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Vom „Mini-MP“ zum „Superschröder“

Rinteln Vom „Mini-MP“ zum „Superschröder“

Von der niedersächsischen Staatskanzlei in Hannover 1999 ins Rintelner Rathaus: Jörg Schröder hatte ab 1993 sogar Reden für seinen Chef, den Ministerpräsidenten Gerhard Schröder, geschrieben, von dessen eindrucksvoller Bürotür seine bescheidenere nicht weit entfernt war.

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Jörg Schröder mit seinen Lieblingsbildern im Büro: Kripochef Jörg Stuchlik hatte ihn als Filmheld „Superschröder“ auf ein Plakat gebannt (das nimmt er mit), von Udo Lindenberg stammt die Zeichnung für die Präventionsaktion an Schulen „Rinteln – eine tolerante Stadt“ im Jahr 2012 (bleibt im Büro).tol

Rinteln. Aber immerhin stand derselbe Nachname auf dem Türschild, das brachte Rintelns späterem Ersten Stadtrat den Spitznamen „Mini-MP“ ein. Heute wird Schröder verabschiedet, wechselt in die Privatwirtschaft. Aus seinem Büro nimmt er nur die Schreibunterlage mit Familienfotos und ein Plakat mit, das ihn als Kinoheld „Superschröder“ zeigt. Aber er will Rinteln nicht komplett den Rücken kehren. Über seine Bilanz und Pläne sprach er mit unserem Redakteur Dietrich Lange.

Herr Schröder, 16 Jahre Erster Stadtrat in Rinteln: Welche Erwartungen hatten Sie von diesem Job? Und hätten Sie geglaubt, dass Sie ihn so lange machen?

Ich bin ja in sehr dörflichen Strukturen aufgewachsen und wollte immer in einem heimatnahen Rathaus einer Kleinstadt landen. Ich habe mich daher während meiner Zeit in der niedersächsischen Landesregierung ganz bewusst über den Landkreis Schaumburg ins Rintelner Rathaus vorgearbeitet. Ein Zeitlimit hatte ich nie. Es fällt mir auch jetzt nicht leicht, unser Rathaus zu verlassen, weil ich mit der Stadt und ihren Menschen sehr verbunden bin.

Fast die ganze Zeit mit Karl-Heinz Buchholz als Chef und einer rot-grünen Mehrheit im Rat, machte das die Sache leichter oder nicht?

Karl-Heinz Buchholz und ich sind in unserer gemeinsamen Zeit im Rathaus zu Freunden geworden. Das hat unsere Arbeit sehr erleichtert. Wir haben uns gegenseitig den Rücken freigehalten. Da passte wirklich kein Blatt Papier dazwischen; anders als bei meinem Namensvetter und Oskar Lafontaine. Zwischen die beiden konnte man ja zum Schluss eine ganze Palette Kopierpapier durchschieben. Parteipolitik wird bei uns hoffnungslos überschätzt. Ich verfüge ja über kein Parteibuch. Ich bin mir aber trotzdem ganz sicher, dass in keinem Parteiprogramm die Frage beantwortet wird, wie wir zum Beispiel den Grundschulstandort Steinbergen stabilisieren können. Wir beackern im Rathaus keine politischen Themen im engeren Sinn. Wenn aber eine politische Gruppierung ein unpolitisches Thema besetzt, dann tut sie das oft mit dem Ziel der Profilschärfung. Dann heißt es schnell, wir gegen die. Sind die Mehrheiten knapp, geht es oft nur noch um Abstimmungserfolge. Die eigentliche Sachfrage tritt da schon mal in den Hintergrund.

Es gab Phasen, wo Sie gegenüber den Ratspolitikern kurz angebunden bis überheblich wirkten. Das scheint sich geändert zu haben. Hat das Amt Sie reifen, souveräner werden lassen?

Es mag ja sein, dass ich der einen oder anderen Kapriole unserer Ratspolitik mit einer etwas kritischen Distanz gegenüberstehe. Da bin ich aber wohl nicht so ganz alleine. Wir verkaufen uns da öfter mal unter Wert, und das hat unsere Stadt mit ihrem großen Potenzial nicht verdient. Sicher bin auch ich altersbedingt während meiner Zeit in Rinteln gereift. Eine wichtige Rolle spielen da meine Frau und meine Töchter, die mich jeden Tag auf meine wahre Größe zurechtstutzen.

Wie viel eigene Vorstellungen kann man eigentlich in Ihrer Position realisieren? Und was wären da Beispiele aus Ihrer Amtszeit?

Rathausarbeit ist Teamwork. Die großen Veränderungen in den letzten 16 Jahren sind Gemeinschaftsleistungen gewesen. Wer sich selbst aus Steuergeldern ein Denkmal bauen will, ist an der Klosterstraße 19 an der völlig falschen Adresse. Jeder setzt sicher in seinem Zuständigkeitsbereich einige Akzente. Bei mir wäre das wohl der Ausbau der Kinderbetreuung.

