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Rinteln Stadt Arbeit statt Abstellgleis
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt Arbeit statt Abstellgleis
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09:58 24.04.2018
Quelle: pr.
RINTELN

Sieben Stunden Lernen, Arbeiten und ein bisschen Freizeit, das bedeutet Teilhabe am Arbeitsmarkt, wenn auch zunächst in einem geschützten Bereich ohne Konkurrenzdruck. Und wenn es gut läuft, sind sogar Jobs in der Wirtschaft draußen möglich. „Das ist hier kein Abstellgleis, keine Endstation für die Behinderten“, sagt Betriebsstättenleiter Markus Sterenberg. „Aber viele fühlen sich hier auch so wohl, dass sie gar nicht wieder wegwollen.“

Die Mitarbeiter mit psychischen (etwa 15 Prozent) und geistigen (rund 85 Prozent) Beeinträchtigungen wohnen überwiegend bei der Lebenshilfe Rinteln in der Waldkaterallee, aber auch in Wohngruppen, selbstständig oder bei ihren Familien. Den Anforderungen auf dem freien Arbeitsmarkt sind sie zunächst nicht gewachsen, es fehlt an Qualifikationen, Fertigkeiten und Belastbarkeit. Doch das lässt sich lernen und trainieren, wie Sterenberg und Bereichsleiter Axel Kanne jetzt acht Teilnehmern einer von Pro Rinteln organisierten Führung zeigten. Die Paritätische Lebenshilfe mit Hauptsitz in Stadthagen ist in der Werkstatt Rinteln zuständig für Rinteln, Bückeburg, Auetal und Eilsen, das übrige Kreisgebiet wird von Werkstätten in Stadthagen und Obernkirchen aus bedient.

„Es gibt ein Grundrecht auf Arbeit, und für Behinderte, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht vermittelbar sind, werden wir zuständig“, erklärt Sterenberg. „Das heißt, wir müssen dafür immer genügend Plätze vorhalten.“ Die Behinderten werden beraten, was es für Angebote gibt, ihre Eignung wird ermittelt. Dann haben sie zwar die Wahl, aber die Betreuer sehen zu, dass es auch passt. So bilden sich Teams, die einfache und komplexere Aufgaben erledigen. Das vermittelt Kenntnisse, Teamgeist und schafft Kontakte, soziale Kompetenz, hebt das Selbstwertgefühl.

Vielfältiges Besucherspektrum

Die Auftraggeber kommen überwiegend aus der regionalen Wirtschaft, große Unternehmen sind dabei, aber auch kleine und Privatleute. „Manchmal wird die benötigte Maschine sogar vom Auftraggeber installiert, manchmal von der Werkstatt selbst gekauft. Hilfsmittel zur Erleichterung der Arbeit bauen die Betreuer mit den Teams oft auch selbst“, erläutert Kanne.

Zwei Beispiele: Aus Aluminiumblöcken Beschläge mit Schraubgewinde bohren und fräsen, das läuft als Lernangebot und Auftragsarbeit bei Frank Wiechmann, Bereichsleiter Metallmontage. „Und eine neue CNC-Maschine kommt in Kürze hinzu“, teilt Wiechmann mit. Nebenan werden Bolzen und Nieten mit einem bearbeiteten Rohling zu Fensterbeschlägen montiert, mit Feinkontrolle auf Sauberkeit, Genauigkeit und Funktionalität. In einem anderen Raum werden Kunststoffschwämme (vier Größen und Farben) in Folien eingetütet, etikettiert, in Kartons verpackt und versandfertig gemacht. Jeder Mitarbeiter hat hier eine Teilaufgabe des Gesamtablaufs, fast wie am Fließband.

„Die Kunden erwarten ein gutes Ergebnis, wir müssen es zu einem marktfähigen Preis liefern, manchmal auch mit Zeitdruck“, erklärt Sterenberg. Die Angebote auf Ausschreibungen und Anfragen von außen, aber auch beim eigenständigen Werben um Aufträge, werden ähnlich kalkuliert wie in der Wirtschaft, aber mit anderen Stundenlöhnen wegen der langsameren Arbeit. „Wir kalkulieren dabei für alle Kunden gleich, wollen auch nicht als Billigalternative ausgenutzt werden“, erklärt Kanne. Da gebe es schon mal bundesweite Anfragen von weit entfernten Firmen, die bei Behindertenwerkstätten die Preise auf Schnäppchenhöhe drücken wollen. Kanne: „Da machen wir nicht mit.“

Entwicklung geht weiter

Die Auslastung der Werkstätten ist nicht immer hoch, schwankt mit der Konjunktur. „Als unser jahrelanger Renner Lattenroste für eine große Möbelkaufhauskette nicht mehr ging, mussten wir etwas neues finden“, erklärt Sterenberg. So kam 2016 die Fahrzeugpflege hinzu: Waschen, Reinigen, Polieren. Die Mitarbeiter wurden von einem führenden Pflegemittelhersteller geschult, die Angebote auf Flyern verbreitet. Bald stellten sich Kunden ein, die montags bis freitags ihr Fahrzeug schmutzig anliefern und tipptopp gepflegt nachmittags wieder abholen, aber nur nach Terminabsprache. Schon bald tauchte auch das Gewerbeaufsichtsamt zur Kontrolle auf. „Aber alles war gut, wir sind schließlich ein zertifizierter Betrieb, darauf legen auch viele unserer Kunden großen Wert“, stellt Sterenberg fest. Solche Angebote stehen aber oft in Konkurrenz zur freien Wirtschaft, das wird von dort nicht immer gern gesehen.

Und die Entwicklung geht weiter. „Im August soll unser neuer Küchenbereich eröffnen“, verrät Kanne. Dafür wird derzeit ein Raum umgebaut. „Für die Großküche der Paritätischen Lebenshilfe in Stadthagen (4000 Essensportionen pro Tag) entsteht hier ein Portionier- und Verteilstützpunkt.“ Das Essen kommt also in großen Gebinden gekühlt an, wird erhitzt, portioniert, in Thermobehälter gepackt und ausgeliefert, bei Bedarf kühl versandt und dann erst beim Kunden im Konvektomaten nachgegart. Ein neues Berufs- und Betätigungsfeld für Rinteln also.

„Unser Ziel ist es von Anfang an, Mitarbeiter fit für den ersten Arbeitsmarkt zu machen“, sagt Sterenberg. Wer sich gut macht, für den werden die Stellenangebote am Schwarzen Brett interessant, die von einem Betreuer auf Behindertentauglichkeit geprüft worden sind. Wer es nicht schafft, ist darüber nicht unbedingt traurig. Hier gefällt es vielen, sogar Sport in einer Halle, Erholen in Ruhezonen, Lesen und kreative Betätigung sind möglich. Essen gibt es mittags in zwei Speiseräumen der Gebäude beiderseits der Dieselstraße.

Das Gesamtgelände wird von eigenen Kräften gepflegt, dafür werden keine Gartenarbeiten mehr außer Haus angeboten. Für die Entwicklung weiterer Arbeitsangebote in Zukunft steht noch eine leere Halle mit Regalen zur Verfügung. Wer in einem Beruf nicht klarkommt, kann also wechseln. dil