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Wie die Fliege im Netz

Staatsverweigerer Wie die Fliege im Netz

Gegen Jörg Pagels liegt ein Haftbefehl vor. Sein Haus in Goldbeck wurde vom Staatsschutz durchsucht, seine Computer beschlagnahmt. Wirtschaftlich und emotional ist er angeschlagen, gesundheitlich am Ende. Vergangene Woche ist sein Herz stehen geblieben. Ärzte mussten ihn vier Mal wiederbeleben.

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Quelle: Pixabay

Rinteln. Im Gespräch mit Pagels wird klar: Irgendwo hat sein Leben die falsche Abzweigung genommen. Aus einem deutschen Staatsbürger, verantwortungsvollen Familienvater und erfolgreichen Unternehmer wurde ein „Germanit“. Ein Staatsverweigerer. Ein Reichsbürger, auch wenn Pagels dieses Wort ablehnt. Er bezeichnet sich lieber als „Souverän“. Und als Mensch.

Seine Geschichte ist ebenso tragisch wie exemplarisch. Elemente davon finden sich in den Einzelschicksalen vieler Menschen wieder, die heute unter dem Begriff „Reichsbürger“ subsumiert werden. Früher hätte man sie wohl eine Sekte genannt.

Über Kontakte im Ausland – Pagels reist beruflich viel – und im Internet kam er in Kontakt mit der „Reichsbürgerszene“. Im Kern dreht sich ihr Gedankengut darum, dass die Bundesrepublik kein rechtmäßiger Staat sei. Dass sie keine Steuern eintreiben, keine Häuser zwangsversteigern, keine Schulden eintreiben dürfe. Jeder Bürger lebt demnach mitten in einem Unrechtsstaat.

Hunderte Gruppierungen bundesweit

In der Biografie der meisten Reichsbürger findet sich ein wirtschaftlicher Tiefschlag. Oft sind sie insolvent. Bei Pagels war es ein überschuldetes Eigenheim. Als der Druck stieg, wandte er sich hilfesuchend an andere Menschen, die dem Staat ebenfalls sein Existenzrecht absprechen. Bundesweit gibt es hunderte Gruppierungen, die untereinander oft zerstritten sind. Die Germaniten sind nur eine davon – doch auf sie trifft Pagels erst später.

Immer intensiver beschäftigte er sich mit seinem neuen Weltbild. Mit Handels- und Seerecht, mit dem Deutschen Reich und dem allgemeinen Unrecht, das heute herrsche. Seine damaligen Unterstützer bestärkten ihn in seinen Ansichten und stärkten ihm den Rücken. Er spendete Geld an ihre Organisationen.

Heute meint er: „Ich hätte das Haus ja bezahlen können – aber ich war starrsinnig, weil ich das durchziehen wollte. Ich hatte ja Unterstützer.“ Er glaubte an die Richtigkeit seines Handelns. Und stand am Ende doch alleine da. „Viele bezahlen dann Geld, das sie gar nicht mehr haben“, sagt Pagels. Und sie bezahlen für Hilfe, die keine ist. Denn die Schreiben, die von diesen „Helfern“ hundertfach an Gerichte, Ämter und Staatsanwaltschaften übersandt werden, sehen zwar imposant aus. Doch sie können das Unausweichliche meist nur hinauszögern.

„Man wird in einen Krieg hineingezogen“

Pagels beschreibt seine Situation so: „Man wird in einen Krieg hineingezogen. Dir wird immer gesagt, du bist im Recht, du bist gut aufgestellt, wir stehen alle hinter dir. Doch dann steht man am Schlachtfeld, dreht sich um und hinter einem steht plötzlich niemand mehr.“

Nach dieser enttäuschenden Erfahrung wandte Pagels sich hilfesuchend an die sogenannte „Justizopferhilfe“. Sie trägt ihr Geschäftsmodell schon im Namen. „Ich dachte mir, es schadet ja nicht, einen Gesprächstermin auszumachen.“

Sein Kontaktmann bei der „Justizopferhilfe“, Axel T., erklärte ihm gleich: bisher alles falsch gemacht. Aber er könne ihm helfen. Allerdings nur, wenn er ein Staatsbürger „Germanitiens“ werde. Also wurden Pagels und seine Frau „Germaniten“.

Für einen symbolischen Euro vermietet

Um sein Haus zu schützen, vermietete er es für einen symbolischen Euro an die Germaniten. Um sein Auto zu schützen, überschrieb er es ihnen. Um sein Eigentum zu schützen, überließ er alles seinen neuen „Freunden“. Und bezahlte für diese „Dienstleistung“ auch noch. „Wenn mir nichts gehört, kann mir nichts genommen werden“, dachte sich Pagels. Und als „Germanit“ konnte er seinen Besitz ja weiter nutzen.

Beim Überschreiben von Pagels‘ Besitz beschränkte sich die „Justizopferhilfe“ natürlich nicht auf ihr eigenes Rechtssystem. Hier achteten die Staatsverweigerer peinlich genau auf die Einhaltung der deutschen Rechtsnormen.

Die tatsächlichen Schulen sind ihm unbekannt

Der Deal zwischen Pagels und der „Justizopferhilfe“ war recht simpel: „Ihr haltet mir den Rücken frei, damit ich arbeiten und Geld verdienen kann.“ Kamen Briefe vom Gericht, vom Staatsanwalt oder von den Banken, dann schickte er sie einfach weiter an die „Justizopferhilfe“. Deswegen weiß Pagels nach eigenen Angaben bis heute nicht, wie hoch er tatsächlich verschuldet ist, welche Vorwürfe Polizei und Justiz ihm genau zur Last legen.

Später wollte Axel T. ihn dann auch im Vorstand der „Justizopferhilfe“ haben. „So wurde Pagels „Botschafter“ von Germanitien und Mitglied des Vorstands. T. und andere hochrangige Germaniten besitzen eine einschlägig rechtsradikale Vergangenheit, unter anderem im verbotenen „Collegium Humanum“ aus Vlotho oder in der NPD. Außerdem werden auf der Homepage regelmäßig Menschen beleidigt. Unter anderem deshalb möchte Pagels Germanitien verlassen, Doch so einfach ist es nicht. jak

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