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Wo soll sich Kirche einmischen?

Rinteln / Reformationsempfang Wo soll sich Kirche einmischen?

Kirche und Politik – wo und wie geht das zusammen? Ist das überhaupt vereinbar? Mit dieser Frage haben sich gestern die mehr als 100 Besucher des Reformationsempfangs des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Grafschaft Schaumburg im Rintelner Ratskellersaal beschäftigt.

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Berufen sich auf Luther, der sich auch eingemischt hat: Die Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller (links) und Superintendent Andras Kühne-Glaser beim Reformationsempfang des Kirchenkreises.

Quelle: dil

Rinteln. Sie begaben sich auf die Suche nach Schnittmengen zwischen Himmel und Erde. Und die Antworten waren vielfältig. Zusammengefasst: Kirche soll sich einmischen, aber eher in Grundsatzfragen und nicht bei jedem kleinen Detail. Einmischen wie einst Martin Luther, dessen Standbild vor dem Mikrofon auf der Bühne als leuchtendes Beispiel dienen konnte.

 Superintendent Andreas Kühne-Glaser erklärte, wie unterschiedlich die Erwartungen sind: „Ich weiß von Kirchengemeinden in unserem Kirchenkreis, denen unverhohlen von Mitgliedern gesagt wurde, wenn jetzt hier in unserem Ort und noch dazu auf von der Kirche gepachtetem Land Windräder entstehen, dann treten wir aus der Kirche aus. Kirche müsse sich doch dagegen wenden. Das sei ihr Auftrag und ihre Pflicht. Aber hatte sich Kirche nicht gerade erst starkgemacht für umweltfreundliche Energien zum Erhalt und zum Schutz der Schöpfung?“Auch beim Widerstand gegen die Stromautobahn durch das Sünteltal werde von betroffenen Kirchengemeinden Solidarität erwartet. Wie sollen sie sich verhalten? Sich raushalten oder vereinnahmen lassen?

 Kühne-Glaser fragte sich auch, ob Kirche dazu einheitlich Stellung nehmen könne: „Ich kenne auch Menschen, die Christen sind und sich nach wie vor deutlich für Atomstrom aussprechen, weil sie bei der Gewinn- und Schadensbilanz dieser Energieform zu anderen Ergebnissen kommen. Soll und muss ich ihnen nun das Christsein absprechen?“

 „Nichts ist gut in Afghanistan“, habe Margot Käßmann mal gesagt und sich viel Ärger mit der Politik wegen Einmischung eingehandelt. Wo Verhandlungen nicht mehr helfen, müssen da Waffen eingesetzt werden? Aus rein christlicher Sicht nicht, aber wenn es nicht anders möglich ist und sein wird? Unstrittig war, dass Kirche sich bei Diskussionen um Sterbehilfe, Gentechnik, Lebenssinn und Verantwortung einmischen muss. Immer dann, wenn es um Werte geht, um den Schutz von Schwachen und Notleidenden bis hin zu denen, die im derzeit hierzulande Asyl und Sicherheit suchen.

 Kühne-Glaser betonte, auch als Vertreter der Kirche müsse man dies ausdrücklich als gut und richtig bezeichnen: „Der moderne, liberale, freiheitlich-demokratische Staat, in dem wir leben dürfen, ist ein weltanschaulich neutraler Staat.“

 Zwei Bundestagsabgeordnete, ein Landtagsabgeordneter, ein ehemaliger Innenminister Niedersachsens, sieben Bürgermeister und zahlreiche Kommunalpolitiker waren im Saal. Die Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller aus Hameln durfte sich am Mikrofon in einem Vortrag über „Kirche und Politik – Schnittmengen zwischen Himmel und Erde“ erklären. Sie zeigte sich entsetzt von der Austrittswelle, seit Kirchensteuer auf Kapitalerträge erhoben wird. Manche noch geltenden Gesetze würden die immer buntere Gesellschaft konterkarieren. Sie forderte Kirche deshalb auf, sich in die Diskussion und Vermittlung von Werten und Normen einzumischen. Kirche müsse sich als Vorbild in der Praxis der tätigen Nächstenliebe bewähren, auch bei der Integration von Fremden. Sie nannte Kirche „friedensbildendes Sozialkapital“.

 Die Schnittmenge von Kirche und Politik sei prall gefüllt, meinte Lösekrug-Möller. Luther habe schon den Mut gehabt zu sagen, dass unter dem Deckmantel Gottes viel Unrecht geschehen sei. Und das gelte bis heute fort, in Form von Fanatismus und Extremismus. Es sei nicht hinnehmbar, dass gegen Menschenrechte verstoßen werde – und das oft sogar noch mit Menschenverachtung. Lösekrug-Möller: „Christen haben den Auftrag, unbequeme Wahrheiten anzusprechen, das resultiert schon aus der Reformation und dem Christentum an sich.“ Sie erlebe Diskussionsbeiträge aus der Kirche als Bereicherung, um sich ihre Meinung zu bilden.

 Doch wann wendet sich Kirche heute an Politik und umgekehrt? Rintelns Bürgermeister Thomas Priemer verwies auf ein ganz praktisches Beispiel: „Wenn ein kirchlicher Kindergarten wie in Steinbergen mit öffentlichem Geld erweitert werden soll.“ Der Landtagsabgeordnete Karsten Becker meinte: „Wenn es um die Vermittlung von Werten, authentisches Vorleben von Nächstenliebe und Solidarität geht.“

 Kühne-Glaser warf ein, dass Kirche ja keine einheitliche Meinung vertrete: „Man erwartet von seiner Kirche zwar, dass sie Stellung nimmt, aber auch, dass klar wird, wer es sagt und auf welcher Basis. Die katholische Kirche hat es da einfacher. Aber wer bei uns spricht, tut dies nicht für alle.“

 Becker lobte den Beitrag der Kirche dazu, dass Flüchtlinge heute eine Willkommenskultur in Deutschland vorfinden, denn: „Vor 15 Jahren konnte man noch Landtagswahlen (in Hessen) mit dem Gegenteil gewinnen.“ Vorurteile abbauen und Begegnungen ermöglichen, nannte Kühne-Glaser als Mittel gegen Fremdenfeindlichkeit, das habe sogar schon italienische Grenzbeamte umgestimmt. dil

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