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Was für ein Leben vor langer Zeit

Rinteln / Frauenfrühstück Was für ein Leben vor langer Zeit

Was für eine Frau! Und was für ein Leben, vor so langer Zeit. Tief beeindrucken konnte Theologin Karin Gerhardt ihre Zuhörerinnen beim „Frauenfrühstück“ der Rintelner St.-Nikolai-Kirchengemeinde, als sie über Hildegard von Bingen erzählte.

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Mitreißend: Theologin Karin Gerhardt bei ihrem Vortrag über Hildegard von Bingen.

Quelle: cok

Von Cornelia Kurth

Rinteln. Es ging um diese große, willensstarke Persönlichkeit des 12. Jahrhunderts, die als kleines Kind ins streng abgeschiedene Kloster gegeben wurde. Sie eroberte sich dann eine herausragende Position in der kirchlichen Männerwelt. Dies gelang mit ihren medizinischen und theologischen Schriften, ihren Kompositionen und Visionen und als Leiterin eines angesehenen Klosters – eigentlich alles ein Wunder.

 Bis heute wirken die Erkenntnisse der gelehrten Frau nach, vor allem ihre Naturheilkunde, die auch jetzt noch Wissenschaftlern wertvolle Hinweise über die Kraft der Kräuter gibt. Doch auch ihre autobiografischen Schriften, ihre einfühlsamen Naturbeschreibungen und die Auslegung der Bibel sind immer noch lesenswert. In einer Zeit, da die Menschen die Welt vom Teufel ebenso geprägt sahen wie von Gott und in der sie oft vom Gedanken an Sünde und Strafe niedergedrückt waren, setzte Hildegard von Bingen alles auf Liebe und Versöhnung. „Rufe und sage, wie man in die Erlösung, die alles wiederherstellt, eingeht“, schrieb sie. Diesen Satz wiederholte auch Karin Gerhardt immer wieder in ihrem mitreißenden Vortrag.

 Allein, dass eine Frau im Mittelalter öffentlich ihre Stimme erhob, predigte, Bücher verbreitete und sogar mit Königen sprach, war eine Sensation, kam teilweise als ein solcher Skandal an, dass der Papst selbst entscheiden musste, ob Hildegard wirklich von Gottes Geist beseligt war oder nicht eher von des Teufels Einflüsterungen getrieben wurde. Schließlich waren es ihre mit großer sprachlicher Ausdruckskraft geschilderten Visionen, mit denen sie überzeugen konnte. In ihnen offenbarte sich ihr der Auftrag, dass man den Menschen so begegnen solle, wie Gott ihn in seiner Liebe sieht, dass der „Nächste“ eine „Aufgabe Gottes“ sei, die man zu lösen habe.

 Wie es möglich war, dass Hildegard von Bingen, die im Alter von acht Jahren von ihren Eltern an das Benediktinerkloster Disibodenberg als eine Art „Opfer für Gott“ übergeben wurde, sich zu einer umfassend musisch, naturkundlich und theologisch gebildeten „Kirchenlehrerin“ entwickeln konnte, vermittelte Karin Gerhardt beim Frauenfrühstück über ein kleines Experiment.

 Zunächst schilderte sie, wie weltabgeschlossen das Kind zusammen mit ihrer gar nicht so viel älteren Lehrerin Jutta und einem weiteren Mädchen zu leben hatte. Die drei waren regelrecht eingekerkert in einer Klause mit einfachsten Räumen und einem Innenhof, Örtlichkeiten, die sie niemals verlassen durften, verbunden mit der Außenwelt nur durch zwei Fenster, deren eines in den Kirchenraum wies, wo die Mönche beteten, während das andere dazu diente, dass den Eingeschlossenen die nötigen Lebensdinge gereicht werden konnten.

 „Wie hätten Sie da überlebt?“, fragte Karin Gerhardt, ließ dann die Aufnahme eines der inbrünstigen Lieder aus der Feder von Hildegard laufen, und schon stellten sich Vermutungen bei den Zuhörerinnen ein: Erinnerungsbilder an die Kindheit auf dem elterlichen Gut, Hingabe an die Musik, größte Aufmerksamkeit für die Pflanzen im kleinen Klostergarten, intensive Beziehungen zu den Mitbewohnerinnen, Konzentration auf das Lernen und auf Gott, den Bräutigam. Wo andere vielleicht verkümmert wären, wurde Hildegard zur ersten Person nach der Antike, die wieder ein Stück für die Bühne schrieb, ein dramatisches Singspiel, einer der Wege, auch sinnliche Eindrücke für die inzwischen viel größer gewordene Frauenklostergruppe zu schaffen.

 Wie sie später ihr eigenes Kloster gründete und sich ihr Ruf im Land verbreitete, das alles ist eingängig nachzulesen in Charlotte Kernes Buch „Alle Schönheit des Himmels“, an dem sich Karin Gerhardt in ihrem Vortrag orientierte.

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