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Rinteln Stadt „Kahlfrost“: 500 Euro minus pro Hektar
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt „Kahlfrost“: 500 Euro minus pro Hektar
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06:17 06.04.2012
Auf den Feldern in Rinteln muss nach Unterpflügen der verfrorenen Wintersaat jetzt neu gedrillt werden – wie hier in Möllenbeck. Quelle: tol
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Rinteln

Rinteln (wm). Heimische Landwirte schätzen den Schaden je nach Lage und Sorte auf mindestens 500 Euro pro Hektar. Den meisten Getreideanbauern bleibt nur übrig, die Wintersaat unterzupflügen und Sommergetreide auszusäen. Was die Situation zusätzlich verschärft: Das Sommersaatgut ist knapp und damit automatisch teuer. Zurzeit werde das Doppelte bis Dreifache für Saatgut gefordert und bezahlt, wenn man überhaupt noch Saatgut bekommt, schildert Grupe.

 Der Strücker Landwirt Heinrich Schnare nennt einen weiteren Faktor, der sich in der Bilanz niederschlägt: Wintergetreide bringt einen wesentlich höheren Ertrag als Sommergetreide. Je nach Lage 90 Doppelzentner je Hektar statt nur 60 Doppelzentner wie beim Sommergetreide. Da es kaum mehr Saatgetreide gibt, will Schnare jetzt auf diesen Flächen Mais anbauen.

 Ursache war eine seltene Wetterkonstellation, wie sie höchstens einmal im Jahrzehnt auftritt: Im September, Oktober und teilweise noch im November, wenn die Rüben geerntet sind, wird Weizen und Gerste gedrillt. Der Frühwinter im November und Dezember, sogar noch im Januar war diesmal ungewöhnlich mild, damit ist auch kaum Schnee gefallen, der eine schützende Decke über die Wintersaat hätte breiten können.

 Dann kam im Februar der Sturz in den Gefrierkeller, verursacht vom Hoch „Dieter“ aus Sibirien. Die Temperaturen fielen bis auf minus 17 Grad, erinnert Meteorologe Reinhard Zakrzewski, ein stabiles Hoch, das dem Schaumburger Land den kältesten Februarbeginn seit 1947 beschert hat.

 Stürmischer Wind und Sonne haben die Böden zusätzlich ausgetrocknet. Diese Kombination aus Kälte und Trockenheit habe die Pflanzen erfrieren und vertrocknen lassen, schildert Anne Bollhöfer von der Domäne in Möllenbeck. „Kahlfrost“ nennt man das. Und der ist in ganz Niedersachsen aufgetreten, betonte gestern Heike Marheineke vom Landvolk-Pressedienst, wenn auch nicht überall so folgenreich wie im Wesertal. In diesem Ausmaß habe es das in den vergangenen 50 Jahren nicht gegeben.

 Bei uns seien vor allem Bestände, die bereits viel Blätter und Masse gebildet hatten, besonders betroffen gewesen, hat Hermann Grupe beobachtet. Wie groß letztlich der Ausfall wurde, das sei auch abhängig vom Standort – ob eine geschützte Lage oder Äcker, über die der Wind ungebremst fegen konnte. Das Problem war also, abzuschätzen, welche Teilbestände sich erholen könnten, „neu bestocken“, wie Landwirte sagen, oder wo es besser war, in teure Neusaat zu investieren.

 Anne Bollhöfer schätzt, dass etwa 60 Prozent der Wintersaat auf ihren Äckern erfroren sind. Liselotte Meier aus Engern bestätigte, man habe ebenfalls Ausfälle beim Wintergetreide und säe gerade neu ein. Wie groß der Ausfall sei, könne sie noch nicht abschätzen.

 Biobauer Wilhelm Mohrmann aus Exten ist von Schäden verschont geblieben, ebenso Stefan Fitzner, Betriebsleiter des landwirtschaftlichen Betriebes der Saatzucht Dieckmann von der Domäne Coverden in Schaumburg. Beide allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen.

 Mohrmann geht davon aus, dass es die geschützte Lage seiner Felder bei Exten war. Fitzner sagt, bei diesem extremen Frost habe sich Eigenzucht des Saatgutbetriebes Dieckmann bewährt. Er habe keinen Hektar der immerhin rund 650 Hektar großen Flächen umbrechen und neu einsäen müssen. Besonders beim Winterroggen wie beim Raps habe er keinen Quadratmeter Ausfall gesehen.

 Für Fitzner ist Sortenwahl auch immer eine Frage der Abwägung: Es gebe Kollegen, die setzten ausschließlich auf Weizen und ausschließlich auf besonders ertragreichen Sorten, die nicht zwangsläufig auch winterhart sind. Manchmal gehe das gut, in diesem Jahr eben nicht: „Das bedeutet 100 Prozent möglicher Gewinn oder 100 Prozent Verlust und damit Risiko.“

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