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Von Beginn an grausam

244 Kriegstote Von Beginn an grausam

In den vier Jahren, in denen der Erste Weltkrieg wütete, starben etwa zehn Millionen Soldaten und zwei Millionen Zivilisten. Der Schrecken nimmt noch zu, wenn man die Weltkriegstoten einer heimischen Region betrachtet.

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Soldatenfriedhof in Verdun: Bei der Schlacht in Frankreich im Jahr 1916 kamen mindestens acht Rintelner ums Leben.

Quelle: dpa

Rinteln. Professor Karl-Heinz Schneider hat dies zusammen mit den Studierenden getan, die im Historischen Seminar der Leibniz Universität Hannover sitzen. Die Region: Rinteln. Die Zahl der Toten: 244.

Das Projekt, das Karl-Heinz Schneider und die Studierenden angingen, wollte zunächst eine Frage beantworten, die simpel klingt: Wie viele Soldaten, die im Ersten Weltkrieg kämpften, wohnten zum Zeitpunkt ihres Todes in Rinteln? Schnell stellte sich jedoch heraus, dass diese Nuss nicht leicht zu knacken ist. Die Personenstandsnachweise – also die standesamtlichen Todesmeldungen – lieferten Namen, Verlustlisten, Ehrentafeln und Todesanzeigen, aber in den Listen fanden sich auch Männer, die zwar irgendwann mal in Rinteln zur Schule gegangen waren oder in Rinteln gewohnt hatten, zum Zeitpunkt ihres Kriegstodes aber nicht mehr in der Weserstadt gemeldet waren.

Insgesamt ermittelten Schneider und die Studierenden die Namen von 244 Männern, die in Rinteln wohnten, als sie fern von dort ihr Leben ließen. 1914, zum Beginn des Krieges, betrug das Durchschnittsalter jener getöteten Soldaten 20 Jahre. Der Älteste zählte zum Jahrgang 1870, der Jüngste zum Jahrgang 1900.

Bei 136 Männern fanden die Weltkriegsforscher Hinweise darauf, woran sie gestorben waren. 113 „erlagen ihren Verwundungen“, für 23 von ihnen fanden sich nähere Angaben. Diese Angaben entlarven den Ausdruck „erlagen ihren Verwundungen“ als schlimme Verniedlichung. Unter anderem werden als Todesursachen angegeben: Kopfschuss (dreimal), Verschüttung (dreimal), Artilleriegeschoss, Granatvolltreffer, Brustschuss, Vergiftung, Lungenentzündung, MG-Geschoss, Granatsplitter, Sturm auf russischen Graben, Lungendurchschuss, Fliegerbombe, Granatschuss, Krankheit erlegen, Gasvergiftung, Torpedomine, Kugel.

Nachgeborene stellen sich meist vor, dass sich der Erste Weltkrieg langsam entwickelte: Je länger er dauerte, desto mehr Tote waren zu beklagen. Am Beispiel des Projekts über die Rintelner lässt sich zeigen, dass diese These nicht stimmt. Karl-Heinz Schneiders Team hat die Rintelner Toten zeitlich eingeordnet. Hier ein Einzug aus der Tabelle: 1914 – 43 Tote, 1915 – 67 Tote, 1916 – 47 Tote, 1917 – 34 Tote, 1918 – 50 Tote.

In drei Fällen ließ sich das Sterbejahr laut Forscher nicht ermitteln. Das Projekt-Team der Leibniz Universität aus Hannover hat auch eine Karte mit den Orten erstellt, an denen die Soldaten aus Rinteln gestorben sind. Viele fielen an der Westfront, vor allem 1914 und 1918. Aber auch an der Ostfront beklagte man Tote, außerdem starben Soldaten in Lazaretten, die auf deutschem Boden standen.

Dass sich die Sterbeorte so weit über Europas Landkarte verteilen, erklärt sich vor allem dadurch, dass die 244 Soldaten aus Rinteln in insgesamt 144 unterschiedlichen Einheiten eingesetzt wurden. Das Infanterie-Regiment 164, eigentlich in Hameln stationiert, kämpfte an der Westfront. Am Ende des Weltkriegs zählte man dort 24 Tote, allein zwölf Männer waren im ersten Kriegsjahr gefallen. 31 tote Soldaten wurden mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse, einer mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet.

Das hannoversche Projekt-Team unter Leitung von Karl-Heinz Schneider hat versucht, den sozialen Hintergrund der Soldaten auszuleuchten. 90 der 244 Männer waren unverheiratet, als sie ihr Leben ließen, 61 hatten bereits Familien gegründet. In 135 Fällen konnte der Geburtsort ermittelt werden, demnach waren 51 der Männer in Rinteln zur Welt gekommen (Krankenhagen: sechs, Exten: vier). Noch interessanter ist der Blick auf die soziale Stellung der Väter der Getöteten: 34 Prozent waren Arbeiter, 43 Prozent Handwerker (und anderer Mittelstand), 23 Prozent (höhere) Beamte.

Diese Aufteilung passt in etwa zu dem Menschengemisch, das zu jener Zeit Rinteln bewohnte. Von dort wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Region verwaltet, deswegen trieb man auch tüchtig Handel. In den vier Jahrzehnten, bevor der Krieg die Welt in Brand steckte, hatte sich in Rinteln außerdem recht viel Industrie angesiedelt. boe

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