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Rinteln Stadt Fehlverhalten, Knappheit und Vorurteile
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00:24 19.04.2018
„Wir bekommen einfach nicht mehr so viel Ware aus den Märkten wie früher“: Koordinatorin Heidi Niemeyer im Sozialraum der Rintelner Tafel. Quelle: momo
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RINTELN

Eine solche Eskalation wie in Essen drohe aber nicht, sagt Heidi Niemeyer, Koordinatorin der Tafeln in Rinteln und Stadthagen sowie der Ausgabestellen Obernkirchen und Bad Nenndorf. Hier habe man frühzeitig mit einem Tag nur für Alleinerziehende und Senioren entgegengewirkt. Außerdem sei die Zahl der Flüchtlinge seit dem starken Zustrom 2015 rückläufig.

Dieser Eindruck entsteht bei den Kunden der Tafel hingegen weniger. Thomas Münch (Name geändert), langjähriger Besucher der Schaumburger Tafel an unterschiedlichen Standorten, stellt klar: „Es fing schon viel früher an, dass das mehr von denen wurden.“ Bereits 2014 seien mehr Migranten vor Ort gewesen. Münch bedauert vor allem deren „rücksichtsloseres“ Verhalten an den Ausgabestellen: „Die drängeln sich mit Kinderwagen vor und stellen sich direkt an die Tür.“ Er selbst habe immer schon eine halbe Stunde gewartet.

Szenen, die nicht sein müssten. Niemeyer erklärt, dass über die Reihenfolge bei der Ausgabe die Losnummer entscheidet: Wer zuerst kommt, ist also nicht zwangsläufig zuerst dran.

Auch andere Kunden der Tafel berichten: „Deutsch spricht dort eigentlich kaum noch jemand.“ Auch mit den Mitarbeitern der Ausgabestellen sei manchmal die Kommunikation auf Deutsch schwierig, nicht jeder Mitarbeiter sei ein Einheimischer.

Weniger Ware als früher

Vor ein paar Jahren noch sei auch die Auswahl bei den Tafeln größer gewesen, erzählt Münch. Der Weg bis zu den Migranten, die die Vorräte für die Einheimischen verknappen, ist auch diesmal nicht lang. Laut Niemeyer ist der Vorwurf jedoch nicht angebracht: „Wir bekommen einfach nicht mehr so viel Ware aus den Märkten wie früher.“ Schuld daran sei die neue Praxis der Discounter und Supermärkte seit August 2017, ihren Bedarf enger zu kalkulieren. Es werde weniger eingekauft. Doch nicht nur das: „Seit einer Weile reduzieren Discounter ihre Waren wenige Stunden vor Ladenschluss radikal.“ Die Folge: Weniger bleibt übrig.

Gerade Obst und Gemüse seien zurzeit schwer zu bekommen, weiß Niemeyer. Dennoch: „Wir als Tafel haben den Auftrag, dass so wenig Essen wie möglich weggeworfen wird.“ Dass diese Einsicht auch bei großen Supermarktketten durchgedrungen ist, sei grundsätzlich positiv. Doch die Tafeln leiden darunter.

Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel. Einige Märkte unterstützen die Angebote der Tafel, Marktkauf und Combi werden genannt. „Ob es Spenden- oder Sammelaktionen sind, Herr Kosic vom Marktkauf in Rinteln hilft zum Beispiel immer“, sagt Niemeyer.

Doch Münch erhebt auch da Vorwürfe: „Die besten Sachen behalten sie (die Mitarbeiter der Tafel, Anm. d. Red.) doch eh für sich selbst.“ Etwas, was Niemeyer nicht dulden würde, wäre sie Zeuge eines solchen Vorgangs. Auch Münch rudert mit seinen Vorwürfen zurück, als sein Begleiter einwirft, dass man pro Person nur zwei Euro bezahlen müsse und einen ganzen Einkauf bekomme: „Stimmt schon, für zwei Euro kannst du nicht meckern.“

Qualitative Unterschiede

Wohl aber bemerke man einen Unterschied in der Qualität, je nach Standort der Tafel. „In Obernkirchen gibt es immer die besten Sachen“, finden Münch und sein Begleiter. Abgeschlagen auf dem letzten Platz liege die Tafel Stadthagen, die am stärksten frequentiert würde.

Zu diesem Neid der Tafelgänger untereinander gesellt sich auch die Missgunst einiger, die die Tafel nicht nutzen. Niemeyer berichtet, dass sie immer wieder E-Mails von Denunzianten bekomme: Fotos von Biotonnen, in denen angeblich Tafel-Lebensmittel verrotten, stets mit dem Hinweis: „Der isst ja gar nicht, was Sie ihm geben, also geben Sie ihm nichts mehr.“ Auch Fotos von Leuten in Autos, die diese sich ja „niemals leisten könnten, wenn sie wirklich ein Recht auf die Tafel hätten“. Niemeyer hat dafür nur wenig übrig: „Wir prüfen den Anspruch jedes Einzelnen. Wenn er die Vorgaben erfüllt, dann hat er einen Anspruch auf die Hilfe der Tafel – welches Auto er auch fährt, ob er unser Essen isst oder nicht.“

Berechtigt ist jeder, der einen Rentenbescheid, Aufenthaltstitel, ALG-II- oder BAföG-Bescheid vorweisen kann. Jeder Berechtigte darf bei der Ausgabe seine Wünsche äußern; die Mitarbeiter versuchen, diese so weit es geht zu berücksichtigen. Von Vegetariern bis Moslems muss niemand etwas nehmen, was er nicht mag.

Warum dennoch Lebensmittel in der Mülltonne landen, versteht Niemeyer nicht. Aber sie versteht auch nicht, warum man ihr deswegen wütende E-Mails schreiben sollte.

Von Maurice Mühlenmeier

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