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Wenn Briefmarken von Inflationen erzählen

Rinteln / Tauschtag im Brückentorsaal Wenn Briefmarken von Inflationen erzählen

„Ich bin einer der letzten Mohikaner“, meint Reinhold Eikmeier aus Minden. „Es gibt kaum noch solche Händler wie mich, die diese drei Sachen sammeln und verkaufen: Briefmarken, Ansichtskarten und Münzen.“ An seinem Stand auf dem Tauschtag im Brückentorsaal, den der Rintelner Briefmarkenverein für Freunde der Philatelie organisierte, kam keiner vorbei, der seine eigenen Sammlungen um interessante Stücke ergänzen wollte.

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Alben, Marken und Katalog sind das Handwerkszeug der Briefmarkensammler – auch beim Tauschtag im Brückentorsaal.

Quelle: rnk

Rinteln (cok).  Die Besucher und Anbieter waren hauptsächlich ältere Männer, von denen ab und zu einer seine langmütige Frau an der Seite hatte. „Ja, da kommt bei uns allen wohl der Jäger und Sammler zum Vorschein“, so Herbert Schlesinger, Vorsitzender des Vereins. „Und dann reizt uns natürlich auch das Vereinsleben. Die Briefmarkensammelei entstand ja Ende des 19. Jahrhunderts, da blieben die Frauen meistens zu Hause und die Männer zogen los, um über ihre Sammlung zu fachsimpeln.“ Anscheinend hat sich das in Bezug auf Briefmarken bis heute nicht verändert. „Ich wünschte, wir könnten wieder mehr junge Leute, auch die Mädchen, für unser Hobby begeistern – sehen Sie mal!“

 Er schiebt ein Mäppchen mit 18 Briefmarken aus dem Jahr 1923 über den Tisch. „Deutsches Reich“ steht auf den Marken, sie haben Werte, die bei 100 Mark beginnen und sich dann über 500 und 1000 zu 250000 Mark steigern, ja über eine Million bis hin zu 50 Milliarden Reichsmark. „Da kann man wunderbar Zeitgeschichte dran ablesen, das muss doch auch die Jugend interessieren!“ 1923, im Jahr der „galoppierenden Inflation“, wurde das Geld so rasend schnell entwertet, dass man zeitweise gar keine neuen Marken druckte, sondern man nur die alten Werte mit höheren Werten überschrieb. „Wer Marken besaß, verbrauchte sie auf der Stelle, sonst hätte er sie gleich wegwerfen können“, erklärt Schlesinger.

 Wertvoll im Sinne eines Geldwertes sind die Inflations-Briefmarken nicht. Trotzdem haben sie vor allem für Anfänger ihren Reiz, weil sie Geschichte erzählen, wie so viele Briefmarken, die immer auch eine Art Zeitzeuge sind. Interessierte, die in das Briefmarkensammeln einsteigen wollen, bekommen vom Verein ohne Weiteres ein Startset mit 1000 Briefmarken aus aller Welt geschenkt. „Da kann man erst mal sortieren, nach Alter oder Land, nach Motiv oder Größe. Und im Katalog nachschlagen, was hinter den einzelnen Marken steckt.“

 Man muss sich schon auskennen, um sich später wertvolleren Marken zuzuwenden, eher seltenen Exemplaren mit deutlich erkennbarem Stempel und natürlich unbeschädigt. „Den meisten von uns geht es nicht ums Geld, sondern um die Freude an individuellen Sammlungen“, erklärt Werner Schwarz, 2. Vorsitzender des Rintelner Vereins. „Wenn ich hier am Tauschtag eine kostbare Marke finden würde, die jemand aus Unwissenheit für viel zu wenig Geld anbietet, ich würde ihn darauf aufmerksam machen. Jeder von uns würde so handeln.“

 Laien hätten sowieso oft falsche Vorstellungen vom Wert zum Beispiel ererbter Sammlungen. „Die meisten Briefmarken wurden in so hohen Auflagen gedruckt, da macht man keine Reichtümer“, so der Sammler. „Die Preise, die in den Michel-Katalogen angegeben sind, stellen nur eine sehr grobe Richtlinie dar, die immer ziemlich stark nach unten korrigiert wird.“

 Schlesinger erzählt, dass sein Sohn gerade mit dem Sammeln begonnen hat und sich auf Briefmarken rund um das Pfadfindertum konzentriert. „Es gibt unzählige Möglichkeiten, seinen Sammlerspaß zu haben, ohne dabei viel Geld ausgeben zu müssen.“

 Viel los ist nicht an diesem Sonntag im Brückentorsaal. Die Veranstalter machen das schöne Wetter und den zeitgleich stattfindenden großen Tauschtag in Hannover dafür verantwortlich, wissen aber auch, dass das Briefmarkensammeln immer mehr zu einem aussterbenden Hobby wird, zu groß ist in ihren Augen die Konkurrenz der Hobbymöglichkeiten über PC und Internet. Wandert man aber zwischen den einzelnen Ständen umher, gibt es doch höchst anregende Dinge zu sehen, nicht zuletzt auch bei den Ansichtskarten-Verkäufern. „Ja, es heißt ,Ansichtskarte‘, nicht etwa ,Postkarte‘“, erklärt Erwin Müller aus Delligsen. „Postkarten sind die mit den aufgedruckten Briefmarken.“

 Kästchenweise präsentiert Müller ungezählte Ansichtskarten mit Motiven aus aller Welt, gerne aber aus solchen aus dem Weserbergland. Sieht man den Stapel mit RintelnBezug durch, kann man ganz sentimental werden: Liebevolle Zeichnungen vom Marktplatz, historische Stadtbild-Aufnahmen, wie man sie in keinem Fotoband findet, Blicke in die weite, unverbaute Weserberglandschaft oder auf den Fluss und die Weserschiffe aus alten Zeiten. Drei bis fünf Euro mindestens kostet so eine historische Karte. Ist sie selten, hübsch beschrieben und mit Briefmarke samt Stempel versehen, können leicht auch 25,30 Euro draus werden.

 Walter und Marie Stöber aus Stadthagen bieten unter anderem Karten mit Menschen in Schaumburger Tracht an. „Wer Ansichtskarten sammelt, ist meistens ein Heimatkundler“, meinen sie.

 Gegen die Vielfalt der bunten Briefmarken und Ansichtskarten wirken die Sammlermünzen, wie sie Händler Reinhold Eikmeier anbietet, geradezu eintönig. Auch sie weisen unterschiedlichste Motive auf und nehmen Bezug auf Ereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft oder den Geburtstag vom kleinen Bären Knut im Berliner Zoo. Auf der silbernen Münzoberfläche aber kommt das alles nicht recht zur Geltung, und man merkt, dass es den Münzsammlern auch um eine Geldanlage geht. Alte D-Mark-Münzen sind kaum gefragt. Es sollen heute Euro-Münzen sein, die niemals ihren Grundwert verlieren.

 Der Briefmarkenverein Rinteln trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat ab 19 Uhr im Bürgerhaus am Marktplatz. Neulinge sind stets willkommen und erhalten das versprochene Einsteigerset.

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