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Rinteln Ortsteile „Kameslandschaft“ statt Freiheit der Bauern
Schaumburg Rinteln Rinteln Ortsteile „Kameslandschaft“ statt Freiheit der Bauern
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19:49 10.06.2011
Entrollen vor dem Kreishaus ihr Protestband: Angehörige der Landwirtsfamilien Kuhlmann und Brandsmeier aus Krankenhagen mit Ortsbürgermeister Gerhard Werner (hinten verdeckt). © dil

Möllenbeck/Krankenhagen (dil). Doch das passt den betroffenen Bauern und dem Ortsrat Krankenhagen-Volksen nicht. Der Kreisumweltausschuss ließ sich davon aber nur wenig beeindrucken.

Vor dem Kreishaus hatte eine kleine Krankenhäger Delegation zunächst ein Spruchband gegen das Naturschutzgebiet hochgehalten. Drinnen setzte sich Landrat Jörg Farr einige Minuten zu den Demonstranten, die auch der zur Abstimmung stehende Kompromiss nicht zufrieden stellte. Aber nur Staatsforsten unter Naturschutz stellen, wie es die CDU noch vergeblich beantragte, hielt Farr für zu wenig.

„Wir erleben, dass Landschaftsschutzgebiete bestimmten Forderungen schon nicht mehr standhalten. Das erste Windrad im Landschaftsschutzgebiet stellt schon einen Dammbruch dar“, warnte Farr und verwies damit auf Wünsche, im Landschaftsschutzgebiet bei Goldbeck Windräder aufzustellen.

Ziel der Verordnung für das Naturschutzgebiet ist es laut Kreisverwaltung, die in Norddeutschland seltenen Relikte eiszeitlicher Formungsprozesse mit ihrem charakteristischen Relief als geowissenschaftlich bedeutsamen Bereich und als markante Geländeform mit landschaftsprägendem Charakter zu erhalten.

Das Gebiet umfasst die nördlich dem Wald vorgelagerten bewaldeten Kuppen, die als Ausläufer der Kamesbildungen deutlich wahrnehmbar sind. Im Möllenbecker Wald orientiert sch die Grenze neben der Kamesausbildung selbst zum Teil an der Kreisstraße 80 beziehungsweise der Landesgrenze, sodass auch die durch Schmelzwasser entstandenen Bachläufe (Möllenbecker Bach und Zuläufe) als schutzwürdige Bereiche mit umfasst werden.

Mit einbezogen werden der Eichberg und eine etwa zehn Hektar große Kuppe bei Krankenhagen, der Nottberg. Der Grenzverlauf orientiere sich ganz überwiegend an Flurstückgrenzen, heißt es in der Sitzungsvorlage.

Günther Maack (CDU) beantragte, die nördliche Schutzgebietsgrenze so weit nach Süden zu verlegen, bis keine landwirtschaftlich genutzten Flächen mehr betroffen sind. Das diene dem Rechtsfrieden, vermeide Klagen. Kreisdezernentin Ursula Müller-Krahtz hielt dem entgegen, die jetzige Grenzziehung sei schon ein Kompromiss gegenüber früher viel großzügigerer Planung.

Der noch weitere Rückzug habe vielleicht gesellschaftspolitische Vorteile, aus naturschutzfachlicher Sicht seien jedoch die jetzigen Grenzen sinnvoll. Man habe die Grenze sogar um die Hoffläche von Bauer Brandsmeier herumgezogen, dieser habe aber noch immer Flächen im Naturschutzgebiet. Ein 100 Meter breiter Streifen vor der nördlichen Außengrenze des NSG soll vor Bebauung geschützt werden, ergänzte Martina Engelking, Leiterin des Kreisnaturschutzamts. Ackerbauliche und Grünlandnutzung im bisherigen Umfang seien weiter zulässig. Und in den Privatwaldteilen würden die ökologischen Kriterien der Forstpflege im NSG nicht gelten. Das Betreten des NSG solle allerdings nur auf den vorhandenen Wegen erlaubt werden.

Maack verwies auf die Ablehnung des NSG durch den Ortsrat Krankenhagen-Volksen, Müller-Krahtz auf einen Rintelner Ratsbeschluss von 2005 für ein NSG. Dieser habe aber nicht die Grenzen festgelegt, ließ Maack nicht locker. Damals habe die Grenze noch an der Bundesstraße gelegen, erwiderte Müller-Krahtz.
Farr erklärte, dass der Landkreis immerhin den Bodenabbau von 110 Hektar, wie ihn das Landesamt für Bodenforschung befürwortete, auf 30 Hektar reduziert habe. Nun müsse es aber ein NSG geben.

Ein Teil der Landwirte habe die Grenzziehung mitgezeichnet. Die CDU wolle nun offenbar einen dritten Kompromiss. Der CDU-Antrag wurde mit 6:3 Stimmen abgelehnt, die Ausweisung des Naturschutzgebietes dann einstimmig empfohlen. Dort sind übrigens keine Bauten, höchstens mobile Hochsitze für die Jagdausübung erlaubt.

Krankenhagens Ortsbürgermeister Gerhard Werner sorgte sich in der Einwohnerfragestunde um die Erweiterungsmöglichkeiten des am Nottberg liegenden Friedhofs. Müller-Krahtz stellte solch eine Erweiterung im Naturschutzgebiet durch „Befreiung“ von sonstigen Einschränkungen in Aussicht. Das gelte auch für die Herstellung des Sonnenwandweges, nach der Werner ebenfalls fragte. Landwirt Friedhelm Brandsmeier wollte wissen, ob er denn noch Pflanzenschutzmittel ausbringen dürfe wie bisher. Engelking bejahte dies, und bei einschränkender Gesetzesänderung bestünde eine Schadensersatzpflicht ihm gegenüber.

Keinen Schadensersatz darf Brandsmeier aber erhoffen, wenn er – wie er anfragte – plötzlich eine Weihnachtsbaumkultur anlege. „Eigentumsrechtlich sind nur jetzige Nutzungen geschützt, keine künftigen Gewinnerzielungsabsichten“, sagte Engelking.
Brandsmeier lehnt das Naturschutzgebiet ab: Landschaftsschutz im Staatswald hätte gereicht. Dass Kinder nicht mehr zum Schlittenfahren und Pilzsucher nicht mehr zum Sammeln in den Wald dürfen, beklagt er außerdem. Dafür müsse Totholz liegen bleiben und verrotten.

„Wir Landwirte brauchen keine verkrusteten Strukturen und möchten unsere Flexibilität für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts behalten“, teilt Brandsmeier mit. Energieholzanbau könne dazugehören.