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Urkunde 100 Jahre zurückdatiert?

Stadtrechte Urkunde 100 Jahre zurückdatiert?

Sind die Stadtrechtsurkunde und das Messeprivileg, auf die die Stadt Rinteln so stolz ist, im Grunde Fälschungen? „Ja und Nein“, sagt Professor Hiram Kümper von der Universität Mannheim, dessen Spezialgebiet mittelalterliche Urkunden sind.

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Die Rintelner Stadtrechtsurkunde ist erst 100 Jahre nach der Verleihung der Stadtrechte ausgestellt worden, vermutet Professor Hiram Kümper.

Quelle: pr.

Rinteln. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ohne Zweifel hat Rinteln die Stadtrechte erhalten, ohne Zweifel auch das Messeprivileg. Ohne Zweifel sind diese Urkunden echt. Doch beide Urkunden sind aller Wahrscheinlichkeit viel später ausgestellt worden, als das Ereignis stattgefunden und es den Anlass gegeben hat, das zu beurkunden. Auf Deutsch: Die Urkunden sind nicht so alt, wie sie vorgeben zu sein. Die Urkunden sind aller Wahrscheinlichkeit nach zurückdatiert worden.

Die Stadtrechtsurkunde, die als Jahreszahl 1239 trägt, ist vermutlich sogar erst ein Jahrhundert später ausgestellt worden, nimmt Kümper an. Das würde bedeuten, die Rintelner haben 1239 zwar das Stadtrecht erhalten, aber keine Urkunde. Erst 100 Jahre später ist den Rintelnern eingefallen, so ein Recht müsse ja eigentlich auch per Urkunde festgehalten werden.

Mehrere Indizien

Dass das so gewesen sein könnte, dafür hat Kümper Indizien gefunden. Was ihn beim Studium der Rintelner Stadtrechtsurkunde stutzig hatte werden lassen, seien die Form der Urkunde, die Kanzleisprache, die nicht zu diesem Jahrhundert passe, und ihr Inhalt gewesen, schilderte Kümper in einem Gespräch. „Urkunden, die nachweislich im 13. Jahrhundert ausgestellt worden sind, sehen anders aus, sind anders formuliert.“

Ein weiteres Beispiel: So soll die Stadt laut Urkunde das lippische Stadtrecht erhalten haben, das gab es in dieser Form aber im Jahr 1239 noch nicht. „Beim Rintelner Messeprivileg ist die Sache komplizierter und bedarf einer weiteren Untersuchung“, sagt Kümper. Auch dabei geht er davon aus, dass in der Weserstadt erheblich früher als in der Urkunde festgehalten Messen abgehalten worden sind.

Objektive Tatbestände

Grundsätzlich betrachtet die Wissenschaft heute Urkunden eher skeptisch, so Kümper. Früher sei man davon ausgegangen, dass zwar Geschichtsschreibung immer subjektiv gewesen sei, aber Urkunden objektive Tatbestände festgehalten hätten. „Denn dabei ging es ja meist um ganz banale Rechtsgeschäfte.“ Und warum soll man beispielsweise einen schlichten Strafzettel fälschen?

Heute weiß man, im Mittelalter haben sich offensichtlich erst spät das Bedürfnis und die Notwendigkeit entwickelt, etwas schriftlich in Urkundenform festzuhalten. So hätten sich beispielsweise viele Klöster selbst Privilegien per Urkunde bestätigt, die ihnen von Karl dem Großen eingeräumt worden sind. Dieser war damals aber schon gut 400 Jahre tot.

Selbstverständlich hatten die Klöster diese Privilegien, betont Kümper. Aber lange Zeit habe es wohl keinen Anlass gegeben, diese Privilegien auch mit einer Urkunde beweisen zu müssen.

Kümper ist Professor für die Geschichte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit und arbeitet zurzeit mit Studenten an einem Buch über den mittelalterlichen Urkundenbestand des Rintelner Stadtarchivs. Ein Buch, das im Winter erscheinen soll, in dem knapp 100 Urkunden als Abschrift beziehungsweise Übersetzung veröffentlicht werden. Darüber hinaus wollen Kümper und seine Studenten auch Interpretationen über die jeweilige Entstehung und Authentizität der Urkunden geben. wm

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