granitstelen im Hintergrund, die im Sommer von Rosen berankt sein werden. Sie zeigen den Platz für Baumbestattungen im südwestlichen Bereich des Friedhofs. „Unsere Antwort auf den Friedwald“, sagt Hartmann. Viele Senioren hätten nämlich erkannt, dass es nicht so einfach ist, zu einem Friedwald zu kommen, wenn man selbst nicht mehr Auto fahren kann. Zum Seetorfriedhof fährt ein Bus. Seit rund anderthalb Jahren bietet die Stadt dort Baumbestattungen an. Inzwischen schmücken 40 Grabtafeln die Sandsteinstele.

 Und Hartmann zeigt, wie man den Freiraum nutzt, der sich durch die Einebnung von aufgelassenen Gräbern ergibt, um Neues zu schaffen. Selbst, was gepflanzt wird, dient dort einem Zweck: Statt dunkler Zypressen lichte Bäume, Gleditschien, Christusdorn zum Beispiel, oder Waldsteinien als Bodendecker, die es auch vertragen, wenn man mal drauftritt.

 Früher habe man einfach neue Abteilungen erschlossen, wenn mehr Platz gebraucht wurde, so Hartmann. Diese Zeiten sind vorbei. Dazu muss man wissen, rund um den Seetorfriedhof ist Hochwasserschutzgebiet. Der Generationenpark mit den Apfelbäumen ist beispielsweise gleichzeitig Retentionsraum für Hochwasser.

 Der „Tag des Friedhofs“ war, wenn man das Rahmenprogramm mit Gottesdienst, Führungen und dem Konzert ausklammert, im Grunde eine Verkaufsschau. Eine Präsentation der Dienstleistungen rund um den Tod. Das zeigten schon die ausgelegten Broschüren und Stände. Daran ist nicht ansatzweise etwas Negatives. Im Gegenteil. Wer einmal in der emotionalen Ausnahmesituation war, einen Angehörigen oder Freund verloren zu haben, weiß professionelle Hilfe zu schätzen.

 So drehten sich die Gespräche der Besucher mit den Bestattern, mit Silvia Wächter, bei der Stadt zuständig für die Friedhofsverwaltung, auch meist nicht um den Sinn von Tod und Trauer, sondern um ganz praktische Dinge. Was kostet eine Grabstätte? Antwort: zwischen 335 und 2500 Euro. Wie lange ist die Laufzeit von Familiengräbern? Antwort: bis 30 Jahre. Darf man die Urne mit nach Hause nehmen? Antwort: Nein, das geht bisher nur in England und Holland. Muss der Sarg in der Kapelle bei der Trauerfeier geschlossen sein? Antwort: Ja. Kümmern sich Bestatter auch um Formalitäten wie Vereinsmitgliedschaften kündigen, vermitteln sie verwaiste Haustiere? Antwort: auf Wunsch, ja.

 Und die Besucher schauen sich Urnen an, kompostierbare, Designerurnen und solche aus Stahl: „Die holen sie nach 30 Jahren aus der Erde, die sind wie neu“, sagt Bernd Denker, „für die Ewigkeit.“ Na ja, fast. wm

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