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Rinteln Stadt Heimatdichter war Hitlers Vordenker
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt Heimatdichter war Hitlers Vordenker
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18:46 11.11.2011
In der Rintelner Nordstadt ist eine Straße nach dem Dichter Heinrich Sohnrey benannt worden. © tol

Rinteln (ll). Die aktuellste Studie eines Göttinger Literaturwissenschaftlers wirft nun dunkle Schatten auf die Geschichte Sohnreys. Jüngst hat Professor Frank Möbus, Leiter der Arbeitsstelle zur Ermittlung von nationalsozialistischem Raub- und Beutegut an der Universität Göttingen, belegt, dass der Dichter nicht nur der Ideologie der Nationalsozialisten im Dritten Reich nahegestanden habe. Vielmehr habe Sohnrey in seinen Schriften auch die Rassentheorie der Nazis maßgeblich beeinflusst.

Sohnrey war schon deutlich vor 1933 überzeugter Nazi“, erklärte Möbus. Dieser Ideologie sei der Dichter zeitlebens verhaftet geblieben. „Und er hat bereits in den zwanziger Jahren den Angriff auf Polen beschworen.“ Die Lektüre von Sohnreys Werken beweise, so Möbus, dass der Dichter unter anderem 1933 neben 87 anderen Literaten „das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler“ unterzeichnet hat. Der Göttinger Professor führt weiter aus: „Tatsache ist auch, dass er in seinen Texten Zigeuner und Polen als ,minderwertige Rassen‘ bezeichnet hat.“ Ein Buch aus dem Jahr 1934, so belegen es Möbus‘ Nachforschungen, bezeichnet Heinrich Sohnrey sogar als „Vorher-Verkünder des Führers Adolf Hitler“.

Lange Zeit galt der Namensgeber unzähliger Straßen als „politischer Vordenker“, der sich für die Verbesserung der Lebensverhältnisse auf dem Land und den Erhalt dörflicher Strukturen engagiert hatte. Von der Verbreitung der Nazi-Ideologie durch Sohnrey war nie die Rede, über seine Werke lagen bislang nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse vor.

Die jüngsten Studienergebnisse schlagen insbesondere in Südniedersachsen hohe Wellen: Die Sohnrey-Realschule in Hannoversch Münden stellte beim Landkreis Göttingen bereits den Antrag auf eine Umbenennung der Schule. Medienberichten zufolge wird sich der Göttinger Schulausschuss Ende November mit der Frage befassen. Die Ortsverbände der Grünen und der Linken im Hannoversch Mündener Rat wollen zudem einen Antrag auf Umbenennung der dortigen Sohnrey-Straße einbringen. Auch der Ortsrat des Göttinger Stadtteils Geismar will sich demnächst mit der Frage befassen, ob die dortige Heinrich-Sohnrey-Straße umbenannt werden soll.

An der traditionsreichen Georg-August-Universität in Göttingen kündigt sich ebenfalls eine drastische Reaktion auf die Forschungen aus eigenem Hause an: Die Universität hatte Heinrich Sohnrey im Jahr 1934 die Ehrenbürgerschaft verliehen. Diese droht dem Dichter nun post mortem entzogen zu werden. „Die Universitätsleitung prüft derzeit die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft“, sagte Universitätssprecher Romas Bielke auf Anfrage. Die Forschungsergebnisse des Literaturwissenschaftlers Möbus seien „noch relativ frisch“, gäben dem Universitätspräsidium aber Anlass zu einer eingehenden Untersuchung. Die Rechtsabteilung wurde mit einer Prüfung des Falles beauftragt, sagte Bielke.

Im Rintelner Ortsrat wurde das Thema bei der jüngsten Sitzung als Tagesordnungspunkt für die nächste Zusammenkunft vorgeschlagen. WGS-Ratsherr Gert Armin Neuhäuser gab im Hinblick auf eine Straßenumbenennung zu bedenken, dass mit einer Diskussion um den Heinrich-Sohnrey-Weg gleichzeitig andere Straßennamen infrage gestellt würden. Diese Einschätzung teilt auch der Erste Stadtrat Jörg Schröder: „Straßenumbenennungen betreffen in erster Linie die Anlieger. Die Entscheidung zu einer Umbenennung hätte auch Folgewirkungen.“

Helma Hartmann-Grolm, SPD-Fraktionsvorsitzende im Rintelner Ortsrat und Ratsfrau im Kreistag, ist pikanterweise selbst Anwohnerin des Heinrich-Sohnrey-Wegs in der Nordstadt. „Wir sollten die Sache mit kritischem Blick weiterverfolgen“, sagt sie, räumt aber ein, dass zum Zeitpunkt der Namensgebung die Geschichte Sohnreys nicht hinreichend bekannt gewesen sei. „Im Zweifel müsste aber auch über eine Umbenennung nachgedacht werden“, sagt Hartmann-Grolm.

Die Debatte um Namenszüge auf Straßenschildern von Schriftstellern, die dem NS-Regime nahegestanden haben, ist im Landkreis Schaumburg nicht neu. Bad Nenndorf etwa führte lange Debatten um Gedächtnisstätten der dort geborenen Agnes Miegel. Nicht weit vom Heinrich-Sohnrey-Weg entfernt befindet sich in Rinteln ebenfalls ein Agnes-Miegel-Weg.