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Rinteln Stadt Fluchtgeschichten auf der Bühne
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00:26 14.12.2015
 Regisseur Roshde Al-Fatlove mit seiner Frau Yasmine. Quelle: pk
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Rinteln

Sein zweijähriger Sohn wurde entführt.

 Er hatte vor der Haustür in Bagdad gespielt, als die Entführer im Juli kamen und ihn mitnahmen. 20000 US-Dollar Lösegeld forderten die Kidnapper. Außerdem sollte Al-Fatlove seine Arbeit als Regisseur niederlegen. Als solcher hatte er für eine politische Nachrichtensendung gearbeitet, die Machenschaften von kriminellen Vereinigungen aufdeckte. So auch über die Bande, die deshalb schließlich seinen Sohn entführte.

 Zwar habe er die Polizei alarmiert, aber aus Angst um seinen Sohn zahlte er hinter dem Rücken der Polizei das Lösegeld. Nach zwei Tagen hatte er seinen Sohn zurück. Äußerlich schien es ihm zwar gut zu gehen, nachts jedoch wachte er schreiend auf, weinte, litt unter Albträumen. Auch deshalb heißt das Theaterstück, das der 37-Jährige in der Notunterkunft inszenierte, „Albtraum“, auf Arabisch Kabus.

 Nach der Entführung war klar, dass Al-Fatlove in Bagdad kein normales Leben mehr würde führen können. Gemeinsam mit seiner Frau Yasmine Al Ghanmi erwog er zunächst, in eine andere irakische Stadt umzuziehen. Aber auch dort, befürchteten sie, würde er nicht wirklich seiner Arbeit nachgehen können.

 Also weg. Nach Deutschland. Mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner vierjährigen Tochter. Doch mit der Flucht begann der nächste Albtraum. Nach drei Wochen Aufenthalt in der Türkei sollte es Anfang September mit einem großen Schiff nach Griechenland gehen. Doch das sank. Glücklicherweise konnten sie von der türkischen Küstenwache gerettet werden. Sechs Tage später wagten sie einen zweiten Versuch – in einem Schlauchboot. Dieses Mal hatten sie Glück.

 Von Griechenland aus ging es zu Fuß weiter nach Deutschland. Und warum ausgerechnet Deutschland? „Hier ist es friedlich, hier gibt es Hoffnung, hier wird mit den Flüchtlingen menschlich umgegangen, und die Politik steht hinter den Flüchtlingen“, sagt Al-Fatlove, während Wissem Ben Larbi, ein Sozialarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes, übersetzt. Ob er wisse, dass nicht alle Deutschen den Flüchtlingen wohlgesonnen seien? „Ja“, sagt er, „aber das ist kein Phänomen, das auf Deutschland beschränkt ist.“ Er hege die Hoffnung, dass diese Deutschen irgendwann einsehen, dass die Flüchtlinge auch etwas für Deutschland tun.

 Sorge, wieder zurück in den Irak geschickt zu werden, habe er eigentlich nicht. „Ich kann die Entführung meines Sohnes und die Bedrohungen, denen ich ausgesetzt war, beweisen“, sagt er. „Aber beruhigt werde ich erst sein, wenn das Verfahren erfolgreich abgeschlossen ist.“

 Nun hofft er, wieder als Kameramann für das Fernsehen oder als Regisseur arbeiten zu können. Bislang beschränkt sich diese Arbeit auf sein unentgeltliches Tun in der Prince Rupert School. Dem Theaterstück „Albtraum“ gingen knapp vier Wochen intensives Proben voraus. Aber mit Geld ist dieses Theaterstück, das nicht nur unterhalten, sondern etwas verarbeiten und vermitteln wollte, ohnehin nicht aufzuwiegen.

 „Was wir sagen wollten, haben wir geschafft“, sagt Al-Fatlove. Sowohl von den deutschen Zuschauern als auch von den Flüchtlingen habe ihn viel positives Feedback erreicht. Die Deutschen haben wissen wollen: Ist das wirklich so passiert? „Nein“, habe er geantwortet, „das Stück zeigt nur zehn Prozent.“ Und unter den Flüchtlingen hätten einige geweint – vor allem die Kinder – und ihn nach der Aufführung gefragt: Wieso hast du das gemacht? „Wir mussten es so machen, schließlich war unsere Reise keine Urlaubsreise.“

 Das Theaterstück ist derzeit der einzige „Albtraum“, der Al-Fatlove noch beschäftigt. Michael Pawel, der Schulleiter des Gymnasiums Adolfinum in Bückeburg, hat bereits Interesse bekundet, das Stück an seiner Schule aufführen zu lassen. Morgen fängt die Theatergruppe wieder mit den Proben an. Und Al-Fatloves kleiner Sohn hat inzwischen auch keine Albträume mehr.pk Ghanmi auf der Bühne der Prince Rupert School.pk

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