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Rinteln Stadt Auf ewig an der Kette
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt Auf ewig an der Kette
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00:16 02.09.2013
Teils dicht beieinander hängen die Liebesschlösser auf der Weserbrücke. Manche haben eine ganz persönliche Note. Quelle: cok
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Von Cornelia Kurth Rinteln

Von Cornelia Kurth

Es sind kleine Schlösser, mit denen man sonst Kisten, Kästen und Türen verschließt und die nun an die Weserbrückenketten angeschlossen sind, unscheinbar die meisten, doch in ihrer Anzahl eindrucksvoll. Der Liebesschloss-Brauch existiert in Deutschland nämlich erst seit dem Jahr 2008, und das wohl älteste Rintelner Schloss trägt das Datum von 2009.

 Ob wohl jemand schon mal ein Paar beobachtet hat, dass sich, entweder tagsüber, zwischen Fußgängern, Radfahrern und vorbeifahrenden Autos, oder im Schutz von Dämmerung und Nacht, auf den Weg zur Brücke machte, dabei das Schloss in der Hand, dann entschied, wer von beiden es anschließen würde, wer den Schlüssel, wie es sein muss, in den Fluss wirft, und wie sie ihr Versprechen mit einem Kuss besiegeln? Vielleicht ist ja manchmal auch ein einzelner Mensch gekommen, um das Ritual im Geheimen auszuführen, wie eine Art Beschwörung. Vielleicht kamen manche, um das Bündnis nach einem Zerwürfnis neu zu besiegeln.

 Aus Italien wohl stammt der Brauch, sich symbolisch für immer und untrennbar aneinander zu ketten. Das heißt, es waren – nimmt man an – zunächst einfach Absolventen der Sanitätsakademie San Giorgio in Florenz, die die Schlösser ihrer Spinde an einem Gitter der Ponte Vecchio befestigten, im Sinne einer Befreiung vom alten und dem Eintritt in ein neues Leben. Das wirkte, besagt die Flüstergeschichte, so eindrucksvoll, dass dann Liebespaare in Rom damit begannen, diesen Liebeslebenseinschnitt mit solchen Schlössern zu dokumentieren und dabei die Schlüssel in den Tiber unter der Milvischen Brücke zu werfen, mit dem Ausruf „Für immer“. Der Bestseller-Roman „Ich steh’ auf Dich“ von Frederico Moccia schließlich machte den Brauch überregional bekannt, wobei die Kölner Hohenzollerbrücke als Erste berühmt wurde für ihre zig tausend Liebesschlösser, die sogar in einem Lied der Band „Höhner“ thematisiert wurden.

 Die Rintelner Liebesschlösser sind da nicht so spektakulär, und es besteht jedenfalls kein Anlass für die Stadt, etwa wegen Einsturzgefahr der Brücke aufgrund des zu hohen Eisengewichtes, den Brauch zu untersagen (anders als in Heidelberg, wo man fürchtete, die „Alte Brücke“ könne Schaden nehmen und wo in diesem Jahr alternativ extra ein „Liebesstein“ zum Anbringen des Treuezeichens aufgestellt wurde). Wer nicht besonders aufmerksam über die Weserbrücke geht, wird die vielen kleinen Schlösser gar nicht bemerken, da sie sich über die ganze Länge der Brückenketten verteilen und nur an beiden Seiten in der Mitte gehäuft auftreten. Viele sehen schon ziemlich eingerostet aus. Wo Namen, Datum und Liebesschwur nicht eingraviert, sondern nur draufgeschrieben wurden, ist die Schrift verblasst. Trotzdem lohnt es sich, diesen irgendwie rührenden, aber auch ein bisschen absurden Schlössern ein Augenmerk zu widmen. So sehr ja gerade das Angekettetsein alle möglichen Sorgen von Bindungsängstlichen auf den Punkt bringt, so liebeswürdig erscheint es andererseits, genau diese Ängste in Angriff zu nehmen und sie mutig im symbolischen Akt zu überwinden.

 Eines der Schlösser fällt besonders auf. Es ist kein einzelnes Schloss, sondern es sind zwei, die ineinandergreifen, und daran noch einmal befestigt ein ganz kleines Drittes, mit dem Namen eines kürzlich geborenen Kindes. Ob das winzige dritte Schloss wohl im Nachhinein angebracht wurde? Oder ob es gleich mit dabei war, weil man ja weiß, dass das, was zwei Menschen wirklich untrennbar für immer in Beziehung setzt, die Kinder sind? Nette Rätselfragen, die sich stellen können, wenn man plötzlich entdeckt hat, dass die Weserbrücke eine Liebesbrücke ist.

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