Gab es Momente, in denen Sie am liebsten hingeschmissen hätten?

Nein. Ich hab genetisch bedingt ein dickes Fell, das im Alter sogar noch wächst.

An was erinnern Sie sich am liebsten?

An Gemeinschaftsleistungen, bei denen das Potenzial unserer Stadt deutlich wird. Der ehrenamtliche Hochwassereinsatz von Feuerwehr und THW, gepaart mit aktiver Nachbarschaftshilfe, ist so ein Beispiel. Aber auch die stille Arbeit für andere in Kirchen, Verbänden und dem Hospizverein hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Wir werden bald wieder so eine Gemeinschaftsleistung erleben, wenn wir uns um die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen kümmern werden. Ich bedaure es schon sehr, bei der Bewältigung dieser Aufgabe nicht mehr dabei zu sein.

Was hätten Sie aus heutiger Sicht lieber anders gemacht?

Wir hätten bei der Bebauung des Steinangers noch mehr kämpfen müssen. Wir haben da eine große Chance vertan und mussten in den darauffolgenden Jahren zusehen, wie uns Menschen in Richtung Bad Eilsen oder Bückeburg verlassen haben, weil sie dort ein entsprechendes Wohnangebot gefunden haben.

Wurmt es Sie, dass die Wahl einer Studienbekannten als Ihre Nachfolgerin scheiterte? Haben Sie sie dafür wenigstens als Trostpflaster mal zum Essen eingeladen?

Na ja, Frau Höhl war ja nach einhelliger Auffassung der Bewertungskommission die beste Bewerberin. Ein Trostpflaster braucht sie aber nicht. Sie hat ja einen tollen Arbeitsplatz in der Staatskanzlei. Nachdem sie die Zeitungsberichte über die Umstände ihrer Nichtwahl gelesen hatte, war sie ganz froh, dass ihr solche Sitzungen nun erspart bleiben.

Sie haben noch neun Monate mit ihrem Vorgänger Jürgen Marquardt zusammengearbeitet, ihr Nachfolger wurde dagegen gerade erst gewählt, startet am 1. Oktober. Har er es schwerer?

Mit Herrn Marquardt durfte ich noch die Ansiedlung des Textilkaufhauses Bruno Kleine mit organisieren, aber er war eigentlich schon auf dem Absprung. Jetzt konnte ich gerade mal zwei Tage Wissen an meinen Nachfolger Joachim Steinbeck weitergeben. Aber seien Sie sicher, unser Verwaltungsapparat wird das schaffen. Ich nehme ja kein Herrschaftswissen mit, die Amtsleiter und der Bürgermeister wissen doch über alles Bescheid.

Und nun der Weg in die Privatwirtschaft, wo doch eine Kandidatur anderenorts als Bürgermeister denkbar gewesen wäre oder auch eine Verlängerung in Rinteln: Warum nicht? Und was lockt wirklich an dem neuen Privatjob?

Ich habe bis zum heutigen Tag viel Freude an meiner Arbeit im Rintelner Rathaus. Besonders schwer fällt es mir, meinen Freund Thomas Priemer nicht mehr unterstützen zu können. Durch das Angebot meines Schulfreundes, ihm in seiner Werbeagentur zu helfen, hatte ich mit einem Mal die Wahl zwischen zwei interessanten Alternativen. Ich habe mich für eine Veränderung entschieden, weil ich die Chance habe, noch mehr interessante Menschen kennenzulernen, als ich das schon in Rinteln tun durfte. Aber erst einmal geht es mit meiner Frau zwei Wochen in Urlaub nach Alassio an der italienischen Riviera, das hat sie mir zum Geburtstag geschenkt. Sie haben in Rinteln auch viele private Kontakte, bleiben wohl auch in Porta Westfalica-Hausberge wohnen.

Kommen Sie mit Ihrer Frau Astrid auch künftig öfter mal in die Weserstadt, oder reicht es jetzt erst mal mit Rinteln?

Mich werden Sie so schnell nicht los. Ich trinke meinen Kaffee aus unseren Rinteln-Bechern. Für den abendlichen Wein gibt es unsere Rinteln-Weingläser. Am Sonntag bin ich den ganzen Tag in meiner neuen Kapuzenjacke rumgelaufen, die ich vom Ortsrat Exten geschenkt bekommen habe. Wenn ich durch Rinteln gehe, erzählt mir jede Ecke irgendeine Geschichte. Das bleibt, wie auch die Freundschaften, die ich hier in den letzten 16 Jahren schließen durfte.

Und wem möchten Sie beim nächsten Mal in Rinteln am liebsten nicht begegnen?

Schlecht gelaunten Menschen und Profilneurotikern.

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