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Was wär’ die Messe ohne Propaganda?

Rinteln / Herbstmesse Was wär’ die Messe ohne Propaganda?

Zwischen Fahrgeschäften und Imbissbuden gelten sie auf der Rintelner Messe als Exoten: die Propagandisten. Viele von ihnen kommen seit Jahrzehnten, manche erst, seit sie keine Sport-Profis mehr sind.

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Vom Handball-Parkett ins Pfannengeschäft: Ex-Nationalspieler Olaf Oster hat nach seiner Sportlerkarriere einen Haushaltswarenladen eröffnet.

Quelle: ll

Von Lars Lindhorst

 Olaf Oster ist seit vielen Jahren ans Reisen gewöhnt. Mit der SG Wallau-Massenheim war der ehemalige Handball-Nationalspieler an fast jedem Wochenende unterwegs. Zu Auswärtsspielen und zu Trainingslagern. Sehr oft habe der Rechtsaußen bei den Spielen des ehemaligen Handball-Bundesligisten in fremden Betten übernachten müssen, berichtet Oster. Darauf hat der 47-Jährige heute aber keine Lust mehr: Wenn er zur Herbstmesse nach Rinteln kommt, dann hat er seinen Wohnwagen dabei. „So schlafe ich wenigstens in meinem eigenen Bett“, sagt er. Oster geht es dabei so wie vielen anderen Händlern und Standbetreibern auf der Rintelner Messe: 15 Jahre, nachdem Olaf Oster seine aktive Handball-Karriere beendet hat, zieht er von Markt zu Markt, von Ausstellung zu Ausstellung. In Rinteln macht er auch Station. Olaf Oster verkauft Bratpfannen.

 Er ist einer der sogenannten Propagandisten in der Fußgängerzone. Propagandisten stellen nicht nur ihre Waren an den Ständen aus, nein, sie preisen sie an. Meist gibt es an diesen Ständen nur einen Artikel: in Osters Fall sind es die Bratpfannen. Propagandisten führen vor, geben Schauvorstellungen und zeigen den Messebesuchern erlebbar und anschaulich die Vorzüge ihrer Waren. Sie müssen einfach überzeugen können. Wenn die Herbstmesse richtig gut besucht ist und sich viele Menschen vor seinem Stand aufhalten, dann greift Olaf Oster schon mal zum Mikrofon, damit er auch von denen verstanden wird, die etwas weiter entfernt stehen. Als Marktschreier sieht sich Oster hingegen nicht.

 Von Bratpfannen über Autopolitur bis hin zu Gemüsehobeln und Staubsaugerdüsen: Die Propagandisten gehören zur Rintelner Messe wie die Fahrgeschäfte und Imbissbuden. Doch mittlerweile sind sie unter den Ausstellern zu Exoten geworden.

 Seit 35 Jahren kommt Jochen Exner zur Herbstmesse nach Rinteln. Der 71-Jährige ist Rentner und doch ist er an fast jedem Wochenende unterwegs. Viele Jahre hat er Autopolitur verkauft, dann Gemüsegarnierer angepriesen. Heute steht Exner an seinem Stand in der Mühlenstraße und sorgt dafür, dass Töpfe und Backöfen blitzblank werden – mit einem speziellen Putzmittel, das „Perlglanz“ heißt. „Das Geschäft ist schwieriger geworden“, meint Exner. „Alle Leute sparen ja. Wenn sie einen Artikel für 20 Euro kaufen sollen, zeigen mir manche gleich einen Vogel“, sagt er. Heutzutage gebe es ähnliche Artikel auch in Super- und Baumärkten. Nur seien die eben nicht so gut, wie Exner meint. Dazu können Kunden Artikel auch im Fernsehen oder Internet bestellen – „das Kaufverhalten hat sich grundlegend verändert“, befindet er. „Die Leute kommen zwar und schauen, aber sie kaufen nicht.“

 Die Autopolitur-Propaganda habe Exner irgendwann aufgeben müssen. Als Metallic-Lackierungen aufkamen und die Technik in den Waschanlagen so weit war, dass sie kaum Kratzer mehr in den Lack machten, da sei es auch mit dem Politur-Geschäft bergab gegangen. Jochen Exner sattelte auf einen anderen Artikel um, blieb der Messe in Rinteln aber treu.

 „Sie können ruhig mal mit der Hand drüberfahren“, sagt der 71-Jährige zu einer Kundin, die einen Blick auf das blank polierte Cerankochfeld an Exners Stand geworfen hat. Der Profi setzt auf Selbsterfahrung. „Das brauche ich nicht“, erwidert die Kundin. „Wir kennen uns doch schon.“ Stammkunden seien diejenigen, die Exners Kassen noch füllen. „Es wird immer härter, Neukunden zu überzeugen“, sagt er. Wegen denen, die schon einmal bei ihm gekauft haben und nun Nachschub brauchen, komme er auch weiter nach Rinteln und preist dennoch mit Vorführungen seine Artikel an – für Kunden, die noch nie etwas von „Perlglanz“ gehört haben.

 Überzeugungskraft ist auch die wichtigste Fähigkeit von Karin und Klaus-Dieter Gräbner, die aus Verl nach Rinteln gekommen sind und „Brilliant“- Brillenreiniger verkaufen oder für den Rheinländer Günter Lammers. Der Kölner hat ein rutschfestes „Alphapad“ im Angebot. Ja, das Propaganda-Geschäft sei kein leichtes, berichten auch sie. Aber: „Wenn am Ende nichts übrig bliebe, würde ich ja nicht mehr herkommen“, sagt Jochen Exner.

 Zu Hause im Westerwald, in der Kreisstadt Montabaur, hat Ex-Handballspieler Olaf Oster ein Haushaltswarengeschäft. Das hat er 1997 nach seiner Sportlerkarriere eröffnet. Mit den „Oster-Pfannen“ zieht er nur etwa ein knappes halbes Jahr durchs Land. Rinteln ist die letzte Messe auf seiner Rundreise, demnächst wird Olaf Oster wieder in seinem richtigen, nicht rollenden, Bett schlafen. Über die Propagandisten, die er in diesem Jahr zuhauf erlebt hat, sagt er: „Die beleben einfach jeden Markt.“

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