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Rinteln / Arbeiten im Ausland

Türkei: Keiner sitzt mehr auf gepackten Koffern


2011 gab es ein besonderes Jubiläum: Vor 50 Jahren sind die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, viele hier heimisch geworden, wie ihre Kinder und Enkel (wir berichteten). Angestoßen worden ist damit eine Debatte über gelungene oder gescheiterte Integration. In Rinteln gibt es positive Beispiele. Wie die Geschichte von Adnan Öztürk, einem in der Weserstadt bekannten Rechtsanwalt.

Rinteln (wm). Ein türkischer Anwalt ist vor allem für türkische Mitbürger da? Öztürk lacht – nein, nein, er habe selbstverständlich türkische Landsleute als Mandanten, aber auch viele Deutsche. Bei einem Anwalt entscheide letztlich die fachliche Qualifikation, sein Spezialwissen über einen bestimmten Rechtsbereich.

Im Alter von drei Jahren ist er 1972 mit seiner Mutter nach Deutschland gekommen, nicht mit dem Zug, sondern im Flugzeug. Das war damals schon ein Privileg. Sein Vater, ein Schneidermeister, arbeitete bereits in Deutschland, zuerst in einer Wollfärberei, dann bei Volkswagen in Hannover – in der Fertigung für Autositzbezüge. Ein guter Job.

„Ich war in der Schule der einzige Türke, der einzige Ausländer überhaupt, schildert Öztürk. Doch mit negativen Geschichten über Mobbing oder Ausgrenzung, wie man es oft hört und liest, könne er nicht dienen. Er habe bessere Erfahrungen gemacht als sein Berufskollege Mehmet Daimagüler, der mit seiner Autobiografie („Kein schönes Land in dieser Zeit“) einen Bestseller gelandet hat und seine Schulzeit als Martyrium schildert.
Öztürk studierte nach dem Abitur Jura und Politikwissenschaften in Göttingen. Erst da habe man ihm zu verstehen gegeben, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass ein Türke an einer deutschen Universität studieren kann. Doch er will nicht dramatisieren. Nur so viel: Es war nicht immer einfach.

1998 kam er nach Rinteln, in die Anwaltssozietät von Ulrich Elsner und Ralf Aden. Heute arbeitet er mit Rechtsanwalt Aden in der Krönerstraße zusammen, der sich unter anderem um die Probleme von Spätaussiedlern aus Russland kümmert. Konsequenterweise liegen im Wartezimmer russische und türkische Zeitungen aus.

Türken in Deutschland, sagt Öztürk, haben die gleichen Probleme wie Deutsche und dazu ein paar mehr, die daraus resultieren, dass türkisches und deutsches Recht nur begrenzt kompatibel ist. Ist jemand beispielsweise nach deutschem Recht geschieden, gilt das noch lange nicht im türkischen Rechtsraum. Da ist es unter anderem entscheidend, wie wurde geheiratet: nach türkischem oder deutschem Recht. Meist geht es mit der Frage nach dem Unterhalt sofort in die nächste Runde. Da lauern ohne juristischen Beistand an jeder Ecke die Fallstricke. Öztürk: „Da muss man sorgfältig arbeiten, damit sich keine Verfahrensfehler einschleichen.“ Er ist sicher: Schon der Gesetzgeber und die Tatsache, dass die Zahl der binationalen Ehen steigt, werden dafür sorgen, dass die juristische Arbeit schwieriger wird.

Türken der ersten Generation in Deutschland gehen jetzt in Rente, und viele wollen zurück in die Türkei. Damit tauchen Fragen auf wie: Was wird mit meinen hier erworbenen Rentenansprüchen, was mit meiner Krankenversicherung? Dann gebe es deutsche Rentner, die ihren Lebensabend an der türkischen Riviera verbringen wollen, einfach, weil es dort warm und preiswerter ist. In Alanya leben inzwischen rund 10 000 Deutsche. Auch dort sind juristische Konflikte möglich, sagt Öztürk, beispielsweise beim Immobilienrecht. Zudem steige die Zahl der Unternehmer, die bei ihm um juristischen Rat nachsuchen, weil sie in der Türkei tätig werden wollen. Der Boom am Bosporus hat sich längst bis zu uns herumgesprochen.
Deshalb stimme auch das Klischee nicht mehr, sagt Öztürk, dass „die Menschen in der Türkei auf gepackten Koffern sitzen und darauf warten, in Alemanya arbeiten zu dürfen“. Bei den Hochqualifizierten habe sich der Prozess sogar umgekehrt: „Die gehen in die Türkei zurück, weil es dort die besseren Jobs gibt.“ Seit dem Jahr 2006 wandern im Durchschnitt mehr Menschen in die Türkei aus als von der Türkei nach Deutschland ein.
Er habe jüngst einen Praktikanten vertreten, dem die Ausländerbehörde bei einer Verfahrensfrage das Leben unnötig schwer habe machen wollen. Studenten und Praktikanten müssen eine bestimmte Geldsumme hinterlegen, um zu beweisen, dass sie in Deutschland ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können. Hier habe es Unstimmigkeiten gegeben, die er für den Studenten habe ausräumen können: Es war letztlich Ermessenssache der Sachbearbeiterin.

„Jetzt stellen sie sich einmal vor, der Praktikant, der bei einem großen deutschen Konzern tätig war und demnächst seine Doktorarbeit schreibt, kommt in die Türkei zurück. Dort wird er in absehbarer Zeit in einem großen Unternehmen im Management sitzen und darüber mit beschließen, kriegt eine deutsche oder eine andere Firma einen Auftrag. Sie dürfen raten, wie sich der Mann nach seinen negativen Erfahrungen hier entscheiden wird.“ Ein Stimmungswandel, der sich auch in der Politik ausdrückt. „Die Notwendigkeit eines Beitritts in die EU wird, wenn Sie sich mit Türken unterhalten, längst nicht mehr gesehen.“

Seine Eltern und seine Schwester leben in der Türkei, und so pendelt er zwischen beiden Welten und erlebt immer wieder, dass der Schlüssel zur Verständigung die Sprache ist: „Da sitzt der Enkel auf dem Schoß des Großvaters, und der Vater muss dem Enkel übersetzen, was der Großvater gemeint hat, und dem Großvater, worüber der Enkel spricht.“ Sprache, sagt Öztürk – und hier ist er sich mit seinem Berufskollegen Mehmet Daimagüler einig, ist das Wichtigste überhaupt, soll das Zusammenleben funktionieren. Spracherziehung müsse deshalb schon im Kindergarten beginnen und sich in der Schule fortsetzen. Seine drei Kinder wachsen dreisprachig auf: Sie lernen und sprechen Deutsch, Türkisch und Englisch.

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