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Wer trinkt oder mit Fahne kommt, muss wieder raus

Rinteln Wer trinkt oder mit Fahne kommt, muss wieder raus

Herbert X. (Name geändert) steckt Unterlegscheiben auf Schrauben. Ist der Karton voll, verschließt er ihn, klebt ein Etikett darauf und stellt ihn auf den Versandtisch.

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Unterlegscheiben mit Schrauben verbinden, das ist eine der Arbeiten bei „Ex + Job“. 

Quelle: dil

Rinteln. Rinteln (dil). Der 59-Jährige aus dem Landkreis Schaumburg arbeitet wieder – in einem niederschwelligen Angebot mit geringem Stundenlohn. Aber er arbeitet, ist täglich unter Menschen, kann mit ihnen einkaufen und kochen. Ein Lichtblick für den Hartz-IV-Empfänger, der sich mit einem kaputten Rücken keine Chancen mehr am Arbeitsmarkt ausrechnet. Selbst gewählte Isolation, Alkohol, Entgiftung in der Burghofklinik – das liegt hinter Herbert X. Nun geht es langsam wieder aufwärts – hin zu mehr Lebensqualität.

 Im Dezember hat die „Ex + Job Arbeit und Freizeit“ GmbH nach zwei Jahren guter Erfahrungen in Stadthagen auch in Rinteln begonnen, tagesstrukturierende Maßnahmen für eine schwierige Klientel anzubieten. Die Teilhabe chronisch mehrfach geschädigter Abhängigkeitskranker an Arbeit und Beschäftigung steht im Mittelpunkt im Eckhaus Ritterstraße/Schulstraße. Wiederintegration in die Gesellschaft, mit viel Glück sogar wieder in den Arbeitsmarkt ist das Ziel. Spaß und Lebensqualität soll der Weg dorthin ebenfalls vermitteln, sonst schnellt die Abbrecherquote in die Höhe.

 „Die Wochenenden sind wegen des Rückfallsrisikos in der Einsamkeit der eigenen Wohnung immer kritisch, denn wir haben nur von Montag bis Freitag geöffnet“, sagt Sozialarbeiter Florian Burger-Freund, der mit Jochen Illert den Treffpunkt leitet. „Montag, Mittwoch und Freitag sind die meisten Leute da“, ergänzt Illert. Grund: Dienstags und donnerstags decken sich viele bei den Tafeln mit Lebensmitteln ein. Im „Ex + Job“-Treff gehen sie mit den Betreuern an den anderen Tagen einkaufen, kochen dann in der dortigen Küche. „Das soll sie auch anregen, sich zu Hause selbst etwas möglichst Gesundes zu kochen“, sagt Illert. Das hatten sich manche nämlich in ihrer schwierigsten Phase abgewöhnt. Alkohol oder Medikamente waren oft näher als Kühlschrank und Kochtopf.

 „Wir haben inzwischen neun Besucher pro Tag, Tendenz steigend“, teilt Burger-Freund mit. „Und wir brauchen noch weitere Auftraggeber, damit unsere Besucher genug zu tun haben.“ Er zeigt, was schon jetzt im Auftrag erledigt wird: Von Gummimuffen Pressreste abziehen, Unterlegscheiben mit Schrauben verbinden, Teesträuße binden, Geschenkartikel in Briefkuverts legen. Daneben werden mit Laubsäge, Pinsel und Farbtopf auch Geschenkartikel wie Thermometer am Fliegenpilz gefertigt, allerdings erst mal nur auf Vorrat. Die Erlöse werden voll an die Besucher ausgezahlt.

 Die Einrichtung in Stadthagen ist schon voll, Interessenten aus Bückeburg werden bereits nach Rinteln verwiesen. Hier wirbt man auch um Nutzer aus Ostwestfalen. Kostenträger sind unter anderem der Landkreis Schaumburg und der Landwirtschaftsverband Lippe-Westfalen. Diese müssen etwas für diese Menschen am Rande der Gesellschaft tun, denn wenn sie in die Sucht abrutschen, wird es für die Steuerzahler noch teurer.

 „Alle kommen zu uns freiwillig“, sagt Burger-Freund. Aber sie müssen sich auch Regeln unterwerfen. Dazu gehört totale Abstinenz von Suchtmitteln. „Wir haben die Null-Toleranz-Grenze“, fährt der Sozialarbeiter fort. Wer regelmäßig in den Treffpunkt mit tagesstrukturierenden Angeboten kommen will, hat zunächst eine Probezeit. Wird er in dieser mit Fahne oder beim Konsum von Alkohol oder Drogen erwischt, fliegt er wieder raus. Nicht handgreiflich, aber sein Rückfall wird dem Kostenträger gemeldet, der sich eventuell auch um stationäre Unterbringung kümmern muss. Ebenso wird zuerst zu Hause, dann beim Kostenträger oder Betreuer nachgefragt, wenn jemand unentschuldigt fehlt. Zu wenig Disziplin oder ein Rückfall?

 Läuft alles positiv an, wird eine Teilnehmervereinbarung geschlossen. Diese verpflichtet zu regelmäßigem Kommen. Dafür wird aber auch ein einjähriger Förderplan entwickelt, der dem Kostenträger vorgelegt und von diesem bewilligt wird. Nach einem Jahr gibt es eine Bilanz und bei Bedarf eine Verlängerung mit oder ohne Änderungen.

 Aufenthalte bis zum Lebensende sind möglich. Derzeit ist die Klientel 30 bis 60 Jahre alt, aber auch ein 21-Jähriger hat schon angefragt. In vier Monaten hofft Burger-Freund, 20 Teilnehmer zu haben – Kapazitätsgrenze.

 Gerade fertig geworden ist eine Wohnung, die schon einen betreuten Bewohner hat. Weitere betreute Wohnplätze können in dem Gebäude noch geschaffen werden. Auch die Ex-Kneipe „Casablanca“ im Erdgeschoss ist bereits entkernt, wartet auf neue Nutzung durch „Ex + Job“.

 Unterlegscheiben mit Schrauben verbinden, das ist eine der Arbeiten bei „Ex + Job“. Foto: dil

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