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„Und hier soll man sich wohlfühlen können?“

Rinteln / Asylbewerberheim „Und hier soll man sich wohlfühlen können?“

Seit drei Jahren wohnt Elisabeth Dursun inzwischen in der Rintelner Nordstadt, das Asylbewerberheim ganz in der Nähe ist ihr aber erst im vergangenen Jahr aufgefallen. „Ich dachte, das Haus stünde leer, so, wie es aussah“, sagt Dursun.

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So sieht ein Duschraum im Asylbewerberheim in der Waldkaterallee aus.

Quelle: tol, mld

Rinteln (mld). Doch dann sei sie zusammen mit ihrer kleinen Tochter und ihrem Hund öfter in der Waldkaterallee spazieren gegangen und habe gesehen: Da wohnt ja doch jemand.

„Es gab viele Kinder ohne Spielzeug“, erinnert sich Dursun, und Menschen, die stundenlang die Straße auf und ab gingen. Die habe sie angesprochen und gefragt, warum sie das täten. Die Antwort: weil sie nichts anderes zu tun hätten. Personen, die sich in einem noch laufenden Asylbewerberverfahren befinden, erhalten nur in Ausnahmefällen eine Arbeitserlaubnis.

Das ist nicht das Einzige, was Dursun stört – „Das Gesetz kann man als Einzelner nicht ändern“ –, sie nimmt auch Anstoß an dem Aussehen des Asylbewerberheims: Der Putz blättert an manchen Stellen, ein Fenster ist zersprungen, der Hof ist löchrig. Der Zaun um das Gelände mache den Eindruck, als müssten die Bewohner des Heims abgetrennt werden, sagt Dursun. Zudem würde oft Sperrmüll auf dem Gelände des Heims abgestellt.

„Und diese Menschen haben kein Geld, um sich Material zu kaufen und es sich wohnlicher zu machen“, beklagt Dursun. Laut Asylbewerberleistungsgesetz bekommen Asylbewerber vor allem Sachleistungen, dazu rund 40 Euro monatlich für, beispielsweise, Kommunikation.

Dursun kam mit den Heimbewohnern ins Gespräch, erzählt sie, und erfuhr Dinge, die ihr missfallen: „Manche leben schon Jahre dort, und das auf wenigen Quadratmetern“, sagt sie. „Wie soll man sich da wohlfühlen können?“

Den Menschen seien „die Hände gebunden“, Fahrräder oder Autos hätten sie nicht, Umschulungen oder Sprachkurse ebenso wenig. „Diese Menschen werden nicht eingegliedert, sondern gerade mal geduldet“, moniert Dursun, die schon des Öfteren von einigen Bewohnern zum Tee oder zum Essen eingeladen wurde und ebenso Bewohner des Heims bei sich zu Besuch hatte. Noch nirgendwo, erzählt die Friseurin, seien ihr solche Zustände aufgefallen, nicht, als sie in Düsseldorf und Hameln gelebt habe. In Griechenland, wo ihre Eltern herstammen, gingen die Menschen anders miteinander um, würden sich gegenseitig mehr helfen und einander nicht „ausgrenzen“.

Also hat sie selbst die Initiative ergriffen und hat begonnen, Kleidung und alte Kindersachen ihrer Tochter auszusortieren, um sie im Asylbewerberheim vorbeizubringen, ein Dreirad zum Beispiel oder eine Wickelkommode für eine Frau aus Mazedonien, die derzeit im siebten Monat schwanger ist.

Dies ist das erste Mal, dass sie sich auf diese Weise engagiere, zuvor habe sie „den Blick dafür nicht gehabt“, mutmaßt sie: die Umzüge, ihre kleine Tochter. „Aber hier kann jeder schnell helfen“, appelliert Dursun. „Und Menschlichkeit ist keine Frage der Nationalität.“

Sozialarbeiter Norbert Rose, der nicht nur für das Asylbewerberheim in der Waldkaterallee, sondern auch in der Bahnhofstraße zuständig ist – momentan also für 74 Menschen –, antwortet auf die Frage, ob denn Rintelner in diesem Heim öfter mal etwas vorbeibringen würden: „Nein, das passiert eigentlich nicht.“

Rose hilft den Heimbewohnern bei Behördengängen, Formalitäten, Übersetzungen und allem, was es ihnen leichter macht, im Land anzukommen. Durchschnittlich bleiben die Menschen zwei bis drei Jahre in einem Asylbewerberheim, erzählt Rose, momentan seien Familien aus Mazedonien, Vietnam, Irak, Iran, China und Kasachstan hier untergebracht.

Vier Personen haben Anspruch auf 20 Quadratmeter Raum, erzählt er.

Derzeit hielten sich 22 Asylbewerber im Wohnheim an der Waldkaterallee auf, erläutert Ulrich Kipp, Leiter des städtischen Ordnungsamtes. Wie viel sogenannte „ausländische Flüchtlinge“ die Stadt Rinteln aufnehmen muss, bestimmt der Landkreis, der wiederum 139 Menschen aufnehmen und für ihre Unterbringung sorgen muss, was vom Land Niedersachsen vorgegeben ist. 19 dieser Personen in den Rintelner Asylbewerberheimen, erzählt Kipp, befänden sich im Asylerstverfahren, drei haben den Status der Duldung laut deutschem Ausländerrecht.

Auf manche Aus- und Verbesserungen für das Asylbewerberheim in der Waldkaterallee wartet Sozialarbeiter Rose immer noch, eine neue Fensterscheibe etwa als Ersatz für die gesprungene hätte schon längst geliefert werden sollen, sagt er, und die Lieferzeit für neue Duschschalen sei lang.

„Was mit den Wohnheimen in vier oder fünf Jahren geschieht, wissen wir nicht“, prognostiziert Kipp eine ungewisse Zukunft. „Das hängt von der Entwicklung der Quoten ab.“

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