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07:35 12.06.2018
Mustangs zeichnen sich unter anderem durch ihr ausgeprägtes Sozialverhalten aus. Quelle: wm
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Deckbergen/Minden

Dazu gehört ein eigener Reitstall mit großer heller Halle, Roundpen, Paddockboxen, Koppeln und Weiden direkt vor der Tür. Hier bildet sie Pferde in klassischen wie zirzensischen Lektionen aus, macht Bodenarbeit und Verladetraining, gibt Unterricht und Kurse und nimmt an großen Pferdeshows teil.

Jetzt hat sich Rabea Schmale an ein besonderes Experiment gewagt. Sie nimmt am „Mustang Makeover“ teil und bildet dazu in drei Monaten eine Mustangstute aus. Die kommt aus den USA, kannte Menschen, wenn überhaupt, nur aus der Ferne.

Mustangs sind heute immer noch ein Symbol für die große Freiheit. Jeder kennt Mustangs aus Wildwestfilmen. Jugendliche haben „Fury“ geliebt. Es ist das zweite „Mustang Makeover“ in Deutschland. Die Pferde-Fotografin Friederike Scheytt habe sie auf die Idee gebracht, hier mitzumachen, verriet Schmale. Sie habe sich dann im Internet informiert, auch über die erste Challenge, an der aus dem heimischen Raum der Westernreittrainer Erich Busch aus dem Extertal teilgenommen hatte.

Anders als Busch ist Rabea Schmale keine Westernreiterin, sondern in der klassischen Reiterei zu Hause. Doch Mustangs sind Westernpferde, Cowboypferde. Das macht das Experiment noch spannender.

Kann man Mustangs klassisch ausbilden? Schmale ist davon überzeugt. Vorgaben gibt es nicht. Nur eine: Die Stute muss bei der Vorstellung im August in Aachen zeigen, dass sie „ihrem Menschen“ vertraut, also in „Alltagssituationen“ gelassen bleibt, auf „ihren Menschen“ hört. Motto: „From wild to mild!“

Ganz andere Art der Arbeit

Am 22. April hatte Schmale ihre vierjährige Mustang-Stute, die ihr per Los zugeteilt worden war, vom Flughafen Frankfurt abgeholt. Eines habe ihr die Stute sofort gezeigt: Mit Mustangs zu arbeiten ist eine ganz andere Sache als mit Pferden, die mit Menschen, also auf einem Gestüt, in einem Reitstall aufgewachsen sind.

Wie stellt man also den ersten Kontakt her: „Wie ein Pferd“, sagt Schmale, „mit Fellkraulen, wie es ein Pferd bei einem anderen Pferd machen würde. Auf keinen Fall klopfen.“ Und man müsse viel Zeit investieren. Schmale beschäftigt sich mit der Mustangstute jeden Tag. Pferdefotografin Friederike Scheytt hat viele dieser Fortschritte fotografisch begleitet.

Oft helfen Tricks: Wie kriegt man die medizinisch notwendige Wurmkur in ein Pferdemaul, das solche Spritzen nicht kennt? Die Lösung: mit Apfelmus. Diesen Geschmack mögen alle Pferde. Auch wilde Mustangs.

Schmales Fangemeinde kann auf Facebook verfolgen, wie die Partnerschaft wächst. So hat die Stute jetzt auch einen Namen: „Toffifee“. Auf Facebook startete Schmale einen Aufruf und alle konnten mitmachen. Ein User kam auf „Toffifee“, weil ihn die Farbe der Stute an diese Süßigkeit erinnert. Gemeinsam mit dem Sponsor, der Sattlerei Deuber & Partner habe sie sich dann auch für diesen Namen entschieden.

An die Spitze bei Facebook mit mehr als 12000 Klicks schaffte es das Video mit Hufbeschlagsschmied Andreas Esau, der dem Mädchen (hier dem vierbeinigen) schmeichelt und gut zuredete, während er ihre Hufe in Form bringt.

Tier kann ersteigert werden

Der Sattler ist bereits bestellt. „Toffifee“ soll einen passenden Sattel bekommen. Einen Dressursattel versteht sich.

Das erste große Abenteuer für die Stute war die Vorstellung auf der Equitana Air auf dem Rennbahnpark Neuss Ende Mai, „Toffifees“ erste Begegnung mit der großen Reiter- und Veranstaltungswelt. Rund 43 000 Gäste waren dort zu Besuch. Schmale sagt, „Toffifee“ habe das überraschend gut gemacht.

Der Countdown läuft. Auf der CHIO, dem Messegelände in Aachen soll „Toffifee“ vom 3. bis 5. August zeigen, was sie gelernt hat. Insgesamt 22 Trainerinnen und Trainer sind an der Challenge mit den ihnen zugeteilten Mustangs beteiligt. Nein, behalten wolle sie die Stute nicht, verriet Schmale. Einfach deshalb nicht, „weil ich schon drei Pferde habe“. Das bedeutet: Man kann „Toffifee“ in Aachen ersteigern.

Wer sich die Mustang-Stute anschauen will (dazu viele andere Pferde) hat am 20. Juni beim Thementag in der Showreitschule in Minden Gelegenheit. Weitere Informationen dazu gibt es auf der Homepage der Showreitschule. Ab 19.30 Uhr ist Einlass, ab 20 Uhr gibt es Vorführungen und ein Showprogramm in der Halle. Der Eintritt kostet 15 Euro. Schmale bittet nur um Anmeldungen per E-Mail, da der Platz begrenzt ist.

Bestand ist bedroht

Es gibt sie tatsächlich noch – Pferde, die frei in Amerika leben. „American Mustangs“ sind allerdings keine echten Wildpferde, sondern „verwilderte“ Nachkommen unterschiedlicher europäischer Hauspferderassen, die spanische Siedler im 16. Jahrhundert in die „Neue Welt“ mitgebracht haben. Ihr Bestand ist bedroht, denn Überpopulation und die Einschränkung der natürlichen Lebensräume bedingen, dass ihr Nahrungsangebot immer knapper wird.

Den Schutz und Erhalt der Mustang-Population sichert seit den siebziger Jahren das Bureau of Land Management (BLM), eine US-Behörde. In jährlichen Round-ups fängt das BLM Wildpferde ein und bringt sie in Auffangstationen, um so sicherzustellen, dass die Herden nicht zu groß werden. Die Tiere warten in den Stationen darauf, in einem Adoptionsverfahren an Pferdeliebhaber vermittelt zu werden. Die Mustang Heritage Foundation (eine gemeinnützige Organisation) veranstaltet das „Mustang Makeover“, um auf die Situation der Pferde aufmerksam zu machen und dadurch die Zahl der Adoptionen zu erhöhen.

Silke Strussione, Initiatorin von American Mustang Germany, sagt: „Die Trainer können individuell auf die Bedürfnisse ihrer Pferde eingehen, also die Schwierigkeitsstufe wählen. Je harmonischer Pferd und Trainer kooperieren, je sichtbarer das unsichtbare Band zwischen beiden wird, desto höher werten die vier Richter, von denen zwei aus der USA und zwei aus Deutschland stammen.

Mustangs sind außergewöhnliche Pferde mit Eigenschaften, die in vielen hochgezüchteten Sportpferderassen verloren gegangen sind. So haben Mustangs ein ausgeprägtes Sozialverhalten.

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