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00:17 21.02.2016
Antje Wachtmann hat ihre blaue Notfallbox vor sich auf dem Tisch stehen. Inhalt: Bonbons und Schokolade – als „Seelentröster“. Quelle: rnk
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Hattendorf

Nicht irgendwelche Bonbons, keine x-beliebige Schokolade, sondern „Nimm2“-Bonbons und „Kinderschokolade“: bewusst ausgewählte Seelennahrung, die an Kindheitserinnerungen andockt.

Die Hattendorfer Pastorin ist die Beauftragte für Notfallseelsorge im Kirchenkreis und zugleich stellvertretende leitende Notfallseelsorgerin im Landkreis. Seit Jahresbeginn ist sie Ansprechpartnerin für die DRK-Mitarbeiter und Helfer, die sich in Rinteln in der Prince Rupert-School um die Flüchtlinge bemühen.

Oftmals ist Reden Gold: Denn die Flüchtlingshelfer setzen sich für Schutz suchende Menschen ein, sie machen Mut und geben Hoffnung: Tausende ehrenamtliche Flüchtlingshelfer in ganz Deutschland. Sie verteilen Kleiderspenden und Essen, nehmen Schutzsuchende bei sich auf, geben Deutschunterricht, haben ein offenes Ohr für die Geschichten der Flüchtlinge, nehmen sich ihre Schicksale zu Herzen. Manchmal sind es aber auch die Helfenden, die irgendwann Hilfe brauchen, wenn sie an ihre Grenzen stoßen. Dann ist in der Prince Rupert School Wachtmann ihre Ansprechpartnerin. „Sofern sie das wollen“, sagt die Pastorin.

Viele der Menschen, die aus Syrien, Albanien, dem Kosovo oder aus Afghanistan kommen, haben dramatische Erlebnisse hinter sich: im Krieg, durch Verfolgung oder auf ihrem Fluchtweg. Und diese Schicksale bewegen auch die Helfer und DRK-Mitarbeiter. „Ich begleite und biete eine Nachbearbeitung an“, sagt Wachtmann und meint damit, dass sie vor allem eines tut: Sie hört zu. Und weil sie eine deutliche Sprache bevorzugt, formuliert sie es so: „Zu mir kann jeder kommen und sich auskotzen.“

Weil jedes Gespräch vertraulich ist, kann sie nur wenig über die Arbeit sagen. Aber was sie mitbekommen hat, ist, dass unter anderem der Wechsel den Helfern zu schaffen macht: Flüchtlinge, die die Helfer kennen, werden zurückgeschickt, bekommen eine Wohnung oder ziehen ins nächste Lager. Es sei grundsätzlich belastend, wenn man mit ständig wechselnden Menschen arbeitet, hat Wachtmann festgestellt. In der Seelsorge, sagt sie, „sind wir gut ausgebildet“.

 Professionelle Neuausrichtung

Über das schreckliche Bahnunglück in Bayern und die Belastungen, denen die Helfer dort ausgesetzt sind, kommt das Gespräch im Rehrener Seniorenzentrum auf die professionelle Neuausrichtung der kirchlichen Notfallseelsorge, die ebenfalls mit einem Zugunglück verbunden ist: Am 3. Juni 1998 war der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ in Eschede gegen eine Brücke geprallt. Damals war die organisierte Notfallseelsorge erst im Aufbau. Und damit kommt ein anderer Seelsorger ins Gespräch, der – wenn auch nur kurz – einmal in Rolfshagen Pastor war: Frank Waterstraat.

Damals koordinierte er den Einsatz von rund 80 Notfallseelsorgern am Unglücksort mit. Waterstraat hat noch vor Augen, wie er vom Rest der zerstörten Brücke auf das Trümmerfeld hinabblickte: „Eine solche Dimension von Schrecken hatte ich noch nie gesehen“, sagte der Pastor, der heute Polizeiseelsorger der evangelischen Kirchen in Niedersachsen ist und zuvor Beauftragter für Notfallseelsorge der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover war.

101 Menschen wurden in Eschede bei der größten Zugkatastrophe in der deutschen Geschichte in den Tod gerissen. In einer solchen Situation sollten Notfallseelsorger akut möglichst unaufdringlich Hilfe anbieten und vor allem die Retter nicht behindern, erläuterte Waterstraat vor zwei Jahren, als 15 Jahre nach Eschede Bilanz der neu aufgestellten Notfallseelsorge gezogen wurde.

 Seelsorge hat ihre Grenzen

Vertreter der Kirche wie Waterstraat und Wachtmannn stehen für den Glauben daran, dass mit dem Tod gegen allen Augenschein nicht alles vorbei ist. „Aber die Seelsorge hat ihre Grenzen“, sagt Antje Wachtmann. Man könne die Menschen an der Hand nehmen und sagen, hier könnte es in diese Richtung weitergehen. Man könnte diese Menschen auf ihren ersten Schritten in eine neue Situation begleiten; Menschen, die ihre Mitte verloren hätten, die im Wortsinne verrückt seien, aus der Bahn geworfen, aber man müsse auch die eigenen Grenzen kennen und beachten. „Man muss wissen, wo die Seelsorge ende und wo eine Therapie der bessere Weg ist.“ rnk

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