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Wenn der Tod im Boden lauert

Prüfung auf Blindgänger Wenn der Tod im Boden lauert

Mehr als 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg werden Blindgänger immer gefährlicher. Daher prüfen Bauherren immer häufiger erst, ob keine böse Überraschung im Erdreich lauert. Auch die Stadt Rinteln holt bei Neubauten erst ein Gutachten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes ein.

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Am 13. Februar 2001 wird in Rinteln-Hessendorf eine 250 Kilogramm schwere britische Fliegerbombe geborgen.

Quelle: tol

Rinteln. Welche Dachpfannen in einem Baugebiet verwendet werden, schreibt die Kommune in Bebauungsplänen fest. Auch, dass ein Archäologe zugezogen werden muss, wenn man auf einem Baugrundstück archäologische Funde erwarten könnte

Kampfmittelbeseitigung war dagegen bisher meist kein Thema. Dabei können ein Steinbeil, eine römische Speerspitze nicht mehr töten, eine Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg aber wohl. Weil mehr als 70 Jahre nach dem Krieg Bomben, Minen, Panzerfäuste und Handgranaten auf Grund chemischer Umwandlungsprozesse immer gefährlicher werden, ist das Thema aktuell.

 Auch die Stadt Rinteln hat jetzt sowohl für den Neubau der Brücke in Exten als auch für den Neubau des Feuerwehrgerätehauses in Deckbergen auf dem Eckgrundstück an der Ostendorfer Straße/B83 durch den Kampfmittelbeseitigungsdienst prüfen lassen, ob dort ein Bombenfund zu erwarten ist. Ist er nicht. Über dem Plangebiet, so die Auskunft aus Hannover, seien nach Sichtung der Luftaufnahmen bei Royal-Air-Force-Einsätzen keine Bomben abgeworfen worden.

 Der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD) ist beim Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung in Hannover angesiedelt. Thomas Bleicher ist dort Chef und bestätigt, dass Bauherren im Rahmen der Baugrundsicherung sensibler geworden seien. Es gebe Erdbaufirmen, die wollten erst einen Unbedenklichkeitsbescheid sehen, ehe Bagger anfangen zu graben. Der KBD ist deshalb rund um die Uhr zu erreichen. Wenn ein Bagger bei Bauarbeiten auf Munition stößt, rücken Bleicher und Kollegen aus.

 Es war ein Unfall in Göttingen im Juni 2010, bei dem drei Sprengmeister bei einer routinemäßigen Entschärfung eines Blindgängers getötet worden sind, der die Kampfmittelräumung wieder in den öffentlichen Fokus gerückt hat. „Die Kollegen“, sagt Bleicher, „haben nur in das Loch geschaut.“ Noch nicht einmal an der Bombe geschraubt.

 Bomben, in der Fachsprache „Abwurfkampfmittel“, kann man über die Auswertung von Luftbildern ermitteln; ob ein Soldat in einem Kampfgebiet eine Handgranate verloren hat, dagegen nicht. Ebenso wenig sind Panzerfäuste oder Panzerminen auf Luftbildern zu erkennen.

Kampfmittelbeseitigung wird noch mehrere Generationen beschäftigen

Da kommt das Unternehmen Tauber DeDe Comp GmbH in Hannover ins Spiel. Eines der Unternehmen, das sich auch auf Kampfmittelbeseitigung spezialisiert hat und Baugründe nach den Hinterlassenschaften der Weltkriege absucht. Der Betriebsleiter und leitende Feuerwerker Norbert Schmidt erläuterte in einem Telefongespräch, warum Bomben im Boden im Laufe der Zeit immer gefährlicher geworden sind. Nicht Rost sei dabei das Problem, denn wo kein Sauerstoff hinkommt, rostet nichts, sondern die in den Bomben verbauten Metalle wie Messing und Stahl, die aufeinander reagieren. Ein Effekt wie bei einem Piezofeuerzeug. Es ist die Elektrizität, die zündet. Gleichzeitig reagierten die unterschiedlichen Sprengstoffe, die in Kampfmitteln verbaut worden sind.

 Immer gefährlicher wird auch Infanterie-Munition 70 Jahre nach Kriegsende. KBD-Leiter Bleicher schildert als Beispiel: Eine Handgranate ist mit Metallbügel und Sicherungsstift gesichert, gleichzeitig vorgespannt. Metallbügel und Stift verrosten. Das bedeutet, eine Handgranate kann bei der geringsten Erschütterung explodieren. „Deshalb legen unsere Sprengmeister Handgranaten schon lange nicht mehr ins Auto und nehmen sie mit, sondern sprengen sie kontrolliert an Ort und Stelle.“ Bleicher sagt, heute sei Ziel, Männer so kurz wie möglich an der Gefahrenstelle arbeiten zu lassen.

 Den Kampfmittelbeseitigungsdienst gibt es seit März 1948. Er sei damals gegründet worden in der Hoffnung, sagt Bleicher, dass das Land spätestens nach 20 Jahren „kampfmittelfrei“ ist. Eine Illusion. Kampfmittelbeseitigung werde noch mehrere Generationen beschäftigen: „Niemand weiß, wo die letzte Bombe liegt.“

 Im Mai 2016 wurde am Hafen Berenbusch eine Granate geortet, im März 2015 im Kreishafen in Rinteln nach Munition gesucht. Im Februar 2015 wurde eine 1000 Kilogramm schwere Fliegerbombe bei Baggerarbeiten in Minden gefunden und entschärft, 2001 eine 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe in Hessendorf. Luftbilder zeigen, dass auch über dem Weseranger Bomben abgeworfen worden sind.

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