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Rinteln / Dubioser Stromwechsel Unterschreiben, sonst wird es dunkel

„Es war ein so netter Herr“, berichtete die 80-jährige Hedwig A. dem Stadtwerkemitarbeiter Christian Kramer, deshalb habe sie einen Vertrag für einen Wechsel des Stromanbieters unterschrieben. Später seien ihr Zweifel gekommen, weil sie über die Einzelheiten des Vertrages keine Unterlagen ausgehändigt bekommen habe, nicht einmal ein Preis sei genannt worden.

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Stromwerber klingeln dieser Tage an vielen Haustüren und drängen auf eine Unterschrift.

Quelle: Fotolia

Rinteln (wm). Hedwig A. ist in Rinteln nicht die Einzige, die in den vergangenen Tagen unangemeldeten Besuch von zwei Männern und einer Frau hatte. Alle sehr höflich, aber hartnäckig. Das Trio, bestätigten die Stadtwerke aufgrund mehrerer Kundenanrufe, sei im Auftrag der „Energieberatung Deutschland“ mit Sitz in Potsdam unterwegs, um Rintelner Bürger zu einem Wechsel des Stromanbieters zu bewegen.

 Wettbewerb ist auf dem liberalisierten Strommarkt nicht verboten. Was Stadtwerke-Vertriebsleiter Thomas Rinnebach allerdings sauer aufstößt, ist, dass Mitbewerber offensichtlich mit unseriösen Methoden arbeiten und unter anderem behaupten, sie seien im Auftrag der Stadtwerke Rinteln unterwegs.

 Eine Täuschung der Stadtwerkekunden sei schon deshalb möglich, weil tatsächlich Stadtwerkemitarbeiter an Haustüren klingeln, um die Strom-, Wasser- und Gaszähler abzulesen. Doch diese könnten sich jederzeit ausweisen, betonte Rinnebach. Außerdem würden die Stadtwerke Rinteln nicht an der Haustür Kunden werben.

 Andere Kunden haben berichtet, die Werber hätten erklärt, die Stromnetze der Stadtwerke würden demnächst von der EWE in Oldenburg übernommen, deshalb sollten sie zu diesem Anbieter wechseln, wenn „sie Weihnachten nicht im Dunkeln sitzen wollen“. „Natürlich barer Unsinn“, betont Rinnebach.

 Eine Internetrecherche zeigt, dass die Werber der „Energieberatung Deutschland“ durchaus flexibel in ihrer Argumentation sind und der Kampf um Kunden mit harten Bandagen geführt wird. So soll unter anderem in Kiel behauptet worden sein, die Stadtwerke Kiel würden von einem anderen Versorger übernommen – oder wahlweise die Hausgemeinschaft habe mehrheitlich beschlossen, den Anbieter zu wechseln, da könne ein Mieter doch nicht zurückstehen.

 In Göttingen gingen die Werber mit der Behauptung hausieren, sie kämen von der EEW (was an die EWE erinnert, aber für Eichsfelder Energie- und Wasserversorgungs-GmbH steht).

 Es sind wohl vor allem Senioren, bei denen die Werber Druck machen, weil sie davon ausgehen, dass die älteren Damen und Herren nicht mehr ganz durchblicken, außerdem Bewohner von Mehrfamilienhäusern, bei denen man annimmt, dass sie nach jedem vermeintlichen Strohhalm greifen, um Kosten zu sparen.

 Christian Bartsch von der Presseabteilung der EWE in Oldenburg (ehemals Energieversorgung Weser-Ems-AG) betonte auf Anfrage am Dienstag, die „Energieberatung Deutschland“ vertreibe keineswegs nur EWE-Produkte, sondern sei mit einem „ganzen Bauchladen“ von Stromanbietern im Angebot unterwegs.

 Bei EWE kenne man die Probleme und habe mit der „Energieberatung Deutschland“ klare Spielregeln vereinbart. Er will nicht ausschließen, dass da „schwarze Schafe“ mitmischen. Er sicherte zu, man werde diesen Fällen nachgehen. Bartsch: „Wir überprüfen die Einhaltung der Kriterien unter anderem mit Anrufen bei Neukunden, bei denen wir gezielt auch das Auftreten der Dienstleister abfragen.“

 Die andere Seite sei, dass Stadtwerke es selbstverständlich „nicht schön finden und entsprechend reagieren“, wenn in ihrem Geschäftsbereich Konkurrenz unterwegs ist. Das entbinde die Werber allerdings nicht davon, seriös zu arbeiten.

 Von der „Energieberatung Deutschland“ in Potsdam selbst war keine Stellungnahme zu bekommen weder per E-Mail noch per Telefon. Zwar wurde zugesichert zurückzurufen, was aber bis Redaktionsschluss nicht geschah.

 Bei der Verbraucherzentrale in Hannover ist die „Energieberatung Deutschland“ nicht unbekannt. Wie skrupellos zurzeit auf dem Strommarkt gekämpft wird, schilderte Pressesprecherin Gabriele Peters an einem Beispiel: Um selber Strom verkaufen zu können, hat jüngst der Stromanbieter „lekker Energie GmbH“ eine Verbraucherin kurzerhand ohne ihre Zustimmung bei ihrem Versorgen abgemeldet. Vorausgegangen war auch hier ein Haustürbesuch, bei dem die Verbraucherin keinen Vertrag abgeschlossen hatte, aber genug Daten verraten, um eine Kündigung zu erwirken.

 Peters rät, keinesfalls an der Haustür zu unterschreiben, sondern sich alle Papiere aushändigen lassen, um in Ruhe zu prüfen, um was es eigentlich geht. Auf keinen Fall solle man in Vorleistung gehen.

 Die Tricks in der Branche sind vielfältig. So hat Rinnebach erlebt, dass ganze Leistungspakete verkauft werden, damit der Kunde die Gesamtkosten nicht überblickt. Auch bei einer Festpreisgarantie lässt sich oft nicht festmachen, worauf die sich bezieht: Auf den Arbeitspreis?

 Preiserhöhungen würden nach Vertragsabschluss manchmal als Info-Flyer getarnt, den man sich kurz anschaut, dann im Papierkorb entsorgt. Wer den Flyer nicht liest, übersieht, dass er einer Preiserhöhung zustimmt, wenn er nicht rechtzeitig Widerspruch einlegt und kündigt.  

 Nach Teldafax ist jetzt ein zweiter Billigstromanbieter in die Schlagzeilen geraten. Nach einem Bericht des Handelsblattes Anfang Dezember bleibt Flexstrom immer mehr Geschäftspartnern die Begleichung der Rechnung schuldigt. 33 Stadtwerke haben Anwälte eingeschaltet, weil der Billigstromanbieter die Netzentgelte nicht bezahlt. Die Stadtwerke fordern ein Einschreiten der Aufsichtsbehörde, die Bundesnetzagentur sei hier in die Pflicht.

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